Angst und Ungewissheit im Tschad

 Aerial view to NDjamena and Chari or Chari river, Chad Von homocosmicos - stock.adobe.com
  • Afrika - 22.04.2021

„Die Menschen haben alle Angst. Idriss Deby gibt es zwar nicht mehr. Dafür ist sein Sohn jetzt da. Er hält die Waffen in der Hand“, fasst der im französischen Exil lebende Blogger Makaila Nguebla die Stimmung im Tschad zusammen. Auch Vincent Hendrickx, Länderreferent des Hilfswerks Misereor, sagt: „Solange es keine demokratischen Wahlen gibt, ist die Ära Deby nicht vorbei.“

Der 68-jährige Deby war für die Mehrheit der Beobachter überraschend am Dienstag gestorben. Ein Armeesprecher hatte am Vormittag den Tod des Langzeitherrschers, der 1990 durch einen Putsch an die Macht gekommen war, verkündet. Offiziell heißt es, dass er bei Kämpfen gegen Rebellen verletzt wurde und starb. Seit dem 11. April, dem Tag der Präsidentschaftswahl, die Deby offiziellen Angaben zufolge mit knapp 80 Prozent gewann, hatten sich Anhänger der Front für Wandel und Eintracht im Tschad (FACT) von Libyen aus immer weiter der Hauptstadt N'Djamena genähert.

In der Provinz Kanem kam es schließlich zu Kämpfen. An dem von der Armee propagierten Heldentod gibt es allerdings Zweifel und zahlreiche Gerüchte. Deby galt als jemand, der stets extrem gut geschützt war.

Zum Nachfolger auserkoren wurde Sohn Mahamat Idriss Deby (37), der nun an der Spitze eines militärischen Übergangsrates steht. Dieser will 18 Monate an der Macht bleiben und hat „freie und demokratische Wahlen“ versprochen. Das ist jedoch eine Verletzung der Verfassung, die vorsieht, dass der Präsident der Nationalversammlung bis zu Neuwahlen die Aufgaben des Präsidenten übernehmen soll.

Genau das sorgt für Angst vor einem neuen undemokratischen Regime. Der Tschad gilt nach Einschätzung der nichtstaatlichen Organisation Freedom House als „nicht frei“. Meinungs- und Versammlungsfreiheit wurden in den vergangenen Jahren immer weiter eingeschränkt. Laut Hendrickx, der vier Jahre lang im Tschad gelebt hat, sei die Bevölkerung immer stärker unterdrückt worden. „Ich habe selbst Menschen kennengelernt, die Opfer von Folter wurden.“

Die tschadische Zivilgesellschaft hat direkt am Tag nach der Bekanntgabe von Debys Tod dazu aufgefordert, eine zivile Übergangsregierung einzusetzen, die die Verfassung respektiert. Auch forderte sie internationale Organisation und Länder wie die USA, Deutschland und Frankreich dazu auf, sich in dieser unsicheren Lage auf die Seite des Volkes zu stellen. Das hat auch deshalb Angst, weil die Grenzen geschlossen sind.

Missio Aachen

Im Tschad überlagern sich verschiedene regionale Krisen. Das zentral-afrikanische Land sieht sich mit religiösem Fundamentalismus, mit Hunderttausenden Flüchtlingen und mit einer in der gesamten Sahelzone herrschenden Dürre konfrontiert. Zugleich ist die wirtschaftliche Lage im Land äußerst angespannt. Die Korruption der politischen Klasse, die ungleiche Verteilung des Einkommens unter der Bevölkerung und soziale Ungerechtigkeiten, die vom Regime begünstigt werden, sind strukturelle Gründe für die prekären Lebensbedingungen. Wiederkehrende Sparmaßnahmen der Regierung sorgen regelmäßig für eine Kürzung der Gehälter. Das führt immer wieder zu landesweiten Streiks, die – wie 2018 geschehen – das staatliche Bildungssystem des Landes für viele Wochen lahmlegen können.


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Caritas international setzt seine Arbeit fort

Bei früheren Kämpfen und Gewalt flüchteten sich Zehntausende aus N'Djamena nach Kousseri im Norden Kameruns. Die Stadt ist eigentlich über eine Brücke zu erreichen, was jetzt nicht mehr möglich ist. „Die Bewohner in N'Djamena sind zur Geisel geworden. Sie sind gezwungen, Debys Sohn an der Spitze zu akzeptieren“, kritisiert Nguebla. „Wir sind extrem besorgt.“

Unterstützung für die Bevölkerung ist Beobachtern zufolge gerade von der einstigen Kolonialmacht Frankreich nicht zu erwarten. Sie nannte Deby am Dienstag umgehend einen „mutigen Freund“ und akzeptiert auch den Militärrat. Am Mittwoch wurde bekannt gegeben, dass Präsident Emmanuel Macron an Debys Beerdigung am Freitag teilnehmen wird.

Vor allem auf die tschadische Armee ist Frankreich angewiesen. Sie beteiligt sich sowohl an der Stabilisierungsmission in Mali (Minusma) wie auch an G5 Sahel, einem Zusammenschluss der fünf Sahelstaaten zur Terrorismusbekämpfung. Die Soldaten gelten als wenig zimperlich und geraten auch durch Menschenrechtsverletzungen immer wieder in die Schlagzeilen. Drei wurden erst Anfang April wegen Vergewaltigungen im Niger verhaftet.

Am Tschadsee kann das Hilfswerk Caritas international seine Arbeit aber weiter fortsetzen. Dort versorgt es Menschen, die vor der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram geflohen sind. Dennoch sei die Angst auch dort groß, sagt Referatsleiter Volker Gerdesmeier. „Alle fürchten die Zukunft und denken zurück an 2008. Damals kam die Rebellenkolonne in N'Djamena an, und es kam zu Kämpfen in der Stadt.“

Vor den Wahlen Mitte April waren nach Berichten von Human Rights Watch Polizei und Militär brutal gegen Demonstranten vorgegangen, etwa mit Schlagstöcken und willkürlichen Verhaftungen. Auch sei das Haus eines Oppositionspolitikers angegriffen worden, dessen Mutter ums Leben gekommen.

Tschad

Trotz seiner Öl-Vorräte gehört das zentralafrikanische Land mit seinen 16 Millionen Einwohnern zu den ärmsten der Welt. Im Human Capital Index der Weltbank belegte es 2020 den letzten Rang; im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen liegt es auf Platz 187 von 189. Die nichtstaatliche Organisation Freedom House mit Sitz in Washington stuft das Land in seinem Demokratie-Ranking als „nicht frei" ein. Die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich zum Islam; Christen machen je nach Schätzung 40 bis 45 Prozent aus.

Missio-Blog

Interview mit Dr. Mathias Naygotimti Bambé, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Entwicklungsarbeit CEFOD in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad. Er ist Mitglied des Missio-Netzwerks „Religion und Gewalt“ und war maßgeblich an der Studie „Religion und Gewalt. Fallstudie Tschad“ » (Missio-Menschenrechtsstudie Nr. 72) beteiligt.


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Von Katrin Gänsler (KNA)

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