Guterres bleibt weitere fünf Jahre UNO-Generalsekretär

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  • Vereinte Nationen - 21.06.2021

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gratulierte herzlich – auch wissend, dass sie solcher Sorgen und Verantwortung bald ledig ist: „In Ihrer ersten Amtszeit haben Sie sich, neben Ihrem Engagement für friedliche Konfliktlösungen, insbesondere für den Klimaschutz und innovative Lösungen für globale Probleme eingesetzt. Gerade die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass die Fähigkeit der Vereinten Nationen, schnell auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren, essentiell ist.“

UNO-Generalsekretär Antonio Manuel de Oliveira Guterres ist am Freitag in New York erwartungsgemäß für eine zweite Amtszeit von fünf Jahren bestätigt worden. Zu dem 72-jährigen Portugiesen gab es keinen Gegenkandidaten – und auch keine Gegenstimme. Bis Ende 2026 darf oder muss er nun den Tanker der Weltorganisation durch schwere See steuern.

Zu seinen zentralen Aufgaben gehört, was Guterres in seiner Rede nach der Abstimmung tat: Zusammenhalt der Weltgemeinschaft angesichts der globalen Herausforderungen einzufordern. Die Welt stehe „an der Schwelle einer neuen Ära“. Der UNO-Generalsekretär wörtlich: „Es kann in beide Richtungen laufen: Kollaps und dauerhafte Krise oder aber Durchbruch – und Aussichten auf eine grünere, sicherere und bessere Zukunft.“ Und auch das gehört zu seinem Job: „Gründe für Hoffnung“ zu beschwören.

Schließlich hat die Corona-Pandemie ungezählte Fortschritte und Bemühungen zur Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele zunichte gemacht, etwa bei der Bekämpfung von Armut und Hunger, bei der Klimapolitik oder der Verbesserung von Bildungs- und Gesundheitsversorgung.

Im politischen und wirtschaftlichen Ringen der Großmächte – USA, China, Russland und Europa – und in den diversen, sich ablösenden Regionalkonflikten der Welt sind die Vereinten Nationen – und vor allen anderen der UNO-Generalsekretär – Mahner, Moderatoren und Sanitäter zugleich. Politische Instrumente haben sie dabei nicht in der Hand; weder in Myanmar noch Syrien oder dem Jemen. Just am Tag seiner Wiederwahl musste das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mitteilen, dass die Zahl der Geflüchteten vor Gewalt und Menschenrechtsverletzungen weltweit mit 82,4 Millionen erneut einen Höchststand erreicht hat.

Diplomatie und Handlungsgeschick kommen angesichts der Größe und Vielfalt der globalen Aufgaben rasch an ein Ende. Zwar jonglierte der Portugiese, der auch fließend Englisch, Französisch und Spanisch spricht, in seiner ersten Amtsperiode erfolgreich zwischen den UN-Vetomächten – die seine Wiederwahl auch hätten verhindern können. Und in der Pandemie beschwor er immer wieder internationale Solidarität. Doch als Vermittler in kriegerischen Auseinandersetzungen und als Ankläger bei Menschenrechtsverbrechen wie in China oder den Philippinen hat er vergleichsweise wenig auf der Habenseite vorzuweisen.

Immerhin hat Guterres in seinem zweiten Mandat die historische Präsidentschaft von Donald Trump in den USA hinter sich – und mit Nachfolger Joe Biden einen Verfechter des Multilateralismus, der nicht Botschaften twittert wie, die Vereinten Nationen seien „nicht mehr als ein Club, in dem sich Leute treffen, quatschen und vergnügen können. Wie traurig!“

Und noch eine Mammutaufgabe hat der frühere Generalsekretär der portugiesischen Sozialisten, Ministerpräsident und Präsident der Sozialistischen Internationale vor sich: die stets eingeforderte Reform und Verschlankung der Weltorganisation, die Kritiker als „Wasserkopf am East River“ bezeichnen. Sein Gesellenstück dafür hatte er in der wohl wichtigsten UN-Organisation erbracht: als UN-Hochkommissar für Flüchtlinge. Der Personalstand am UNHCR-Hauptsitz in Genf sank um mehr als ein Fünftel – während sich das Volumen der Tätigkeiten zugleich verdreifachte.

Die Notleidenden der Welt haben nach dem Charismatiker Kofi Annan (1997-2006) und dem eher glücklosen Ban Ki-Moon (2007-2016) mit Guterres wieder eine Stimme und ein Gesicht, um medial nicht noch weiter in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Doch der brillante Redner und diplomierte Elektroingenieur muss – für sich und die Welt – die Spannung hochhalten, bis er 77 ist.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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