Französische Bischöfe knien bei Bußfeier für Missbrauchsopfer

  • Lourdes - 08.11.2021

Die französischen Bischöfe haben im Zuge ihrer Vollversammlung in Lourdes eine Bußfeier mit der Bitte um Vergebung für sexuellen Missbrauch abgehalten. An der Zusammenkunft der 120 Bischöfe am Samstag nahmen auch Betroffene von sexuellem Missbrauch teil, wie die Zeitung „La Croix“ berichtete.

 „O Gott, vergib uns, dass wir nicht verstanden haben, dass die Macht, die du uns gibst, eine unermüdliche Vorbildfunktion erfordert. Vergib uns, dass wir deine Barmherzigkeit mit Toleranz gegenüber dem Bösen verwechselt haben“, wird der Bischofskonferenz-Vorsitzende Eric de Moulins-Beaufort zitiert. Zahlreiche Bischöfe seien bei dem Bußgebet spontan niedergekniet. Auf Wunsch der Betroffenen trugen die Bischöfe laut „La Croix“ keine liturgischen Gewänder.

Anders als bei einer früheren Bußfeier im November 2016 in Lourdes baten die Bischöfe diesmal nicht die Betroffenen um Vergebung. Die Zeit der Vergebung sei noch nicht gekommen, solange keine Zahlungen an die Missbrauchsopfer erfolgt seien, zitiert „La Croix“ Brigitte Navail, eine der Betroffenen, die die Bußfeier mitorganisiert hatte. „Es ist ein Prozess, dessen erster Schritt dieser Tag ist.“

Zuvor hatte de Moulins-Beaufort am Freitag die institutionelle Verantwortung der Kirche für die Fälle des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen anerkannt. Die Bischöfe hätten bekräftigt, dass den Taten eine „systemische Dimension“ zugrunde liege und durch einen „globalen Kontext“ ermöglicht worden seien, erklärte der Erzbischof von Reims vor Medienvertretern.

Diese doppelte Anerkennung sei eine „wichtige Etappe“ gewesen, die den Weg für ein „Werk der Gerechtigkeit und Wahrheit“ öffne, so der Erzbischof weiter. Auf dieser Grundlage wolle die Bischofskonferenz nun weiterarbeiten. Gleichzeitig erneuerten die Bischöfe laut de Moulins-Beaufort ihre Zustimmung zu der bereits bei der Versammlung im März beschlossenen Resolution, die elf Maßnahmen zur Bekämpfung von sexuellem Missbrauch in der Kirche aufführe.

Sexueller Missbrauch von Minderjährigen in Frankreich ist das vorherrschende Thema des seit Dienstag stattfindenden Treffens. Dieser war in einer Anfang Oktober vorgestellten Studie aufgearbeitet worden, die seit 1950 rund 216.000 Opfer sexueller Übergriffe durch Priester, Ordensleute und Kirchenmitarbeiter aufführte. Der nach dem Vorsitzenden der Untersuchungskommission, dem früheren Richter Jean-Marc Sauve, benannte Bericht hatte ein großes mediales Echo ausgelöst und zu teils scharfer Kritik gegen die Bischöfe geführt. Die Versammlung endet am Montag.

Gebetstag für Betroffene sexuellen Missbrauchs

Wie in den vergangenen Jahren lädt die katholische Kirche weltweit zu einem Gebetstag für Betroffene sexuellen Missbrauchs ein. Die Anregung geht auf Papst Franziskus zurück. Der Gebetstag findet in zeitlicher Nähe zum „Europäischen Tag zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch“ (18. November) statt, der vom Europarat initiiert wurde. In diesem Jahr wird empfohlen, den Gebetstag im Zeitraum zwischen dem 33. Sonntag im Jahreskreis (14. November 2021) und dem Christkönigsfest (21. November 2021) zu begehen.

Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier), Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes, ermutigt Pfarrgemeinden und Verbände, den Gebetstag erneut zu nutzen: „Das Thema sexueller Missbrauch lässt uns nicht los. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber den Betroffenen sexueller Gewalt im kirchlichen Kontext. Es ist gut, dass wir in den vergangenen Jahren sichtbare Schritte der Aufarbeitung auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz und der Bistümer gegangen sind.“ Gleichzeitig, so Bischof Ackermann, sei es ein gutes Zeichen, Räume für das Gebet zu öffnen und der Trauer und dem Schmerz Raum zu geben. „Das Gebet soll nicht von der Aufarbeitung ablenken, aber für uns als Christinnen und Christen gehört das Gebet dazu: die Bitte um Vergebung, die Bitte um Stärkung, die Bitte um Zuversicht. Ganz bewusst laden wir mit dem jetzigen Gebetstag ein, auf die Kraft des Gebetes zu vertrauen. Denn es gibt Situationen, in denen wir mit unseren Möglichkeiten an Grenzen stoßen.“

Bischof Ackermann würdigt auch die verschiedenen Initiativen in Pfarrgemeinden, die einen Ort der Erinnerung eingerichtet haben: „Davon wünsche ich mir noch mehr, damit das Geschehene nicht vergessen wird und ein solcher Ort uns mahnt, hinzuschauen und präventiv zu handeln. Solche Orte des Gedenkens, der Trauer und der Stille können helfen – und auch zum Gebet einladen.“ Mit dem Gebetstag solle ein bewusstes Zeichen für die Anerkennung des Leids und Solidarität mit den Betroffenen des sexuellen Missbrauchs gesetzt werden, so Bischof Ackermann.

Hinweis:

Wie bereits in den vergangenen Jahren bietet die Deutsche Bischofskonferenz unter www.dbk.de auf der Themenseite Sexualisierte Gewalt und Prävention Materialien für den Gebetstag an: Gebete, Andachten und Predigtentwurf sowie ein Verzeichnis hilfreicher Bibelstellen und Stimmen Betroffener.

Missbrauch - 03.05.2021

Im Interview erläutert der Leiter des CCP, der Psychologe und Theologe Hans Zollner (54), warum der Kampf gegen Missbrauch thematisch ausgeweitet werden muss. Und er kritisiert: Andere Institutionen hinken hinterher.


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