„Superwahlsonntag“ in Südamerika

  • Wahlen - 10.04.2021

Geht es nach der ecuadorianischen Umweltschützerin Patricia Gualinga, dann ist der Ausgang der Stichwahl in ihrem Heimatland eigentlich zweitrangig. „Ecuador ist ein korruptes Land, und die Wahlen haben dies bewiesen. Wir hatten einen indigenen Kandidaten, einen Verteidiger des Wassers, und wir sind wirklich sicher, dass die Stimmen des ecuadorianischen Volkes nicht respektiert wurden“, sagte Gualinga in einem Interview mit dem Portal „Blickpunkt Lateinamerika“.

Seit der indigene Kandidat Yaku Perez ausgeschieden ist, der nach offiziellen Angaben nur knapp den Einzug in die Stichwahlen verpasste, ist die Stimmung im Lager der Ureinwohner am Boden. Sie glauben an Wahlbetrug. „Wir hoffen, dass die Kandidaten, die nun kommen, zumindest die Menschenrechte respektieren. Obwohl beide im Rennen verbliebenen Kandidaten angekündigt haben, ihr Wirtschaftsmodell der Ölförderung, Rohstoffgewinnung und Zerstörung der Natur zu unterwerfen“, sagt Gualinga.

Übrig geblieben sind nach dem ersten Durchgang zwei Vertreter der klassischen politischen Lager: Der sozialistische Kandidat Andres Arauz (36), der vom ehemaligen Präsidenten Rafael Correa gefördert wird, und Guillermo Lasso (62), einem konservativen Ex-Banker. Beide, so befürchtet es die immer größer werdende Umweltbewegung, würden internationalen Bergbau- und Erdölkonzernen als Steigbügelhalter dienen. Arauz geht als leichter Favorit in den Urnengang, entschieden ist das Duell aber noch lange nicht. Egal wer gewinne, es sei eine moralische und gesellschaftliche Verpflichtung nach einer Lösung für die ethische, wirtschaftliche und gesundheitliche Krise im Land zu suchen, forderte die Ecuadorianische Bischofskonferenz in einer Stellungnahme in dieser Woche.

Gewählt wird am Wochenende auch in Peru. Hier steht allerdings der erste Wahlgang auf dem Programm und das Feld ist so dicht gedrängt, dass auch hier eine Stichwahl unausweichlich scheint. Insgesamt dürfen sich mehr als sechs Kandidatinnen und Kandidaten, die laut Umfragen allesamt bei sechs bis zwölf Prozent liegen, auf eine Qualifikation für die zweite entscheidende Runde machen. Das Land wurde in den letzten Jahren gleich von mehreren Korruptionsfällen rund um die jeweils regierenden oder ehemaligen Präsidenten erschüttert.

Die Peruanische Bischofskonferenz ruft deshalb zu einer verantwortungsvollen Stimmabgabe auf. Vor gut einem halben Jahr waren in Peru Zehntausende Menschen nach einem neuerlichen Korruptionsskandal auf die Straße gegangen. Damals hatte der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Erzbischof Miguel Cabrejos Vidarte, eine ziemlich niederschmetternde Analyse zur Lage im Land abgegeben, die auch heute noch brandaktuell scheint: „Peru befindet sich aktuell in einer schweren politischen, verfassungsrechtlichen und gesundheitlichen Krise.“

Es gäbe ein Klima des Misstrauens, der Ungewissheit und der Unsicherheit, so der Erzbischof. Was nun notwendig sei, wäre dem Ruf der Menschen zuzuhören, um das Vertrauen, die Ruhe und den sozialen Frieden wiederherzustellen. Und einen Dialog. Die ausgewählte Person, die das Land bis zu den Wahlen führe, müsse vor allem neues Vertrauen schaffen.

An dieser Stellenbeschreibung hat sich bislang nichts geändert. Internationales Interesse weckt die Kandidatur der jungen Linkspolitikerin Veronika Mendoza (40), die laut jüngsten Umfragen mit rund zehn Prozent hinter dem Mitte-Rechts-Kandidaten Yonhy Lescano (11 Prozent) auf Rang zwei liegt. Auch das Abschneiden des ehemaligen Fußball-Profis George Forsyth Sommer, der vor knapp 20 Jahren als Ersatztorhüter dem Kader von Borussia Dortmund angehörte, wird mit Spannung verfolgt.

Gewählt wird am Wochenende auch in Bolivien: Hier stehen die Stichwahlen auf regionaler Ebene an. Die Opposition hat den Urnengang zu einer Abstimmung über die Corona-Politik der Linksregierung von Präsident Luis Arce sowie der umstrittenen Verhaftung von Übergangspräsidentin Jeanine Anez erklärt. Der Ausgang der Wahlen dürfte auch darüber entscheiden, wie der innenpolitische Kurs der Regierung künftig aussehen wird. Im ersten Wahlgang gab es einige Rückschläge für die regierende Linkspartei MAS.

Blickpunkt Lateinamerika - 09.04.2021

„Voto Nulo“ bedeutet ungültig wählen und das ist wenige Tage vor dem zweiten Urnengang der Präsidentschaftswahlen in Ecuador ein geflügeltes Wort in der Hauptstadt Quito. Etliche Redaktionen analysieren, was ein hoher Anteil von ungültigen Stimmen für Folgen haben könnten. Im schlimmsten Fall müsste die komplette Wahl annulliert werden.


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Von Tobias Käufer (KNA)

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