Friedensappelle nach Eskalation um Berg-Karabach

  • Kaukasus - 29.09.2020

Angesichts der Gefechte um Berg-Karabach rufen Vereinte Nationen, Hilfsorganisationen sowie Kirchenvertreter Armenien und Aserbaidschan zu einem Waffenstillstand und einem Friedensdialog auf. Auch die Rolle der Türkei wird kritisch beurteilt.

Die UN forderten ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen. Beide Seiten müssten internationales Recht achten und alles dafür tun, um Zivilisten und Infrastruktur zu schützen, betonte UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet am Dienstag in Genf. Zuvor hatte bereits UNO-Generalsekretär Antonio Guterres an die beiden Staatschefs Ilham Aliyev und Nikol Pashinyan appelliert, einen Waffenstillstand zu beschließen und wieder in Verhandlungen zu treten.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) forderte die Bundesregierung zum Handeln auf. Es dürfe nicht sein, dass Deutschland einer türkischen Aggression tatenlos zusehe, weil damit Geflüchtete auf dem Weg nach Europa zurückgehalten würden, so GfbV-Nahostexperte Kamal Sido.

Bereits am Montag hatten sich auch hochrangige Kirchenvertreter geäußert. Der Moskauer orthodoxe Patriarch Kyrill I. hob die Rolle der spirituellen Führungspersönlichkeiten der beiden Länder, Katholikos-Patriarch Karekin II. und Scheich-ul-Islam Allahshukur Paschazade, für die Konfliktlösung hervor. Sie müssten alle Anstrengungen unternehmen, um den Frieden wiederherzustellen.

Der Weltkirchenrat in Genf übte dagegen Kritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Er sei „enttäuscht“ über die aggressiv einseitige Haltung“ der Regierung in Ankara, erklärte der geschäftsführende Weltkirchenrats-Generalsekretär Ioan Sauca. Als Mitglied der sogenannten Minsk-Gruppe solle die Türkei eine neutrale Rolle einnehmen „und nicht die eines Konfliktbeteiligten“. Die 13 Mitgliedstaaten der 1992 ins Leben gerufenen Vermittlergruppe zwischen Armenien und Aserbaidschan, darunter auch Deutschland, forderte der rumänisch-orthodoxe Priester zu „dringenden Friedensanstrengungen in der Kaukasus-Region“ auf.

„Wir erwarten die Stimme Europas“

Der in Jerewan residierende armenisch-katholische Erzbischof Raphael Francois Minassian nahm die EU in die Pflicht. „Wir erwarten die Stimme Europas“, so der Bischof. „Mögen sie den Mut haben, dem armenischen Volk nahe zu sein und die Wahrheit zu sagen, nämlich dass Armenien nie angegriffen hat.“

Trotz internationaler Appelle setzte Aserbaidschan am Dienstag seine Offensive im umkämpften Berg-Karabach fort. Die Armee habe mehrere armenische Panzer zerstört und sei weiter in die Region vorgedrungen, so das Verteidigungsministerium in Baku.

Die schwersten Kämpfe um die Region seit 2016 waren am Sonntag wieder aufgeflammt; beide Länder geben sich gegenseitig die Schuld. Die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region im Kaukasus liegt auf aserbaidschanischem Staatsgebiet, wird aber von Armenien besetzt. Armenien hat ein Verteidigungsbündnis mit Russland; die Türkei ist ein Verbündeter Aserbaidschans.

Berg-Karabach

Berg-Karabach ist eine mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region im Kaukasus. Sie liegt auf aserbaidschanischem Staatsgebiet, wird aber von Armenien besetzt - ebenso wie eine „Pufferzone“, die sich über sieben umliegende aserbaidschanische Provinzen erstreckt. Auf einer Fläche von der doppelten Größe des Saarlandes leben derzeit schätzungsweise rund 145.000 Einwohner.

Eine länger anhaltende Dominanz einer Bevölkerungsgruppe in Berg-Karabach hat es in den vergangenen Jahrhunderten nie gegeben. Viele eher christlich geprägte Armenier kamen im 19. Jahrhundert aus der Türkei und Persien in den Südkaukasus. Immer jedoch siedelten hier in der Vergangenheit auch muslimische Aserbaidschaner.

Das eigentliche Tauziehen um Berg-Karabach begann mit dem Zerfall der Sowjetunion. 1988 stellte das damals Autonome Gebiet Berg-Karabach den Antrag, von der Unionsrepublik Aserbaidschan zur Unionsrepublik Armenien zu wechseln. 1992 wurde die „Republik Berg-Karabach“ ausgerufen. Sie ist allerdings diplomatisch von keinem Staat anerkannt - auch nicht von Armenien.

Der seither schwelende Krise mit bislang mehreren zehntausend Toten gilt als Schlüsselkonflikt in der Region und weist laut Angaben von Experten einen der weltweit höchsten Bewaffnungsgrade gemessen an der Bevölkerungsgröße auf. Pro Jahr werden an der 180 Kilometer langen Waffenstillstandslinie im Schnitt 30 Menschen getötet. Auch entlang der 1.000 Kilometer langen Staatsgrenze zwischen Armenien und Aserbaidschan kommt es immer wieder zu Übergriffen. Am Wochenende begannen hier erneut Gefechte.

Beide Seiten werfen sich zudem Völkermord vor. Die Armenier verweisen dabei unter anderem auf antiarmenische Pogrome 1988 in der aserbaidschanischen Industriestadt Sumgait; die Aserbaidschaner beziehen sich auf Massaker in der Stadt Chodschali in Berg-Karabach, denen 1992 rund 600 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen.

© Text: KNA