Neue Welle der Gewalt in Nigeria

  • Afrika - 06.05.2021

Die Entwicklung ist alarmierend. Nach Zählung der Online-Zeitung „Premium Times“ sind allein in der letzten Aprilwoche in Nigeria erneut knapp 100 Menschen bei Angriffen von bewaffneten Banden und Terroristen ums Leben gekommen. Rund 60 wurden entführt. Im ersten Quartal, so schätzt StatiSense, ein Beratungsunternehmen zur Datenanalyse mit Sitz in Lagos, wurden mehr als 1.700 Personen verschleppt.

Besonders betroffen ist der Norden. Die Beratungsfirma Nextier SPD aus Abuja spricht für den gleichen Zeitraum von rund 800 Entführten sowie 724 Ermordeten. Gerade musste auch die Landesregierung von Kaduna bekanntgeben, wie schlecht es um die Sicherheit bestellt ist. Allein dort, in lediglich einem von 36 Bundesstaaten, starben von Januar bis März 323 Personen durch Gewalt; fast 950 wurden entführt. Allerdings könnten die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen, weil vor allem Entführungen häufig nicht angezeigt werden.

Verübt werden die Übergriffe meist von kriminellen Gangs, die Lösegeld erpressen. In Geiselhaft sind aktuell 46 Studierende aus Kaduna; 29 besuchen eine Forstwirtschaftsschule, 17 eine private Universität. Lokalen Medienberichten zufolge drohten die Täter am Montag damit, die Studenten der Greenfield-Universität umzubringen, werde das Lösegeld in Höhe von umgerechnet knapp 218.000 Euro nicht gezahlt.

Das führte zu Protesten von Eltern, die die Regierungen aufforderten, mehr für die Befreiung ihrer Kinder zu unternehmen. Offiziell weigern sich aber sowohl die Landesregierung von Kaduna als auch Präsident Muhammadu Buhari zu zahlen oder mit den Banditen zu verhandeln. Auch Vertreter der katholischen Kirche betonten nach Entführungen von Priestern mehrfach, Lösegeldforderungen nicht nachzukommen. Die Angehörigen lässt das oft verzweifeln, weshalb sie selbst versuchen, die Summen aufzubringen und sich dafür verschulden.

Die Entwicklung im Nordwesten Nigerias, der aktuell besonders von der Gewalt betroffen ist, hat weitreichende Folgen. In einem neuen Bericht spricht die Denkfabrik International Crisis Group mit Sitz in Brüssel davon, dass sich die Banden weiter in Richtung Niger ausbreiten. Der Grenzstreifen gilt längst als Korridor für Mitglieder von Milizen, die sich zwischen dem Tschadsee und Mali bewegen. Nun kommt es auch auf nigrischer Seite zunehmend zu Verschleppungen und Viehdiebstahl. Das wiederum sorge, so die Analysten, für Spannungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen und verschärfe den Kampf zwischen Viehhirten und Bauern um knapper werdende Ressourcen.

Sie warnen außerdem davor, dass sich Terrorgruppen und kriminelle Banden vermischen. Sowohl Boko Haram als auch Ansaru, eine weniger bekannte Splittergruppe, versuchen verstärkt, sich in Nigerias Nordwesten auszubreiten. Dabei haben sie ihren Ursprung in Maiduguri, Provinzhauptstadt von Borno im äußersten Nordosten.

Ende April sagte Sani Bello, Gouverneur des Bundesstaates Niger, dass Anhänger von Boko Haram Kaure im Landkreis Shiroro eingenommen hätten. Vor Journalisten sagte er, dass nicht einmal die Hauptstadt Abuja sicher sei. In einem internen Schreiben hat die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS ihre Mitarbeiter in Nigeria mittlerweile zu besonderer Vorsicht aufgerufen. Sie sollen beispielsweise Reisen sowie Restaurantbesuche vermeiden.

Das erhöht den Druck auf Präsident Buhari. Zu seinen Kritikern gehören die politische Opposition sowie Nobelpreisträger Wole Soyinka. Besorgt ist auch der Erzbischof von Abuja, Ignatius Kaigama. „Wir erleben einen akuten Anstieg der Zahl von Terroristen, Banditen, Entführern sowie korrupten Beamten“, betont er in einem aktuellen Posting im Sozialen Netzwerk Facebook. Das geschehe, obwohl Nigeria sich als eine der religiösesten Nationen weltweit bezeichne. Auch sei es fraglich, ob gewählte Politiker tatsächlich die Interessen aller vertreten oder sich nur um ihr eigenes Wohl sowie das ihrer Familie sorgen, so Kaigama.

Von Katrin Gänsler (KNA)

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