Papst beendet Irak-Reise – „Liebe stärker als Hass und Terror“

  • Begegnung - 08.03.2021

Zum Abschluss seiner Irak-Reise hat Papst Franziskus am Sonntag den vom Krieg zerstörten Norden des Landes besucht, der über Jahre von den Gräueln der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) heimgesucht wurde. Bei einer Messe mit rund 10.000 Gläubigen in der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil rief Franziskus die Menschen zu Solidarität, Verständigung und Versöhnung auf.

Am Vormittag hatte er in Mossul der zahllosen Opfer der islamistischen Terroristen gedacht und für sie gebetet. In der rund 30 Kilometer entfernten Stadt Karakosch in der christlich geprägten Ninive-Ebene appellierte er an die christliche Minderheit des Irak, ihr geistliches Erbe zu bewahren und dem Land nicht den Rücken zu kehren.

Der Papst war am Morgen in Erbil vom kurdischen Präsidenten Nechirvan Barsani und Regierungschef Masrur Barsani begrüßt worden. Anschließend flog er per Hubschrauber weiter nach Mossul, wo der IS 2014 ein „Kalifat“ ausgerufen hatte. 2016 wurde die Stadt unter großen Zerstörungen befreit. Die Terrormiliz gilt im Irak seit 2017 als militärisch besiegt. Während ihrer blutigen Herrschaft im Norden des Landes hatten die selbsternannten Gotteskrieger Zehntausende Menschen ermordet, versklavt und vertrieben. Unter den Opfern waren vor allem Jesiden und Christen, aber auch viele Muslime gerieten in die Terrormühlen des IS.

Auf dem Platz Hosh al-Bieaa, Schauplatz der Zerstörung mehrerer christlicher Kirchen, berichteten Zeitzeugen über Verfolgung und Vertreibung während der IS-Herrschaft. Der Papst zeigte sich bestürzt angesichts der „grauenvollen Erfahrungen“. Ein „unermesslicher Schaden“ sei angerichtet worden. Moslems, Christen, Jesiden – alle zählten zu den Opfern. „Heute bekräftigen wir nichtsdestotrotz erneut unsere Überzeugung, dass die Geschwisterlichkeit stärker ist als der Brudermord“, so Franziskus.

Im Anschluss sprach der 84-Jährige ein eigens für diesen Anlass verfasstes Gedenkgebet. Anklagende Worte gegen bestimmte Tätergruppen verwandte er nicht. Stattdessen betonte er mehrfach die Unzulässigkeit von Gewalt und Hass im Namen der Religion: „Wenn Gott der Gott des Lebens ist – und das ist er -, dann ist es uns nicht erlaubt, die Brüder und Schwestern in seinem Namen zu töten.“ Der Papst erbat „für uns alle, dass wir über die religiösen Bekenntnisse hinweg in Harmonie und Frieden leben können“.

Bei der Fahrt durch das überwiegend christliche Karakosch jubelten Tausende Menschen dem stark gesicherten Konvoi des katholischen Kirchenoberhaupts zu. Die Ankunft verzögerte sich wegen des Gedränges deutlich – auch weil Franziskus zwischendurch anhalten ließ, um Gläubige persönlich zu grüßen.

In Karakosch waren im Sommer 2014 Zehntausende vor allem syrisch-katholische Einwohner vor den Eroberungszügen des IS geflohen. Viele kehrten nach der Befreiung 2016 wieder zurück. Allerdings setzte zuletzt wegen fehlender Perspektiven erneut eine Abwanderung ein. Die Kirche der Unbefleckten Empfängnis ist das größte christliche Gotteshaus des Irak. Es wurde von den Islamisten verwüstet, ist aber inzwischen weitgehend wiederhergestellt.

Am Eingang der Kirche wurde der Papst vom Patriarchen der syrisch-katholischen Kirche von Antiochien begrüßt. Ignatius Youssef III. Younan dankte für den „historischen Besuch, der uns über unsere Qualen hinwegtröstet, uns ermutigt, in unserem Land verwurzelt zu bleiben“.

„Unser Treffen hier zeigt, dass der Terrorismus und der Tod niemals das letzte Wort haben“, sagte Franziskus bei seiner Ansprache in dem Gotteshaus. „Eure Anwesenheit hier macht deutlich, dass die Schönheit nicht einfarbig ist, sondern in der Vielfalt und in den Unterschieden aufleuchtet“, so der Papst an die Christen Karakoschs. Mehrere Gemeindemitglieder berichteten ihm von den Gräueln des Krieges. Er sehe mit Traurigkeit die Zeichen der zerstörerischen Kraft von Gewalt und Hass, sagte er.

In seiner Predigt im Franso-Hariri-Stadion am Nachmittag ging der Papst abermals auf die „Wunden des Krieges und der Gewalt“ ein, die überall im Land sichtbar seien. Franziskus mahnte die Menschen, nicht „nach Rache zu suchen, die in eine endlose Vergeltungsspirale versinken lässt“. Stattdessen müsse das Herz mit der Hilfe Jesu „gereinigt, aufgeräumt, geläutert werden“. Mit der Weisheit Christi sei es möglich, eine offene Kirche und Gesellschaft aufzubauen.

Von Christoph Schmidt und Alexander Pitz (KNA)

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