Vatikan für neue Sicherheitspolitik angesichts Corona-Pandemie

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  • Frieden - 09.07.2020

Der Vatikan wirbt für eine sicherheitspolitische Wende angesichts der Corona-Pandemie. Statt sich gemeinsam gegen die Bedrohung durch das Virus zu stellen, suchten politische Führer internationale und interne Spaltungen für sich zu nutzen, kritisierte Kardinal Peter Turkson am Dienstag im Vatikan.

Der für Friedens- und Entwicklungspolitik zuständige Kurienchef mahnte die Regierungen, Nationalismus, Abschottung und gegenseitige Schuldzuweisungen hinter sich zu lassen. Solidarität in der Krise, umfassende Gesundheitsfürsorge, Multilateralismus und vertrauensbildende Maßnahmen seien „der neue Name für Frieden“, so Turkson.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Ordensfrau Alessandra Smerilli plädierte angesichts möglicher „katastrophaler Ausmaße“ der wirtschaftlichen und sozialen Pandemiefolgen für einen Paradigmenwechsel in der Sicherheitspolitik. Erstes Kriterium für globale Sicherheit sei das der Gesundheit und des sozialen Wohlstands. Waffenarsenale nutzten nichts, wenn „eine Handvoll infizierte Leute“ genügten, um die Epidemie zu verbreiten.

Der Sprecher einer sicherheitspolitischen Taskforce im Vatikan, Alessio Pecorario, sagte, ergänzend zu der vom UN-Sicherheitsrat geforderten globalen Waffenruhe sollte es einen Stopp in der Rüstungsindustrie und beim Waffenhandel geben. Die Militärausgaben von 1,9 Billionen US-Dollar im vergangenen Jahr entsprächen dem 300-fachen Budget der Weltgesundheitsorganisation; manche Berater drängten in Reaktion auf die Corona-Pandemie auf noch auf höhere Rüstungsinvestitionen. Dabei sei „jetzt nicht die Zeit, Waffen herzustellen“, sagte Pecorario.

Die gegenwärtige Krise kombiniere „nationalistisches Abenteurertum und ökonomische Ungleichheit, wie es sie zuletzt vor 1914 und 1939 gab, mit einem sich abzeichnenden Wirtschaftsabschwung wie letztmalig in den 1930ern, verbunden mit Nuklearwaffen und einem rasch einsetzenden Klimawandel“, so der Sprecher. Um Menschenleben und den Planeten zu retten, seien aus Sicht des Vatikan Multilateralismus und die Umsetzung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung Schlüsselfaktoren, sagte Pecorario.

Kardinal Turkson sagte, die Welt erlebe „eine der schwersten humanitären Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg“. Die Pandemie und die globale Rezession verstärkten noch die Folgen des Klimawandels mit einem schwierigeren Zugang zu Nahrungsmitteln und Wasser, sozialen Unruhen und allgemeiner Unsicherheit. Turkson beklagte weiter Polizeigewalt bei der Durchsetzung von Anti-Corona-Maßnahmen und eine zunehmende Diskriminierung. Es gebe neue Bestrebungen, Kriege anzuzetteln und Territorien zu erobern. „Die Welt darf nur einen Kampf kennen: den Kampf gegen das Covid-19-Virus“, sagte Turkson.

Die Fachleute und der Präfekt der Entwicklungsbehörde äußerten sich bei einer Pressekonferenz zu Konsequenzen aus der Corona-Pandemie. Mitte April hatte der Vatikan eine Kommission eingerichtet, die die „sozioökonomischen und kulturellen Herausforderungen der Zukunft“ analysieren soll, insbesondere auf den Gebieten Umwelt, Wirtschaft, Arbeit, Gesundheit, Politik, Kommunikation und Sicherheit. Ergebnisse und Handlungsempfehlungen aus den einzelnen Arbeitsgruppen sollen sowohl Vatikandiplomaten wie auch kirchlichen Organisationen als Hilfestellung dienen.

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Frieden ist im Kirchenjahr 2020 das gemeinsame Thema der katholischen Hilfswerke und Diözesen.


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Von Burkhard Jürgens (KNA)

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