Vor 60 Jahren Volksaufstand gegen China

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  • Tibet - 05.03.2019

Seit 60 Jahren ist der Dalai Lama überall auf der Welt zu finden - nur nicht dort, wo er eigentlich hingehört: in Tibet. 1959 musste er vor dem Besatzer China ins indische Dharamsala fliehen, wo er bis heute residiert.

An diesem Mittwoch, 6. März, will der Prager Oberbürgermeister Zdenek Hrib den tibetischen Exil-Ministerpräsidenten Lobsang Sangay empfangen – und am Freitag die Flagge Tibets am Prager Magistrat hissen. Damit brüskiert der Piraten-Politiker nicht nur Tschechiens Staatspräsident Milos Zeman. Er setzt vor allem ein Zeichen zum 60. Jahrestag des Volksaufstands der Tibeter gegen die chinesische Besetzung in Lhasa.

Der 14. Dalai Lama, das damals 23 Jahre junge Oberhaupt der Tibeter, war für den Nachmittag des 10. März 1959 zu einer Theateraufführung ins Hauptquartier der chinesischen Besatzungsarmee eingeladen. Die Stimmung in Tibets Hauptstadt war angesichts von Unruhen im Osten des Landes höchst angespannt. Am Vorabend munkelte man in der Stadt von einer Falle. Sollte der Dalai Lama entführt werden?

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Am nächsten Morgen waren 30.000 Menschen auf den Beinen. Sie zogen vor den Sommerpalast, um den Dalai Lama zu schützen. In dem Tumult wurde ein Mönchsbeamter von der aufgebrachten Menge gesteinigt. Bald schon machten sich politische Forderungen Luft: vor allem eine Rücknahme des 17-Punkte-Programms von 1951, das den chinesischen Einmarsch im Vorjahr legitimierte und Tibet zu einem integralen Bestandteil Chinas erklärte. Die Lage drohte aus dem Ruder zu laufen. Doch noch zögerte die Armee durchzugreifen; in Peking hatte das Mao-Regime dieser Tage noch drängendere Krisen zu bewältigen.

Unter keinen Umständen durfte der Dalai Lama durch mögliche chinesische Gewalt sterben; das hätte für die tibetische Seele das Ende des ganzen Volkes bedeutet. Daher entschied sich die tibetische Führung zur Flucht. Am 17. März entkam der Dalai Lama und erreichte nach 14 Tagen Marsch und rund 400 Kilometern die Grenze zu Indien. Im Exil, hoffend, vielleicht schon bald zurückkehren zu können, wurde er von internationalen Medien neugierig begrüßt. In der Heimat hatte unterdessen ein Massaker stattgefunden: Blutig hatten die Besatzer den Aufstand in Lhasa niedergeworfen. Im Garten des Sommerpalastes türmten sich Hunderte Leichen.

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60 Jahre sind seither vergangen. Noch immer residiert der 14. Dalai Lama in seinem indischen Exil in Dharamsala. Er ist inzwischen 83 Jahre alt. Wer wird eines Tages auf ihn folgen? Natürlich die 15. Reinkarnation, mag man sagen. Doch die Sache ist komplizierter. Seit Jahrzehnten macht Peking das „Dach der Welt“ durch Umsiedlung und „Stadtsanierungen“ immer chinesischer – und versucht stets, den Dalai Lama zu diskreditieren. So heißt es etwa, seine „reaktionäre Haltung“ unterminiere die Bemühungen um eine wirtschaftliche Entwicklung Tibets. Deshalb, so kolportiert Chinas Führung, verliere er auch den Rückhalt bei den eigenen Leuten.

Tatsächlich gibt es Unzufriedene unter den Tibetern – allerdings aus einem anderen Grund. Sie glauben, der stets höfliche und ganz und gar gewaltfreie Exil-König mache den Besatzern zu viele Zugeständnisse. Im Lauf der Jahre hat der Dalai Lama wiederholt Vorschläge zum verfahrenen Tibet-Status gemacht; etwa eine Anerkennung der chinesischen Oberhoheit bei gleichzeitiger Gewährung einer echten Autonomie. Doch Peking will davon nichts wissen. Dort weiß man: Die Zeit arbeitet für die Besatzer; die Welt gewöhnt sich an den Status quo.

Nach den blutigen Zusammenstößen 2008 in Lhasa gab der Dalai Lama 2011 seine weltliche Macht – beziehungsweise Machtlosigkeit – an einen gewählten Ministerpräsidenten ab, Lobsang Sangay. Die religiöse Dimension des Amtes als Oberhaupt des tibetischen Buddhismus bleibt vorerst erhalten. Die besonnenen Kräfte in Tibet wünschen dem charismatischen 14. Dalai Lama ein langes Leben. Denn dass die Auseinandersetzung mit China unter einem Nachfolger in Freiheit gelöst werden kann, glauben sie nicht. Und dass der Weg in die Gewalt der richtige sein sollte, auch nicht.

Wo er als 15. Dalai Lama wiedergeboren werden wird, da hat er sich – denn es handelt sich qua Lehre um eine willentliche Weitergabe – grob festgelegt: außerhalb des besetzten Tibet, dem Zugriff und der Manipulation Chinas entzogen. Auch wenn die Suche der Lama-Mönche damit noch länger dauern dürfte als sonst – eine Verstetigung des Konflikts wäre so programmiert.

Vor einigen Jahren hat der geistliche Führer gar ein ganz neues Fass aufgemacht, dessen Deutung nicht ganz einfach ist. Ob es nicht klug wäre, fragte er, die Tradition mit einer weltweit angesehenen Inkarnation enden zu lassen, statt die Nachfolge eines „dummen“ oder umstrittenen 15. Dalai Lama möglich zu machen? „Dumm“ wäre, nach westlicher Lesart, eine vermeintliche Reinkarnation unter chinesischer Kontrolle. Doch was bedeutet das konkret?

Über sechs Jahrzehnte hat sich der 14. Dalai Lama Respekt und Sympathie der internationalen Gemeinschaft erarbeitet. Was er nicht geschafft hat, ist, dort auch dauerhafte Unterstützung einer tibetischen Autonomie zu erhalten. Und wenn das einem langjährigem Friedensnobelpreisträger nicht gelungen ist, ist zweifelhaft, ob es seiner kleinkindlichen 15. Reinkarnation gelingen würde; umso mehr, als auch sie mit Sicherheit von China oder gar auch innertibetisch angefochten werden dürfte.

In der westlichen Welt geht es dem Dalai Lama und seinem Regierungschef zumeist so wie in Prag, wo sich Lobsang Sangay in dieser Woche auf Einladung des Menschenrechts-Filmfestivals „Jeden svet“ aufhält. Solidarische Politiker treffen sich mit ihnen; doch die jeweilige Staatsspitze geht auf Distanz, um die eigenen Wirtschaftsbeziehungen mit China nicht zu gefährden. An diesem Kotau vor Peking hat sich in den vergangenen 60 Jahren nicht die Bohne geändert.