Südafrikas „unheilige“ Kirchen im Fokus der Politik

  • 28.11.2020

In Südafrika machen neuerdings wieder selbsternannte Propheten auf sich aufmerksam – neben ihren „Wundern“ vor allem durch Missbrauch und Betrug. Jetzt wird über eine gesetzliche Regulierung von Kirchen diskutiert.

Korruption, Rekordarbeitslosigkeit und Corona: An Problemen mangelt es Südafrika nicht. Trotzdem – oder vielleicht gerade weil die Missstände so ermatten – bestimmte in den vergangenen Tagen ein ganz anderes Thema die Schlagzeilen: selbsternannte Propheten. Die sind in der Kap-Republik zwar kein neues Phänomen, doch sorgten sie zuletzt durch Skandale und Machenschaften erneut für Wirbel.

Am häufigsten strahlte von den Titelseiten: der Prophet Shepherd Bushiri – oder wie seine Kritiker ihn in Anspielung auf seinen Vornamen nennen: „der Wolf im Schäfer-Pelz“. Der evangelikale Prediger und Führer der „Erleuchteten Christbewegung“ gilt als einer der reichsten Pastoren Afrikas. Zu seinem Imperium gehören Villen und ein Jet. Nicht zuletzt dank der „Wunder“, die er eigenen Angaben nach wirkt, versammelt er regelmäßig Zehntausende Gläubige in Fußballstadien und vor dem Fernseher. Auch will Bushiri ein Heilmittel gegen HIV/Aids und Corona gefunden haben oder vor den Gläubigen geschwebt sein.

Vor knapp zwei Wochen verblüffte er die Nation erneut – als er sich offenbar in Luft auflöste. Die Justiz ermittelt gegen ihn wegen Geldwäsche und Betrugs. Kurz nachdem er und seine Frau für je 11.000 Euro auf Kaution freigekommen waren, flohen sie in ihre Heimat Malawi. Südafrikanische und malawische Behörden dementierten, dass es sich bei ihrem Komplizen um Malawis Staatspräsidenten Lazarus Chakwera handelt, der am Tag der Flucht seinen Amtskollegen in Pretoria besuchte. Doch die Gerüchte wollen nicht abreißen: Wurde der Prediger mithilfe eines Diplomatenpasses außer Landes geschmuggelt, wie der „Sunday Independent“ unter Berufung auf Diplomaten und Geheimdienst behauptet?

„Ich habe ernste Bedenken über die Art, wie Religion hier missbraucht wird, um an Geld zu kommen“, sagt der südafrikanische Pfarrer Peter-John Pearson in Kapstadt. Bushiri ist nicht der einzige evangelikale Geistliche, der für Aufsehen sorgt. Seit fast zwei Jahren muss sich der nigerianische Pastor Tim Omotoso, von seinen Anhängern als spirituelles Medium gefeiert, wegen Menschenhandels und sexueller Übergriffe vor dem Richter verantworten. Nun starb sein Ankläger an Covid-19.

Ebenfalls im Visier der Ermittler steht die christliche Missionsgemeinde Kwasizabantu im Osten Südafrikas. Ihr Anführer, der deutschstämmige Erlo Stegen, wird beschuldigt, seine Hunderte Anhänger mit Bibel und Peitsche gefügig gemacht und als Arbeitssklaven für sein Geschäftsimperium missbraucht zu haben. So behaupteten es ehemalige Mitglieder der Mission bei den Anhörungen der Kommission für den Schutz von Kultur-, Religions- und Sprachgruppen (CRL).

Bis vor kurzem kannte kaum jemand diese Regierungsbehörde. Seit einigen Jahren jedoch stehen die Religionshüter zunehmend in der Öffentlichkeit, da sie Jagd auf unheilige Propheten machen. Derzeit ermittelt die Behörde gegen den selbsternannten „Erzbischof“ Stephen Zondo. Der soll seine Gläubigen sexuell missbraucht und ausgebeutet und Geld gewaschen haben.

Nach den jüngsten Skandalen wurde in Südafrika erneut der Ruf nach einer gesetzlichen Regulierung von Kirchen laut. Die hatte die CRL-Kommission dem Parlament schon 2017 empfohlen. Doch die Regierung scheute bislang davor zurück. „Wir verurteilen Missbrauch und befürworten eine Einschränkung des Rechts auf fragwürdige religiöse Praktiken, aber nur insofern dies in einer offenen und demokratischen Gesellschaft vernünftig und vertretbar ist“ sagte zu Jahresbeginn die Vorsitzende des zuständigen Parlamentskomitees, Faith Muthambi. Jeder habe ein Recht auf seine Religion – selbst, wenn diese „bizarr, unlogisch und irrational“ erscheine.

Tatsächlich stehen die Verantwortlichen damit nicht allein. Viele traditionelle Kirchen, darunter auch die katholische, sprachen sich ebenfalls gegen generelle politische Einmischung in den Glaubenssektor aus. Pfarrer Pearson befürwortet Anklagen gegen die schwarzen Schafe unter den Geistlichen. Eine „Überregulierung“ der Kirchen könnte jedoch mehr Schaden als Nutzen bringen.

Von Markus Schönherr (KNA)

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