Volkskirchen der USA unter Veränderungsstress

  • Religion - 17.09.2020

Die protestantischen Volkskirchen in den USA stehen unter Stress. Konservativere Mitglieder wandern zu den Evangelikalen ab. Es drohen Spaltungen.

Nach den Schüssen von Polizisten auf den Schwarzen Jacob Blake in Kenosha ergriffen die Lutheraner die Initiative: Sie luden in der politisch gespaltenen Stadt im US-Bundesstaat Wisconsin zu einem Fürbitt-Gottesdienst ein. Die „Evangelical Lutheran Church in America“ betrachtete es als ihre Aufgabe, Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft zusammenzubringen.

Aber Bischof Paul Erickson von der Synode des Großraums Milwaukee bezog auch klar Position. „Rassismus ist ein Gift, das uns allen schadet“, predigte Erickson den 200 Zuhörern, die mit Maske und körperlichem Abstand am 2. September zur „Grace Lutheran Church“ in Kenosha kamen, um für Blake, dessen Angehörige und die Stadt zu beten.

Bemerkenswert an der Initiative der zweitgrößten protestantischen „Mainline“-Kirche ist, dass die rund 3,5 Millionen Mitglieder zu 94 Prozent weiß sind. Bischöfin Elizabeth Eaton rückt das Engagement denn auch in eine historische Perspektive. Sie hoffe, die Lutheraner hätten damit ein Zeichen der sozialen Gerechtigkeit nach langen Phasen gesetzt, „in denen wir nichts getan haben.“

Die traditionellen protestantischen Kirchen in den USA erlebten in den vergangenen Jahren erhebliche Veränderungen. Das hat viel mit der Abwanderung von Mitgliedern zu evangelikalen Gemeinden oder Austritten zu tun. Lutheraner, Reformierte, Presbyterianer, Methodisten, Episkopale und schwarze AME-Kirchen machen heute zusammen nur noch 15 Prozent der US-Gesellschaft aus – zehn Prozent weniger als die Evangelikalen.

Weil es Volkskirchen sind, verlaufen die Konfliktlinien, wie bei den amerikanischen Katholiken, nicht selten direkt durch die Gemeinden. Allen voran bei Dauerbrennern der amerikanischen Kulturkämpfe wie der Ehe gleichgeschlechtlicher Paare, der Ordination von Klerikern mit unterschiedlicher sexueller Orientierung und Abtreibung.

Die mit sieben Millionen Mitgliedern größte „Mainline“-Kirche in den USA, die United Methodist, wird sich deshalb im nächsten Jahr spalten. Sie schaffte es nicht, ihre Meinungsverschiedenheiten zu Fragen der Sexualität zu überbrücken. Wie schon vorher bei der Episkopal-Kirche sind es die eher konservativen Mitglieder, die ausscheren.

John Dorhauer, der den 800.000 Reformierten der United Church of Christ vorsteht, sagt, seine Kirche lege Wert darauf, Menschen mit verschiedenen Weltsichten willkommen zu heißen. „Unsere Pastoren müssen einen Rahmen schaffen, in dem sich jeder frei im Gebet ausdrücken kann.“

Tatsächlich finden sich in den meisten Volkskirchen der Protestanten auch ganz unterschiedliche politische Haltungen – also Republikaner, Demokraten und Unabhängige. Das Musterbeispiel waren bisher die Methodisten, denen so unterschiedliche Politiker wie Hillary Clinton und George W. Bush angehören. Durch die Abwanderung konservativerer Mitglieder zu den Gemeinden der Freikirchen hat sich das Zentrum aber auch hier weiter nach links verschoben.

Dabei kommt es nur selten vor, dass Pastoren politische Predigten halten. Die Gemeinden der Volkskirchen profilieren sich eher durch tätige Nächstenliebe, soziale Dienste und neutrale politische Aktivitäten wie das Registrieren von Wählern. „Diese Protestanten sind oft besonnener in ihrer öffentlichen Rhetorik“, meint der Vorsitzende der Konferenz der methodistischen Bischöfe, Kenneth Carter.

In einem Punkt haben sich alle Volkskirchen klar positioniert: beim Ringen um das Ende von Diskriminierung wegen Hautfarbe, Religion und Herkunft. So wie nach der gewaltsamen Räumung des „Lafayette-Platzes“ vor dem Weißen Haus, als Präsident Donald Trump vor die St. John's Episcopal Kirche zog, um sich dort mit Bibel ablichten zu lassen.

„Er kam nicht, um zu beten, sondern um parteiische Politik zu machen“, verwahrt sich der erste schwarze Vorsitzende der Episkopal-Kirche in den USA, Michael Curry, gegen den Missbrauch eines Gotteshauses seiner Glaubensgemeinschaft als Kulisse. „Wir unterstützen oder opponieren nicht gegen einen bestimmten Kandidaten“, stellt Curry klar. „Aber wir verteidigen unsere moralischen Prinzipien und Werte, die der Schlüssel zu unserem Glauben sind.“

US-Baptistenkirche will sich umbenennen

Die US-amerikanische Baptistenkirche Southern Baptist Convention steht offenbar kurz vor einer Umbenennung. Es gebe viel Unterstützung für den Vorschlag, den Namen in „Great Commission Baptists“ zu ändern, sagte der Präsident der mit rund 15 Millionen Mitgliedern größten protestantischen US-Kirche, James David Greear, der „Washington Post“ (Dienstag Ortszeit). Damit solle ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt werden.

„Unser Herr Jesus war kein weißer Südstaatler, sondern ein braunhäutiger Flüchtling aus dem Nahen Osten“, so Greear, der im Sommer öffentlich mit den Protesten der „Black Lives Matter“-Bewegung sympathisierte. Greear betonte aber, dass es den einzelnen Gemeinden weiter freistehen solle, sich „Southern Baptist“ zu nennen. Der Dachverband der knapp 50.000 Kirchen werde aber voraussichtlich den Namen ändern.

Die Southern-Baptist-Gemeinden versammelten sich jede Woche, um „den Retter anzubeten, der für die ganze Welt und nicht bloß für einen Teil von ihr gestorben ist“. Genau dies sollte in dem Namen zum Ausdruck kommen, „den wir uns selbst geben“. Greear kündigte zudem an, den historischen Holzhammer des Kirchenpräsidenten abzuschaffen, der nach dem Sklavenhalter John Broadus (1827–1895) benannt ist.

Die Southern Baptist entstand 1845, als sich die Baptisten im Streit um die Haltung zur Sklaverei spalteten. Die Prediger der Südstaaten-Baptisten rechtfertigten das System der Rassentrennung lange von der Kanzel. Erst 1995 entschuldigte sich die Kirche formal für ihre Unterstützung von Sklaverei und Rassismus.

© Text: KNA/Thomas Spang (KNA)

 

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Doug Kerr (Dougtone at Flickr), Dayton Christian Church - Dayton Oregon, Farbanpassung/Zuschnitt von weltkirche.de, CC BY-SA 2.0