Radio Progreso, die Stimme der Armen

  • Mittelamerika - 24.12.2020

„Die ländliche Bevölkerung leidet am stärksten unter den Ungerechtigkeiten“, sagt Padre Ismael Moreno Coto. Der Jesuitenpater setzt sich für sie für ein gerechtes Honduras ein – und riskiert dabei sein Leben.

„Von den zehn Kindern, die Gott mir schenkte, habe ich acht großziehen können. Ein Wunder! Denn ich hatte nur dünne Bohnensuppe und manchmal Reis“, erzählt Gloria Lara. Die kleine, ausgemergelte Frau mit den leuchtenden Augen lebt in El Pital, einem Dorf im Nordosten von Honduras. Alle Bewohner sind Bauern, aber viele besitzen kein Land. „Und diejenigen, die welches haben, arbeiten bis zum Umfallen, aber ohne Erfolg. Die Ernten sind schlecht“, sagt Gloria Lara und setzt sich auf die wackelige Holzbank vor ihrer Lehmhütte. Sie blickt auf Berge in allen Schattierungen von Grün: Wald, Palmen, Bananenstauden. Das fruchtbare Ackerland in der Umgebung gehört Großgrundbesitzern. Palmöl, Bananen und Kaffee wird hier angebaut.

„Wir kämpfen täglich dafür, endlich in einem gerechten Land zu leben“, meint Gloria Lara. Und kämpfen können sie: 400 Bürger von El Pital setzten mit Protesten und Straßensperren durch, dass die Regierung die Zugangsstraße zum Dorf ebnete und ihnen elektrisches Licht sowie eine Gesundheitsstation genehmigte. Nun planen die Menschen hier den nächsten Protest: diesmal direkt gegen die Regierung. Honduras wird seit dem Staatsstreich vor elf Jahren diktatorisch geführt. Gute Bildung und Gesundheitsversorgung sind einer kleinen, wohlhabenden Elite vorbehalten. Der Großteil der Bevölkerung wird unterdrückt und lebt in extremer Armut. „Wir können froh sein, dass wir überhaupt leben. Die Gewalt, das Tränengas, die Schüsse …“, erinnert sich Gloria Lara an die Demonstrationen. „Aber wir haben wichtige Unterstützung. Denn ohne Radio Progreso und ihre Berichterstattung wäre unser Kampf unmöglich.“ Dankbar blickt sie zu Padre Ismael Moreno Coto, der neben ihr auf der Bank sitzt. Der Jesuitenpater ist der Direktor des Radios und der daran angeschlossenen Stiftung ERIC (Equipo de Reflexión, Investigación y Comunicación), einer jesuitischen NGO mit dem Schwerpunkt auf gesellschaftspolitischen Analysen. „Er informiert, begleitet und leitet uns, er gibt uns Hoffnung“, sagt Gloria Lara, deren kleines batteriebetriebenes Radio immer eingeschaltet ist.

Padre Melo am Mikrofon von Radio Progreso

Jürgen Escher/Adveniat

„Wir dürfen nicht darauf warten, dass andere unsere Probleme lösen. Wir müssen aktiv sein!“, ruft der überall als Padre Melo bekannte Priester später in das Mikrofon, das ihm bei der Dorfversammlung gereicht wird. Alle klatschen. Sobald der kleine, untersetze Mann mit dem grauen Schnurrbart ein Mikro in der Hand hält, verwandelt er sich: Aus dem ruhigen und etwas schüchternen Priester wird ein energischer Kämpfer, der deutliche Worte findet. Sein soziales und politisches Engagement sind eng mit seinem tiefen Glauben verbunden: „In den Armen erkenne ich Gott.“

Herausforderung: Überleben

„Die Menschen auf dem Land spüren die Folgen unserer korrupten und kriminellen Regierung am deutlichsten. Sie leiden an Mangelernährung, Hunger, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Wassermangel“, sagt Padre Melo. Viele verlassen deswegen ihre Heimat. Von 100 Migranten stammen 87 Prozent aus ländlichen Regionen. Sie suchen in den Städten ihr Glück oder verlassen Honduras in Richtung USA. Regelmäßig besuchen Padre Melo und seine Mitarbeiter ländliche Gemeinden, um sich über die Situation vor Ort zu informieren, Workshops zu veranstalten oder über Aktuelles zu berichten. Wenn die Menschen sich unsicher fühlen, rufen sie Radio Progreso.

Stimmen der Armen und Ausgegrenzten: Mitarbeitende bei Radio Progreso (Honduras)

Jürgen Escher/Adveniat

Vor 64 Jahren wurde der einzige Radiosender, der landesweit empfangen werden kann, vom sozialen Apostolat der Jesuiten in der honduranischen Stadt El Progreso gegründet. Mit Hilfe des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat berichtet Radio Progreso kritisch über gesellschaftliche und politische Themen, erhebt die Stimme für benachteiligte Bevölkerungsgruppen und Menschen, die unter ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen leiden. Der Sender gehört zu den letzten unabhängigen Medien des Landes. „Das Radio erreicht die Menschen hier besonders gut. Vor allem auf dem Land hat jeder ein Radio. Sie brauchen ja keinen Strom dafür – Batterien genügen. Und die Menschen nehmen es überall mit hin, auch zur Feldarbeit“, sagt Padre Melo und grinst.

Der Jesuit begann vor 19 Jahren bei Radio Progreso im Bereich Investigation und Analyse zu arbeiten. „Ich hätte nie gedacht, dass ich eine eigene Radiosendung bekomme. Dafür bin ich eigentlich viel zu schüchtern und habe auch keine tolle Stimme. Als Kind habe ich gestottert. Interviews machen mich immer noch nervös“, erzählt er. Padre Melo stammt aus einer einfachen Bauernfamilie. Als Schüler besuchte er ein von Jesuiten geführtes Bildungszentrum. Die Theologiestudenten dort beeindruckten ihn – er wollte sein wie sie. An der Universität schloss er sich sofort der Studentenbewegung an und wechselte zu Jura. Als im März 1977 Padre Rutilio Grande in El Salvador ermordet wurde, änderte das alles. Der Jesuitenpater wurde mit seinen zwei Begleitern auf dem Weg zur Abendmesse erschossen, weil er sich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Landarbeitern und Kleinbauern eingesetzt hatte. „Als ich davon erfuhr, verspürte ich etwas ganz Tiefes“, sagt Padre Melo. „Sofort rief ich meinen früheren Mentor, einen Jesuitenpater an, und sagte: Ich werde Jesuit. Jemand muss Padre Rutilio vertreten.“

Motivation: Liebe der Landbevölkerung

Seit 40 Jahren riskiert er dabei sein Leben. Bei den zahlreichen Protesten, die seit Jahren in Honduras an- und abschwellen, steht er in der ersten Reihe. Hand in Hand mit maskierten jungen Männern, Auge in Auge mit schwerbewaffneten Polizisten und Soldaten. Acht von zehn Honduranern erkennen die Regierung nicht an und verlangen den Rücktritt des Präsidenten Juan Orlando Hernández. Eine friedliche Demonstration kann schnell gewaltsam werden, wenn Polizei oder Militär sich einschalten. Allein durch seine Anwesenheit macht der 71-Jährige den überwiegend jungen Protestierenden Mut.

Für seinen unermüdlichen Einsatz ist Padre Melo international ausgezeichnet worden. In seinem Heimatland aber wird er verfolgt, erhält Morddrohungen, auf ihn wurde geschossen. Während seiner täglichen Abendsendung bei Radio Progreso, in der er die Ereignisse des Tages analysiert und auf das Morgen blickt, sitzt er hinter schusssicherem Glas. Die Scheiben wurden 2017 eingebaut, nachdem auf die Moderatoren geschossen worden war. Oft stehen vermummte Gestalten mit Waffen vor dem Gebäude, manchmal auch das Militär. Sie beobachten den Sender, halten Autos an, verfolgen Mitarbeiter. „Meinungsfreiheit in einem Land auszuüben, das wie eine Diktatur regiert wird, ist eine tägliche Aufgabe und Herausforderung“, sagt Padre Melo. Immer wieder betont er die enge Verstrickung von Politik und Wirtschaft mit der Drogenkriminalität in Honduras. Wegen der ständigen Gefahr achtet er darauf, nie unbegleitet zu sein. „Wenn ich nur von der Haustür zum Wagen gehe, schießt mir durch den Kopf: Jetzt könnte dir jemand etwas antun. Die größten Sorgen bereiten mir aber meine Mitarbeiter. Sie sind viel gefährdeter als ich, vielleicht, weil ich so bekannt bin.“ Er seufzt. „Aber die Freude und Dankbarkeit der Menschen wiegen schwerer als die Risiken. Ich bin davon überzeugt, dass die Zukunft besser wird. Mein Glaube und die Märtyrer geben mir Hoffnung. Die Liebe der Landbevölkerung motiviert uns, weiterzumachen.“

Adveniat-Weihnachtsaktion

Trotz Landflucht lebt jeder Fünfte in Lateinamerika und der Karibik auf dem Land. Das bedeutet häufig auch, abgehängt und ausgeschlossen zu sein. Die Adveniat-Weichnachtsaktion 2020.


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© Text: Christina Weise