Caritas international: Rechtsstaat in Kolumbien „im Homeoffice“

  • Menschenrechte - 17.04.2021

Die Corona-Pandemie hat nach Einschätzung der Hilfsorganisation Caritas international in vielen Staaten schwerwiegende Folgen jenseits der direkten Gesundheitskrise. „Corona führt zu dramatischen Rückschritten bei Entwicklung, Umweltschutz und Rechtsstaatlichkeit“, sagte Caritas international-Leiter Oliver Müller am Donnerstagabend bei einer Online-Diskussion der Katholischen Akademie Freiburg.

2020 habe sich weltweit die Zahl der Menschen verdoppelt, die humanitäre Hilfe benötigen. Die Weltbank rechne damit, dass 2021 etwa 150 Millionen Menschen neu unter die Armutsgrenze fielen. „Besonders Staaten, in denen es in den vergangenen Jahren Entwicklungsfortschritte gab, werden durch Covid 19 wieder weit zurückgeworfen“, sagte Müller und verwies etwa auf Peru.

Am Beispiel Kolumbiens beschrieb Müller, wie in der Corona-Krise Paramilitärs und Kriminelle die Schwächen des Staates nutzten. „Plakativ könnte man sagen, der Rechtsstaat ist im Homeoffice und Kriminelle besetzen das Machtvakuum.“ So entschieden etwa paramilitärische Gruppen über Ausgangssperren und darüber, welche Geschäfte öffnen dürften. Die eingeleitete Agrarwende kehre sich um, weil Bauern gezwungen würden, wieder Coca anzubauen.

Müller führte auch aus, dass die Corona-Pandemie in vielen Staaten – beispielsweise in Afrika – zu steigenden Totenzahlen durch andere Krankheiten führen werde. „Weil alle Kapazitäten durch Corona gebunden sind, fehlen Ressourcen zu Prävention und Behandlung von Tuberkulose oder Malaria.“ Weil Schwangere aus Angst vor Corona nicht in Kliniken gingen, stürben noch mehr Mütter bei der Geburt.

Im Blick auf die globale Verteilung von Corona-Imfpstoffen forderte der Caritas-International-Chef, die armen Staaten nicht nur mit dem abzuspeisen, was die reichen Länder übrig haben. „Von aktuell weltweit etwa 700 Millionen verabreichten Impfdosen entfallen nahezu 90 Prozent auf die Gruppe der reichsten Staaten“, so Müller. Bei den Reservierungen von Impfstoffen hätten sich die weltweit reichsten Staaten sowie jene mit mittlerem Einkommen 70 Prozent der Produktion gesichert.

Müller forderte, die Covax-Initiative zur Verteilung von Impfstoffen zu stärken und die Produktionskapazitäten auszubauen. Deutschland habe hier viel getan und 1,1 Milliarden Euro für die WHO-Initiative bereit gestellt. Insgesamt stünden für Covax etwa 6 Milliarden Dollar bereit. Schon jetzt zeichne sich ab, dass Geld allein nicht reiche, um auf dem umkämpften Markt Impfstoffe zu erhalten. Nötig sei auch eine Debatte über die Aufhebung von Impfstoffpatenten und ein Ausbau der Produktion.

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