Warum „Black Lives Matter“ in Brasilien keine Welle wird

  • Rassismus - 29.11.2020

Nachdem Wachmänner einen Schwarzen in einem Supermarkt zu Tode geprügelt hatten, gab es zuletzt Proteste gegen Rassismus in Brasilien. Doch für eine gesellschaftlich relevante Bewegung reicht das nicht.

Für schwarze Brasilianer ist das Risiko, eines gewaltsamen Todes zu sterben, 2,7 Mal höher als für weiße Landsleute. Und während im vergangenen Jahrzehnt die Mordraten an Weißen um über zehn Prozent abnahmen, stiegen sie für Schwarze um mehr als diesen Wert an. Im Jahr 2018 waren 76 Prozent der Mordopfer schwarz.

Dahinter stehen bewegende Einzelschicksale: Kinder, die in den Favela-Slums während Polizeiaktionen erschossen werden, oder Drogenkuriere, die im Bandenkrieg umkommen. Am vergangenen Freitag schaute ganz Brasilien ein Video, das den fünfminütigen Todeskampf eines schwarzen Mannes in einem Supermarkt zeigte. Ausgerechnet am 20. November, dem „Tag des Schwarzen Bewusstseins“, an dem der 350 Jahre währenden Sklaverei gedacht wird.

Zwei weiße Wachleute schlugen auf den Mann ein und schnürten ihm die Luft ab. Die Szene erinnert an George Floyd, der im Mai in Minneapolis von weißen Polizisten getötet wurde. Anschließend erschütterten teils heftige Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung die USA.

Es gab damals auch spontane Proteste in Brasilien, genau wie vergangene Woche. Doch im größten Land Südamerikas ist es trotz der ständigen Gewalt gegen Schwarze nie zu einer konstanten Protestbewegung wie in den USA gekommen. Oder besser gesagt: wegen der Gewalt. Denn die Demonstranten wissen, dass sie die Polizei und die Justiz gegen sich haben. Experten sehen dies als Indiz für den tief in der brasilianischen Gesellschaft verwurzelten strukturellen Rassismus.

Dieser Rassismus hat eine lange Geschichte und das moderne Brasilien geprägt. 1850, noch zu Zeiten der Sklaverei, sorgte ein neues Recht zum Landerwerb dafür, dass Grundstücke nicht an die Menschen vergeben werden durften, die sie bearbeiteten. Stattdessen musste es dem Staat abgekauft werden, womit die besitzlosen Sklaven komplett ausgeschlossen wurden.

Nach dem Ende der Sklaverei im Jahr 1888 wurden Schwarze dann mit Minimallöhnen abgespeist. Oft arbeiteten sie für Unterkunft und Verpflegung, eine bis heute existierende Praxis. 1890 wurde zudem das „Herumlungern“ verboten – sprich: Betteln oder das „Belästigen“ von Bürgern. Es erlaubte der Polizei, Schwarze beliebig für einige Wochen wegzusperren. 1942 wurde es noch einmal verschärft.

Bis heute führen die Nachfahren der afrikanischen Sklaven die Armutsstatistiken an. Millionen Schwarze leben in Favela-Slums unter ähnlichen Bedingungen wie im 19. Jahrhundert. Angesichts eines schwachen öffentlichen Schulsystems und fehlender Ausbildungsmöglichkeiten bleibt den meisten Afro-Brasilianern der soziale Aufstieg verwehrt. An seine Stelle tritt oft die Kriminalität. Zwei von drei Personen in brasilianischen Gefängnissen sind schwarz.

Am schwersten trifft sie das ungerechte Justizsystem, in dem man ohne einen teuren Anwalt nichts ausrichten kann. Rund 40 Prozent aller Inhaftierten warten deshalb Monate oder gar Jahre auf einen Prozess. Anders in den USA, wo das Black Movement immer mehr Rechte über den Rechtsweg einklagen konnte. Das aus England importierte „Rule of Law“ garantiert auch Gruppen am Rande der Gesellschaft eine stetige, wenn auch oft langsame und unzureichende gesellschaftliche Teilhabe.

In Brasilien hielt man eine solche Integration für nicht nötig. Über kurz oder lang werde die Mischung der Rassen dafür sorgen, dass Brasilien immer weißer werde, glaubte man Ende des 19. Jahrhunderts. Als dies nicht eintrat, wurde die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung verschärft. Dabei spielt die Polizei eine Hauptrolle. Allein in Rio de Janeiro tötet sie im Jahresdurchschnitt etwa so viele Menschen wie in den ganzen USA zusammengenommen. Davon sind 80 Prozent schwarz.

Als Hemmschuh für Veränderungen erweist sich jedoch auch die seit den 1930er Jahren verbreitete These, dass in Brasilien eine „Rassendemokratie“ herrsche, also jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Vizepräsident Hamilton Mourao brachte es vergangene Woche auf den Punkt. Es gebe in Brasilien, anders als in den USA, keinen Rassismus. Stattdessen gebe es soziale Ungerechtigkeit, die man natürlich bekämpfen müsse.

Präsident Jair Messias Bolsonaro ging am Samstag noch weiter. Die Idee eines Rassenkonflikts in Brasilien sei von ausländischen Gruppen nach Brasilien gebracht worden, um das geeinte Volk zu spalten. Er selbst kenne keine unterschiedlichen Hautfarben, sondern nur das Grün-Gelb der brasilianischen Flagge.

Von Thomas Milz (KNA)

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