Corona-Jahr 2020: Religionen als Superspreader?

  • Corona-Pandemie - 27.12.2020

Corona-Sorgen und Unsicherheit treiben Menschen auf der Suche nach Trost in Kirchen, Moscheen und Tempel – obwohl Begegnung und Sozialkontakte problematisch sind. Aber wollen das wirklich alle Religionsvertreter verstehen?

Die Rolle von Religion und Religionen bei der Ausbreitung der Corona-Pandemie 2020 könnte inzwischen Bücher füllen. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) hat im Jahresrückblick nur einige Schlaglichter zusammengestellt.

In Asien wurden die Auswirkungen religiöser Großveranstaltungen zuerst manifest, etwa durch große Islamisten-Konvente in Pakistan und in Indien, wodurch die Fallzahlen sprunghaft in die Höhe schnellten. In Malaysia infizierten sich Ende Februar viele von 16.000 Muslimen, die an einer internationalen islamischen Massenveranstaltung in Kuala Lumpur teilnahmen. Auch ein guter Teil der Neuinfektionen in Kambodscha, Thailand, Indonesien, Vietnam und den Philippinen wurde von Teilnehmern der Veranstaltung eingeschleppt.

Noch Mitte November wurde am Flughafen von Jakarta die Rückkehr des islamistischen Hardliners und Hasspredigers Rizieq Shihab aus dem saudischen Exil von Zehntausenden Anhängern bejubelt, die sich über sämtliche Corona-Regeln hinwegsetzten. Ihr Motto: Keiner wird krank, wenn Gott es nicht will.

Unterschwellig lauert in vielen Ländern aber auch das gefährliche Virus der Schuldzuweisung an Religionen oder bestimmte ethnische Gruppen für die Corona-Verbreitung. Damit können nicht zuletzt Regierungen von ihrem eigenen Versagen ablenken und ihre Propaganda gegen Minderheiten verstärken. Ebenso droht Diskriminierung und Stigmatisierung von Corona-Patienten. Ein philippinischer Bischof verglich Covid-19 mit der „Lepra zu Zeiten Jesu“.

In vielen Ländern erweist sich auch die enge Verbindung von Religion und Politik als Problem. Von Malaysia über Indonesien, Indien bis nach Pakistan, die USA oder Lateinamerika ist die jeweilige Religion integrale Zutat eines nationalistischen Populismus von Regierungsparteien oder -koalitionen. Das macht es Regierenden, die vom Wohlwollen religiöser Hardliner abhängig sind, schwerer, Gotteshäuser zu schließen und religiöse Veranstaltungen abzusagen. Das gilt etwa auch für Israel, wo die ultraorthodoxe Schass-Partei mitregiert.

Orthodoxe Juden machen es auch den Behörden in den von Corona geplagten Großstädten der USA nicht leicht. Immer wieder gab es Streit, etwa als eine New Yorker jüdische Hochzeit mit Tausenden Gästen gerichtlich untersagt wurde. Und Bürgermeister Bill de Blasio drohte mit der Schließung einer Synagoge, nachdem zur Beisetzung eines Rabbiners rund 16.000 Teilnehmer erschienen, die meisten ohne Gesichtsmasken. Das trug ihm Antisemitismus-Vorwürfe ein.

In vielen Ländern, etwa in Brasilien, den USA oder Südkorea, erwiesen sich protestantisch-evangelikale Pfingst- und Freikirchen mit viel körperlichen Begegnungen und Gesang als Corona-Hotspots. In der orthodox-christlichen Welt ließen sich nur wenige Bischöfe und Klöster bewegen, hergebrachte liturgische Traditionen unter Seuchenbedingungen zu überdenken.

Als problematisch zeigte sich beispielsweise die sogenannte Löffelkommunion, bei der ein und derselbe Löffel zur Gänze in den Mund der Kommunizierenden gelangt. Sie wurde zwar erst im elften Jahrhundert allgemein üblich, wird jedoch von vielen orthodoxen Kirchenführern für unaufgebbar erklärt. Auch hier ist die Argumentation zu hören, Infektionen seien eine gezielte Bestrafung Gottes.

Eine dramatische Dynamik nahm die Corona-Verbreitung in Serbien-Montenegro an. Dort hatte der 90-jährige Belgrader Patriarch Irinej Anfang November den Trauergottesdienst für den mit 82 Jahren an Covid-19 gestorbenen Erzbischof Amfilohije geleitet, Oberhaupt der montenegrinischen Kirche. Tausende Anwesende in Podgorica befolgten laut Medienberichten die Corona-Schutzmaßnahmen nicht; die Behörden beklagten „drastische Verstöße“. Kurz darauf starb auch Patriarch Irinej – an Corona. Das Begräbnis und den mehrstündigen Trauergottesdienst in Belgrad leitete das kommissarische Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Hrizostom Jevic – und erkrankte kurz darauf an Corona. Immerhin: Er wurde wieder gesund.

„Papa allein zu Haus“: Die Bilder gingen um die Welt, als ein einsamer Papst Franziskus statt wie sonst mit Zehntausenden Pilgern und Besuchern ganz einsam im riesigen Petersdom die Ostermesse feierte und den Segen „Urbi et orbi“ erteilte, nur flankiert von seinem Zeremoniar. Christen weltweit verfolgten die Feier über TV-Sender und einen Livestream im Internet.

Ein großes Thema in der westlichen Welt: Hygienekonzepte in den Kirchen. Immer wieder regional und national neu angepasst, vermitteln sie doch ein relativ einheitliches, trauriges Bild: riesige Gotteshäuser mit nur ganz wenigen Teilnehmern. Hohe Feste ohne Teilnahme an Messe oder Gottesdienst – für konservative Katholiken und Evangelikale in den USA und auch in Europa selbst in der Pandemie unvorstellbar. Man wittert gar einen Angriff auf die Religionsfreiheit.

Frankreichs Bischöfe zogen im zweiten Anlauf sogar vor den Staatsrat – nachdem ihnen nach dem ersten Lockdown im Frühjahr Gläubige vorgeworfen hatten, sie hätten sie spirituell im Stich gelassen und nicht genug um die Messfeier als geistliches „Grundnahrungsmittel“ gekämpft. Zuletzt: viel Kreativität für alternative Seelsorge – und Priester vor allem in Italien als Märtyrer bei der Betreuung von Corona-Kranken. Die Pandemie hat auch in religiöser Hinsicht unzählig viele Gesichter gezeigt. Erfreulich waren die wenigsten von ihnen.

Von Alexander Brüggemann und Michael Lenz (KNA)

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