Am Ball bleiben – trotz Problemen und Parolen

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  • Flüchtlinge - 11.02.2016

Schöntal ist mehr Wildbad Kreuth als Berlin. Keine Weltstadt, sondern vor allem ein schickes Bildungshaus in idyllischer Landschaft. In der kommenden Woche treffen sich dort die deutschen Bischöfe zu ihrer Vollversammlung. Einen kompletten Studientag lang befassen sie sich mit dem Thema Flüchtlinge. Dabei dürfte erneut deutlich werden: Die „Willkommen“-Signale der Kanzlerin finden bei ihnen ungleich mehr Zuspruch als die CSU-Rufe nach Obergrenzen.

Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann reist nach Kloster Schöntal ins nördliche Baden-Württemberg – als Gast. Der CSU-Mann lässt sich zusammen mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) von den Bischöfen in die Mangel nehmen. Scholz pochte als einer der ersten seiner Partei auf mehr Realismus in der aufgeheizten Debatte. In einer Podiumsrunde stellen sich die beiden Politiker ebenso wie weitere Experten den Fragen.

Leitbild für die katholische Flüchtlingsarbeit geplant

Auf dem Programm steht ferner die Verabschiedung eines „Leitbildes der katholischen Flüchtlingsarbeit“, möglicherweise eine Art Weckruf aus der Stille des beschaulichen Tals am Flüsschen Jagst. Die Bischöfe, so ist zu hören, möchten die vielen ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in den Gemeinden ermutigen, am Ball zu bleiben – gerade angesichts von Problemen, Parolen und Pegida.

Der Flüchtlingsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße (Mitte), wird das Leitbild für die katholische Flüchtlingsarbeit vorstellen.

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Zwar ist der Studientag von langer Hand geplant. Aber mit ihm unterstreicht die Bischofskonferenz erneut, wie hoch sie das Thema hängt. Aus demselben Grund hatte sie im Herbst eigens einen Flüchtlingsbeauftragten ernannt: den Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der das Leitbild jetzt vorstellen wird.

Dem Vernehmen nach wollen die Bischöfe ein tieferes Verständnis für Migration fördern und für eine „Kultur der Aufnahme und der Solidarität“ werben. In diese Richtung zielt ihre Botschaft, ohne dass sie die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. In dem alten Zisterzienserkloster lassen sie sich auch von Kardinal Francesco Montenegro informieren, der für die Flüchtlingsinsel Lampedusa zuständig ist.

Dort verdichten sich Not, Hoffnungen und Sorgen wie in einem Brennglas. Und der italienische Kirchenmann kennt sowohl das Elend der Bootsflüchtlinge als auch die Vorbehalte mancher Einheimischer aus erster Hand. Unmittelbare Einblicke wird zudem Volker Türk vermitteln, der stellvertretende Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen. Er betont immer wieder: „Flüchtlingsfragen können nicht von einem Staat allein gemeistert werden.“

Marx: EU-Außengrenze darf keine Todesgrenze werden

Vor diesem Hintergrund werden die Bischöfe nicht müde, eine menschenwürdige Behandlung aller Flüchtlinge einzufordern. Die EU-Außengrenze dürfe keine Todesgrenze werden, warnte der Konferenz-Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx Mitte Januar in Wildbad Kreuth – unmittelbar vor einem Treffen mit CSU-Abgeordneten. In Parteikreisen war später von einem „munteren“ Gespräch die Rede, bei dem es hier und da hoch hergegangen sei.

Marx betont freilich auch, dass Deutschland „nicht alle Notleidenden der Welt aufnehmen“ könne: „Wir brauchen eine Reduzierung der Flüchtlingszahlen“, so der Kardinal in der „Passauer Neuen Presse“. Zugleich wandte er sich dort gegen Beschränkungen des Asylrechts.

Seit Beginn der Krise haben sich viele christliche Gruppen in der Flüchtlingsfrage zu einem festen Sockel entwickelt, ohne den manches zusammenbrechen würde. Sie kümmern sich um Wohnungen und Sprachkurse, helfen beim Papierkram oder kümmern sich um Rechtsbeistand.

Mit diesem Einsatz machen sie sich nicht nur Freunde, wie mancher Shitstorm beweist. Im Internet gibt es für Beleidigungen offenbar keine Untergrenze. So ruft der Mainzer Kardinal Karl Lehmann zum Kampf gegen Sturheit auf – und zum Verständnis für Flüchtlinge: „Sie sind da, leibhaftige Menschen wie wir, sie lassen sich nicht mehr trösten und zur Geduld ermahnen, sie brechen auf.“ Und Kardinal Rainer Maria Woelki aus Köln stellt klar: „Unser christliches Abendland werden wir nicht dadurch retten, dass wir Schotten oder Grenzen dicht machen.“

Die Grundlinien sind also gezogen. Sie werden die Botschaft von Schöntal prägen. Und vielleicht findet ein Weckruf aus einem stillen Tal ja besonders viel Widerhall.

Von Thomas Winkel (KNA)

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