„Katholiken sind starke politische Akteure“

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  • Entwicklungspolitik - 18.05.2018

Der Katholikentag in Münster hat sie darin wieder bestätigt: Die Kirche ist ein wichtiger politischer Akteur, eine Stimme für Arme und Ausgegrenzte. Bis zum vergangenen Jahr war Dr. Claudia Lücking-Michel selbst noch CDU-Bundestagsabgeordnete. Umso mehr freut sie sich nun auf ihre neue Aufgabe als Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V. (AGEH). Damit kehrt die 56-jährige gebürtige Dortmunderin zu ihren beruflichen und persönlichen Wurzeln zurück. Ein Interview über die Friedensverantwortung der Kirche, Markus Söder und Frauen in Führungspositionen.

Frage: Frau Dr. Lücking-Michel , zum 101. Deutschen Katholikentag in Münster sind vergangene Woche auch zahlreiche Politiker und politische Organisationen gereist, auch die Themen waren sehr politisch. Hat die Kirche als zivilgesellschaftlicher Akteur an Bedeutung gewonnen?

Lücking-Michel: Ich kann das nur unterstreichen: Es waren 10 von 16 Bundesministern und -ministerinnen da. Hinzu kam die Teilnahme des kolumbianischen Staatspräsidenten Juan Manuel Santos, der einen Staatsbesuch absolviert hat. Auch die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident waren deutlich präsent. Das waren alles sehr gute Zeichen. Aber ich würde sagen: Das sollte der Normalfall sein. Nach meinem Verständnis von katholischer Kirche haben wir einen politischen Auftrag. Und viele katholische Organisationen, Verbände und Institutionen positionieren sich sehr wohl politisch, arbeiten und nehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr. Die Politiker tun gut daran, zum Katholikentag zu kommen. Denn hier sind nicht nur viele potenzielle Wähler, sondern wichtige Gesprächspartner. Die Katholiken sind starke politische Akteure, und wenn sich das auf einem Katholiken- oder auch einem Kirchentag niederschlägt – umso besser!

Frage: Zurzeit ist der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ja mit seiner Kreuz- und Wertedebatte in den Schlagzeilen. Ärgert es Sie, dass dadurch andere wichtige Themen der Kirche, die auf dem Katholikentag diskutiert wurden, nämlich Frieden und Solidarität mit den Schwächsten, in den Hintergrund geraten?

Lücking-Michel: Es wird auch einem Herrn Söder und der CSU-Politik nicht gelingen, weder die wahre Bedeutung des Kreuzes noch die vielen guten Ansätze der Kirche zu überdecken. Aber ärgerlich ist es in höchstem Maße, weil er natürlich besonders in seiner ersten Initiative das Kreuz missbraucht hat für seine wahlpolitischen Zwecke. Er hat ja deutlich behauptet, das Kreuz sei ein kulturpolitisches Symbol und kein Symbol für eine bestimmte Religion. Dann muss man auf den Tisch hauen und sagen: „Mein Lieber, dann nagel doch eine Lederhose an die Wand, aber missbrauche nicht unser Kreuz für deinen bayernpolitischen Wahlkampf!“ Natürlich kommen wir da in einen Zwiespalt: Auf der einen Seite muss man ja dafür kämpfen und sorgen, dass das Kreuz im öffentlichen Raum seinen Platz behält. Aber es war ja so offenkundig, dass Söder damit keinerlei religiöse Inhalte verbindet. Es war gut, dass dann auch aus kirchlichen Kreisen die Stimmen kamen, die sagten: „Wer Kreuzesinhalte stark machen will, der muss eine christliche Politik machen und die steht auf der Seite der Ärmsten und Marginalisierten.“ Und da kann man in Bayern noch einiges nachlegen.

„Dann nagel' doch eine Lederhose an die Wand!“

— Dr. Claudia Lücking-Michel über Markus Söder.

Frage: Söder fordert neuerdings eine Wertedebatte für Deutschland, lädt die Kirche zum runden Tisch ein und will nun den alten und neuen Papst besuchen fahren. Wenn Sie sich in die Wertedebatte einschalten wollten, welche wären Ihnen da persönlich wichtig?

Lücking-Michel: Es ist ein beliebter Ansatz, zu sagen: Wir brauchen die Kirchen für Werte. Dann wird das gern politisch eingesetzt für alles und jenes und am Ende kommen die Werte heraus, die man selbst gerne hätte. Natürlich kann man sagen, die Kirche und der christliche Glaube steht für Werte: Der Mensch ist Ebenbild Gottes. Jeder ist unabhängig von Religion, Geschlecht und Rasse gleichwertig und darf nicht instrumentalisiert werden. Und wenn wir politische Optionen treffen, müssen die Interessen der Schwächsten, Ärmsten, Entrechteten das größte Gewicht bekommen. Kirche muss Stimme und Anwältin der Armen sein. Die Flüchtlingsdebatte führt es uns vor Augen, dass manche politische Sachfrage dann anders gelöst werden müsste, als es die CSU im Moment gerne hätte. Mir ist allerdings auch immer wichtig, zu betonen, dass unser Glaube mehr ist als eine Werteagentur. Wir als Christen sind überzeugt davon, dass das Reich Gottes kommt und wir erlöst sind. Wir können doch ganz frei, großherzig und großzügig von unserer Zeit, unseren Ressourcen und unseren Lebensmöglichkeiten abgeben und müssen nicht immer als erstes „Hier!“ schreien. Das ist eine Grundhaltung, die mir wichtiger ist, als die Reduktion von Kirche auf „Werte“. Denn viele Werte als solche, die man in der Kirche hoffentlich lebt, findet man aber durchaus auch außerhalb der Kirche. Wir haben ja kein Monopol auf eine humanistische Grundhaltung.

Einführung von Dr. Claudia Lücking-Michel bei der AGEH. V.l.n.r.: Michael Steeb, Dr. Claudia Lücking Michel, Erzbischof Ludwig Schick, Dr. Maria Flachsbarth und Dr. Jaime Diaz (Geschäftsführer der kolumbianischen NGO PODION).

AGEH

Frage: Auf dem Katholikentag berichteten viele internationale Gäste von den Konflikten, Menschenrechtsverletzungen und Krisen in ihren Heimatländern. Ist das auch für Sie persönlich eine Bestätigung, dass Sie nach der verpassten Wahl in den Bundestag mit der Rückkehr in eine kirchliche Organisation, die Frieden und Entwicklung fördert, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind?

Lücking-Michel: Der Bezug zur Entwicklungspolitik begleitet mich bereits mein Leben lang, ganz im Sinne auch des Hirtenworts der deutschen Bischöfe: „Wir werden keinen gerechten Frieden auf der Erde haben, wenn wir nicht auch für Gerechtigkeit sorgen.“ Und da haben wir alle einen großen Auftrag. Die Kirche steht dafür mit den vielen entwicklungspolitischen Organisationen und Initiativen. Wir haben allein sechs große Hilfswerke und viele Verbände und Vereine, die sich dabei engagieren. Ein sehr wichtiger ist die AGEH, die besonders die personelle Entwicklungszusammenarbeit fördert. Beim Katholikentag wurde mir noch mal vor Augen geführt, dass ich hier an einer wichtigen Stelle bin. Jeder weiß, dass ich letztes Jahr Wahlkampf gemacht habe und eigentlich wieder zurück in den Bundestag wollte, aber hier bin ich sicherlich an einer Stelle, wo ich große Verantwortung trage für ein wichtiges Anliegen.

Frage: Sie haben während des Studiums ein Jahr in Jerusalem an der Dormitio-Abtei verbracht. Zur AGEH gehört auch der Zivile Friedensdienst (ZFD), der ebenfalls in Israel aktiv ist. Wie wichtig ist die Friedensverantwortung der katholischen Kirche angesichts der aktuellen Konfliktlage?

Lücking-Michel: Die Kirche hat dort die gleiche Verantwortung wie an anderen Orten, wo Konflikte über Jahrzehnte nicht zur Ruhe kommen. Sie ist Anwältin derer, die entrechtet sind, die zu kurz kommen und keine eigenen Chancen haben. Sie ist zugleich unbedingt diejenige, die auf Gewaltlosigkeit setzt und darauf pocht, dass Konflikte im Gespräch gelöst werden. Konkret haben wir mehrere Fachkräfte, die über die AGEH im Land sind. Ihre Ansätze zeigen beispielhaft, wie das konkret gehen kann. Wir haben eine Fachkraft, die mit ehemaligen israelischen Soldaten arbeitet, die aussteigen und sagen: „Wir wollen diese Konflikte nicht mehr mit Gewalt schüren, sondern einen anderen Weg suchen.“ Wir haben eine Fachkraft, die bereits in den Kindergärten und Schulen ansetzt, damit sich Israelis und Palästinenser kennenlernen als Mitschüler und Nachbarn. Des Weiteren haben wir eine Mitarbeiterin, die in der Rechtsberatung ist und sich der Frage widmet, wie mit palästinensischen Landrechten in Israel umgegangen wird. Auch das mag ein Beitrag zur Friedenslösung sein.

Frage: Was haben Sie aus Ihrer Zeit in der Bildungsabteilung bei Misereor mitgenommen für Ihre künftige Arbeit bei der AGEH?

Lücking-Michel: Ich fand es sehr gut, dass bei Misereor schon von Beginn an klar war, dass entwicklungspolitische Arbeit immer auch an unser Leben in Deutschland gekoppelt sein muss. Wir müssen auch hier unseren Lebensstil, unsere Politik, unsere Bereitschaft, uns auf die Fragen globaler Gerechtigkeit einzulassen, ändern. Insofern ist entwicklungspolitische Bildungsarbeit kein nettes Beiwerk, sondern gehört zentral zum Auftrag von Misereor. Das ist ein Gedanke, der mich nie wieder losgelassen hat. Wir müssen begreifen, dass wir eine globale Solidaritäts- und Lerngemeinschaft sind. Den intensiven Austausch, den unsere AGEH-Berater und -Fachkräfte in den Ländern des Südens mit den Menschen haben, hätte ich umgekehrt auch gerne hier in Deutschland. Also nicht nur vom Norden in den Süden, sondern ergänzend vom Süden Richtung Norden und auf Dauer auch in einem großen Süd-Süd-Austausch.

„Ohne Frauen hat die Kirche in dieser Form keine Zukunft.“

— Dr. Claudia Lücking-Michel

Frage: Welche Eigenschaften der Politikerin Dr. Claudia Lücking-Michel werden Sie auch künftig beibehalten, welche vielleicht ablegen?

Lücking-Michel: Als Politikerin muss man im Bundestag und auch im Wahlkreis lernen, sich sehr schnell auf neue Situationen einzustellen. Man plant Wochen und Monate im Voraus und es kommt doch anders, als man denkt. Da muss man mit einer Gelassenheit in den Tag hineingehen und entwickelt als Bundestagsabgeordnete eine große Stressresilienz und -resistenz. Das möchte ich auch in meine neue Aufgabe als Geschäftsführerin mit hineinnehmen und hoffentlich gut – nicht sprunghaft – aber doch mit der nötigen Widerstandskraft und einem Durchhaltevermögen meistern. Was ich nicht mehr brauche: Ich staune jetzt, wenn es acht Uhr abends ist und ich keinen Termin mehr habe. Solche freien Abende, die jetzt auch nicht massenweise vorkommen, sind für mich ein Geschenk und etwas Besonderes. Denn freie Abende hat man als Politikerin kaum. Insofern hoffe ich, dass ich die Freude über freie Abende nicht zu schnell verliere.

Frage: Wie sieht dann Ihre Feierabendbeschäftigung aus?

Lücking-Michel: Ich arbeite im Garten. Der wurde doch sehr vernachlässigt in letzter Zeit und sieht ziemlich wüst aus – da stehen Gartenfreunden die Haare zu Berge. Aber das allerliebste, was ich mache, ist Lesen. Ein Feierabend nach meinem Geschmack ist, eine überregionale Tageszeitung mal in Ruhe zu lesen und dann zu einem guten Buch zu greifen.

Frage: Die scheidende Geschäftsführerin der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Gertrud Casel, wünscht sich in Zukunft auch für kirchliche Organisationen mehr Frauen in Führungspositionen. Würden Sie das unterschreiben?

Lücking-Michel: Ich war zwölf Jahre lang Vizepräsidentin auf Bundesebene des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Ich kann das, was Frau Casel sagt, nicht nur unterschreiben, sondern mit drei Ausrufezeichen versehen! Was Frauen in Leitungs- und Führungsämtern der Kirche angeht, hat sich natürlich ein bisschen was verändert. Aber die Situation kann uns alles andere als zufriedenstellen. Die Frage nach Frauen in Führungsämtern ist wichtig und gut, entbindet aber nicht von der Antwort auf dieFrage, wann endlich Frauen zu Weiheämtern zugelassen werden. Frauendiakonat ist das Minimum! Damit rechnen wir ganz bald und wir wollen eigentlich auch nicht dort stehenbleiben! Wenn Frauen nicht endlich angemessen beteiligt werden, wird Kirche in dieser Form keine Zukunft haben.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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