Auf Friedensmission

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  • Zentralafrikanische Republik

Seit dem Staatsstreich im März 2013 ist die Zentralafrikanische Republik gespalten. Damals stürzte die Rebellenarmee Seleka den Präsidenten François Bozize. Dieser ist wie mehr als die Hälfte der Einwohner Christ – ebenso wie die sogenannten Anti-Balaka Milizen, die sich inzwischen zur Gegenwehr gegen die Rebellen gebildet hat. Die Seleka-Gruppe und ihr Anführer Michel Djotodia sind fast ausschließlich Muslime. Trotzdem betonen die Glaubensführer des Landes mit Nachdruck, dass es sich nicht um einen Religionskonflikt handelt . Vielmehr steckten Machtinteressen und der Streit um Ressourcen hinter den Kämpfen.

Um für den Frieden zu werben und die Internationale Gemeinschaft um Unterstützung zu bitten, reisten die drei höchsten Religionsführer des krisengebeutelten Landes, der Erzbischof der zentralafrikanischen Hauptstadtdiözese Bangui, Dieudonné Nzapalainga, Imam Omar Kobine Layama und Pastor Nicolas Guerekoyame-Gbangou, Anfang des Jahres nach Deutschland. Als Antwort auf diese Friedensmission haben sich nun Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz , des Internationalen Katholischen Missionswerk Missio und der Erzdiözese Köln ihrerseits auf den Weg in die Zentralafrikanische Republik gemacht. Mit dabei ist auch Nadim K. Ammann, Referent im Bereich Weltkirche der Erzdiözese Köln. In seinen Reiseberichten spricht er über die Situation vor Ort und über die Hoffnung, dass endlich Frieden einkehrt.

Erste Station: Kamerun

Nach dem Besuch der „Interreligiösen Plattform“ aus der Zentralafrikanischen Republik im April in Deutschland sahen die Deutsche Bischofskonferenz, das Internationale Katholische Missionswerk Missio und die Erzdiözese Köln die Notwendigkeit, sich ein eigenes Bild vor Ort zu verschaffen.

Die drei Religionsführer aus der Zentralafrikanischen Republik trafen in Berlin auch mit Entwicklungsminister Müller zusammen. V. l. n. r.: Imam Omar Kobine Layama, Erzbischof Dieudonne Nzapalainga, Bundesminister Gerd Müller, Pastor Nicolas Guerekoyame-Gbangou, Prälat Karl Jüsten (Leiter des Katholischen Büros in Berlin) und Nadim Ammann (Erzbistum Köln). Buß/DBK

Die Agentur APTE, die auf Beratung und Friedensarbeit spezialisiert ist, stellte uns das Projekt INOVA-RCA in der Zentralafrikanischen Republik vor. In dessen Rahmen hatte APTE 2009 in der Hauptstadt Bangui eine dreiwöchige Friedensuniversität durchgeführt. Diese findet seit dem Jahr 2000 jedes Jahr in einem anderen Land statt. Insgesamt gibt es 175 Absolventen. Vertreter der Ortskirche und anderer Religionsgemeinschaften sowie Absolventen der Friedensuniversität wollten wir auf unserer Solidaritätsreise treffen. Gemeinsam sollte überlegt werden ob INOVA-RCA eine Möglichkeit für eine Friedensinitiative sein könnte.

Der erste Tag

Im Vorfeld der Reise legte unsere kleine Delegation – Burchard Schlömer von Missio, Hubert Heindl von APTE und ich, Nadim K. Ammann von der Erzdiözese Köln – einen Stopp in der Stadt Yaoundé in Kamerun ein. Hier wollten wir erste Gespräche führen. Wir waren für zwei Nächte im Gästehaus von Afrique Future untergebracht, einer lokalen Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich vor allem um Erziehungs- und Gesundheitsprojekte bemüht, und eigene Schulen und Krankenhäuser betreibt. Das Gästehaus liegt auf einem Hügel, von dem man einen schönen Blick auf die Stadt hat. Schon bei der Landung empfing uns die typische Schwüle Afrikas. Die Regenzeit hat schon begonnen. Entsprechend regnete es immer mal wieder und es war erstaunlich frisch, vor allem in den Morgenstunden.

Gespräche mit dem Generalsekretär der Kamerunischen Bischofskonferenz

Der Generalsekretär der Kamerunischen Bischofskonferenz, Mgr. Sebastién Behon, hatte bei seinem letzten Besuch in Deutschland bereits von den Flüchtlingen im Norden des Landes berichtet. Er empfing uns in seinem Büro und lud auch den Direktor der Caritas Kamerun zu dem Gespräch ein. Beide bestätigten zunächst, dass die Religionen im Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik manipuliert würden. Das Interesse der Konfliktparteien und derer, die hinter den beiden Seiten stehen, seien Ressourcen wie Gold und Eisen. Viele Händler aus den Anrainerländern mischten eifrig in dem Konflikt mit. Die Flüchtlinge in Kamerun seien nicht nur Zentralafrikaner sondern auch Kameruner, die seit vielen Jahren in der Zentralafrikanischen Republik lebten. Sie kommen in ihr Land zurück, in dem sie jedoch nichts besitzen, weil sie sich in der Zentralafrikanischen Republik niedergelassen haben.

Blick vom Gästehaus auf die Stadt Yaoundé Ammann

Die Pfarreien aus den vier Anrainerdiözesen (Bertoua, Batouri, Ngaoundere und Yokodouma) seien für ihr Engagement zu loben. Sie hätten sofort Flüchtlinge – egal welcher Religion – aufgenommen. Allerdings seien die Pfarreien nicht für die Betreuung von Vertriebenen geschult. Wichtig sei es, die Flüchtlinge schon jetzt auf die Rückkehr in ihr Land vorzubereiten. Versöhnungsarbeit müsse bei ihnen anfangen. Den Flüchtlingen müsste eine Perspektive für den Wiederaufbau geboten werden. In Kamerun wurde eine Kollekte gestartet, um den betroffenen Diözesen zu helfen. 25 Millionen CFA-Franc, umgerechnet rund 38.000 Euro, seien gesammelt worden. Einige Diözesen haben zudem eigene Hilfsprogramme entwickelt.

Wir vereinbarten, uns nach der Rückkehr aus der Zentralafrikanischen Republik mit dem Präsidenten der Kamerunischen Bischofskonferenz, Erzbischof Samuel Kleda, und dem Caritas-Direktor in Douala zu einer Auswertung zu treffen.

Bei den Salesianern

Am Nachmittag hatten wir einen Termin im Provinzialat der Salesianer. Schon in Deutschland hatten wir die Missionsprokur der Salesianer und andere Prokuren über unsere Reise informiert. Mit Albert van Buel stellen die Salesianer einen Bischof in der Zentralafrikanischen Republik und in der Hauptstadt Bangui haben sie zwei Gemeinschaften, in denen sich auch Flüchtlinge aufhalten. Daher war es uns wichtig, den Orden zu kontaktieren. Wir unterhielten uns mit dem Ökonom P. Sabé und dem Verantwortlichen des Entwicklungsbüros, M. Clément.

P. Sabé betonte, dass Dieudonné Nzapalainga, der Erzbischof von Bangui, eisern seinen Einsatz für den Frieden fortsetzt. Seine Ansprachen seien erstaunlich und würden in die Tiefe gehen. Er fordert auch von seinen Mitbrüdern, seinen Priestern und den Ordensleuten, sich für den Frieden einzusetzen und keinen Hass zu schüren. Wer das nicht könne solle gehen. Rache und Hass seien das große Problem in der Zentralafrikanischen Republik. Die verschiedenen militärischen Eingreiftruppen würden kaum etwas erreichen. Es fände keine Entwaffnung statt, die Plätze seien immer noch nicht befriedet. Dabei sei das doch der Auftrag der Eingreiftruppen.

‚Der Staat existiert nicht mehr‘

Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche Anfang 2014 forderte Erzbischof Nzapalainga ein stärkeres Engagement der Vereinten Nationen in der Zentralafrikanischen Republik.

weltkirche.katholisch.de

Aus der Sicht der Salesianer bedeutet humanitäre Hilfe nicht, dass man französische Soldaten schickt. Vielmehr seien Ärzte, Sozialarbeiter und Psychologen notwendig. Man müsse auch die Anfänge des aktuellen Konflikts besser begreifen. So soll der ehemalige Präsident Bozize vor seinem Sturz die Konten geleert haben. Als dann die Seleka-Rebellen mit Michel Djotodia an der Spitze die Macht übernommen hatten, sei kein Geld vorhanden gewesen, um die Rebellen für ihr Engagement zu bezahlen. Zunächst hatte sich die Bevölkerung noch über den Sturz Bozizes gefreut. Weil es jedoch kein Geld gab, „bedienten“ sich die Rebellen beim Volk und plünderten willkürlich. Dies sei der Anfang des Stimmungswandels gewesen.

Bischof Aguire von Bangassou in der Zentralafrikanischen Republik soll sich damals wiederholt zur Situation geäußert haben. Er hatte schon vor der Machtübernahme der Seleka geahnt, was auf das Land zukommen würde. Denn in seiner Diözese soll die Seleka-Bewegung schon vor dem Sturz Bozizes versucht haben, Frauen und Mädchen das Tragen einer Kopfbedeckung nahezulegen und Jungen in die Moschee zu begleiten.

Werben für den Frieden

Aktuell ist aus der Sicht der Salesianer vor allem Friedensarbeit notwendig. Man müsse behutsam vorgehen und die Menschen sensibilisieren. Zudem müsse man bei der Jugend anfangen. Man solle nicht glauben, dass Erzbischof Nzapalainga und Imam Omar Kobine Layama in ihrer Friedensmission überall willkommen seien. Als die beiden Geistlichen die Salesianer in Bangui besuchen wollten, weil sich dort viele junge Menschen aufhielten, drohten diese, den Imam umzubringen.

Zudem betonten die Salesianer, dass die Kinder unbedingt zurück in die Schulen müssten. Dafür würden Mittel benötigt. Es sei sehr wichtig, ihnen eine Alternative zum Leben auf der Straße zu bieten. Erziehung und Berufsperspektiven für junge Menschen spielten dabei eine große Rolle. In den Schulen müssten darüber hinaus Kurse zur Traumabewältigung und Friedenserziehung angeboten werden.

Die Ordensleute gingen in unserem Gespräch auch auf die Rolle der Medien ein. Deren Potenzial müsste besser genutzt werden. Radios, Zeitungen, Gottesdienste und Schulen sollten über Frieden und Versöhnung berichten.

Mehr Unterstützung für Flüchtlinge

Die Salesianer betonten, dass mit Blick auf die große Zahl der Flüchtlinge die Anrainerländer stärker unterstützt werden müssten. So habe auch der Tschad Vertriebene aufgenommen. Allerdings handele es sich meist um Menschen aus dem Tschad, die aus dem eigenen Land geflohen waren und in der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet und gelebt haben. Der Sudan habe selber große Probleme. Dort sei es aktuell nicht sicherer als in der Zentralafrikanischen Republik. Auch in den Kongo seien Menschen geflohen. Dort sei jedoch nichts organisiert.

Aus Sicht der Salesianer verfügt die Kirche in der Zentralafrikanischen Republik über die besten Mittel, um Friedensarbeit zu leisten. In vielen Ländern Afrikas steht das Volk hinter seinen Bischöfen. Deshalb könnten diese auch offen die Regierungen kritisieren. Darin müsse die Ortskirche unterstützt werden.

Nach diesem interessanten Austausch verbrachten wir den Abend bei Familie Hellemann. Burkhardt Hellemann hat vor drei Monaten seine Arbeit als Koordinator des Zentralen Friedensdienstes (ZFD) in Kamerun begonnen. Er erzählte von der Eingewöhnungsphase und wie sinnvoll es sei, als Verantwortlicher bei der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) auch selber Ortserfahrung gesammelt zu haben.

Vincent berichtet der Delegation aus Deutschland von der Situation der Flüchtlinge in Kamerun. Von links: Nadim Ammann, Alexis Rusine, Burchhard Schlömer, Hubert Heindl und Vincent Gnowa. Ammann

Der zweite Tag: Gespräche mit dem Friedensaktivist Vincent

Das Wetter war am zweiten Tag schon besser. Wir nahmen früh unser Frühstück auf der Terrasse ein und wurden danach zum Flughafen gefahren. Der Flughafen von Yaoundé und dessen Umgebung ist sehr gepflegt. Man kann sehen, dass es dem kamerunischen Präsidenten wichtig ist, hier Eindruck zu schinden. Der Flug ist die schnellste und sicherste Verbindung zwischen den Städten und so gelangten wir innerhalb von drei Stunden vom Gästehaus in Yaoundé ins Hotel in Douala.

Nach unserer Ankunft trafen wir nun auf den vierten Mann unserer kleinen Delegation: Alexi Rusine aus Ruanda. Alexi wird zusammen mit Hubert Heindl das INOVA-RCA-Friedensprojekt koordinieren. Zusätzlich trafen wir auf Vincent, Absolvent der Friedensuniversität und Praktikant bei INOVA-RCA. Er stammt aus dem Norden Kameruns und berichtete von der Situation der Flüchtlinge dort.

Vincent machte uns darauf aufmerksam, dass man bei der Durchführung des Friedensprojektes INOVA-RCA auf die Jahreszeiten achten müsse. In der Regenzeit seien die Menschen tagsüber auf den Feldern. Wenn man zu dieser Zeit ein Programm anbietet, muss dies am Nachmittag beginnen. Außerdem müsse man sehr vorsichtig mit kulturellen Begebenheiten sein. So könnten Muslime es falsch auffassen, wenn man bei ihnen die Schuhe nicht auszieht. Daher wäre es ratsam, auch muslimische NGOs mit einzubeziehen, um gemeinsame Ziele zu formulieren. In Kamerun scheinen die muslimischen Organisationen besser aufgestellt zu sein. Auch die Mehrheit der Flüchtlinge seien Muslime. Vincent empfiehlt uns für das Friedensprojekt eine Durchführungsdauer von sechs Monaten. Er betont jedoch, dass auch die Friedensaktivisten dazu bereit sein müssten, sich für sechs Monate zu engagieren.

Gegen Mittag verabschiedeten wir uns von Vincent und checkten für den Flug nach Bangui ein.

Fortsetzung folgt ...

Von Nadim K. Ammann

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