„Dutertes Schießbefehl ist ein Wahnsinn“

  • Philippinen - 12.09.2016

Der neue philippinische Staatspräsident Rodrigo Duterte sorgt mit markigen Sprüchen für Schlagzeilen – und sein Schießbefehl gegen Drogenabhängige und Dealer für weltweites Entsetzen. Fraglich ist, was „Präsident Großmaul“ gegen die massenhafte Armut auf dem Archipel unternehmen will. Der Präsident des katholischen Hilfswerks Missio, Monsignore Wolfgang Huber (53), hat das Land im August für zwei Wochen bereist. Im Interview spricht er über seine Eindrücke.

Frage: Monsignore Huber, Präsident Duterte macht nicht nur als maßloser Sprücheklopfer Schlagzeilen, sondern auch mit seinem gnadenlosen Kampf gegen die Drogenszene. Polizei und Killerkommandos haben auf seine Anweisung hin in zwei Monaten rund 3.000 Drogendealer und -konsumenten erschossen – echte oder angebliche. Wie haben Sie die Stimmung im Land erlebt?

Huber: In der breiten Bevölkerung gibt es kaum Empörung über das Töten. Im Gegenteil. Duterte hat neben Arbeit vor allem Sicherheit versprochen und ist dafür gewählt worden. Er hat einen großen Vertrauensvorschuss. Die Leute glauben, dass er mit der Kriminalität und den korrupten Machenschaften der reichen Oligarchen aufräumen kann. Wenn dieser Lack ab ist, wächst vielleicht auch der Widerstand gegen Dutertes Stil und Methoden.

Frage: Gilt denn nicht tatsächlich: Die Erschießungen verstoßen zwar gegen jedes rechtsstaatliche Prinzip und die Menschenrechte, aber sie dämmen die Drogenseuche des Landes ein?

Zusammen mit einer Delegation aus dem Bistum Speyer war Missio-Präsident Wolfgang Huber im August auf den Philippinen.

KNA

Huber: Die Rechnung geht nicht auf. Die Unsicherheit wird nur noch größer. Da entwickelt sich eine Form von Anarchie, weil alle möglichen zwielichtigen Gestalten zur Waffe greifen und alle möglichen alten Rechnungen begleichen. Da werden jetzt Bandenkriege quasi legal ausgefochten. Man muss dem Getöteten doch nur ein Päckchen Stoff in die Hosentasche stecken, und schon lässt sich die Tat rechtfertigen. Mal abgesehen von völlig Unbeteiligten und Passanten, die bei den Attacken sterben. Dutertes Schießbefehl ist ein Wahnsinn.

Frage: Die Kirche hat den Kurs des Präsidenten in einem Hirtenbrief verurteilt. Abhängigen müsse geholfen werden, statt sie zu erschießen, heißt es da. Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen der Kirche und Duterte?

Huber: Außer bei so gravierenden Menschenrechtsfragen, bei denen die Kirche nicht schweigen kann, wartet sie erst einmal ab. Als Duterte sie vor der Wahl als „scheinheiligste Institution des Landes“ und die Bischöfe, die gegen ihn waren, als „Hurensöhne“ bezeichnete, hat die Kirche das nicht groß kommentiert. Sie setzt auf Deeskalation und konzentriert sich auf ihre Arbeit für die Menschen.

Frage: Das Land schreit vor Armut. Wo liegen da die Schwerpunkte der kirchlichen Arbeit?

Huber: Vor allem auf dem Bildungssektor. Die katholische Kirche ist der wichtigste Schulträger des Landes. Das Bildungsniveau muss unbedingt gehoben werden; das ist eine Grundvoraussetzung für Fortschritt. Immer wichtiger wird auch die seelsorgerische Hilfe für Familien. Ihr Zusammenhalt ist oft durch Armut und die massenhafte Arbeitsmigration von Elternteilen ins Ausland bedroht. Dazu kommt das Massenphänomen der Straßenkinder, um die sich vor allem die Kirche kümmert. Ein dritter Schwerpunkt, der immer wichtiger geworden ist, betrifft den Umweltschutz. Hier gehört die Kirche zu den lautesten Stimmen, die vor Raubbau und den Folgen des Klimawandels warnen.

Frage: Kritiker werfen der Kirche vor, die krasse soziale Ungerechtigkeit in der Gesellschaft nicht laut genug anzuprangern. Ihr Dienst für die Armen wirke letztlich systemstabilisierend.

Huber: Ich habe auf meiner Reise keinen Bischof oder Priester getroffen, der die Kluft zwischen Arm und Reich irgendwie gerechtfertigt hätte. Dafür sind die Zustände auch zu himmelschreiend. In Manila grenzen Luxushotels unmittelbar an Slums, oder das Geld zieht sich in geschützte Viertel zurück, bewacht von privaten Sicherheitsleuten. Andere Menschen leben dagegen auf Müllbergen. Die Kirche benennt solche Zustände sehr wohl deutlich. Aber sie sieht ihre wichtigste Aufgabe darin, den Menschen konkret zu helfen. Auch kleine Schritte können das ungerechte System verändern. Zum Beispiel unterstützt die Kirche sehr aktiv die Bildung von Kooperativen, in denen Landarbeiter ihre Erlöse vergrößern und sich besser gegen die Interessen von Großgrundbesitzern und Konzernen behaupten können.

Kirche auf den Philippinen bedeutet auch weniger Amtskirche als vielmehr die vielen kleinen Basisgemeinschaften, die die Verbesserung ihres Schicksals in die eigenen Hände nehmen; die schauen: Wie können wir uns besser gegenseitig helfen? Wer braucht Hilfe? Auf einem so aktiven Gemeindeleben lässt sich viel für die Gesellschaft bewegen.

Frage: Sie waren auch auf Mindanao im Süden der Philippinen. Jüngst hat die islamische Terrorgruppe Abu Sayyaf dort, in der Stadt Davao, wieder einen Bombenanschlag mit 14 Toten verübt. Die Radikalen wollen einen eigenen islamischen Staat. Wie steht es auf Mindanao um das Zusammenleben der Religionen?

Huber: Die Abu Sayyaf ist eine kleine Splitterorganisation ohne größeren Rückhalt in der Bevölkerung. Unter den Muslimen habe ich ganz überwiegend großen Respekt vor dem Christentum und der Kirche erlebt. Aber umgekehrt muss auch die religiöse und ethnische Eigenständigkeit der Moros, also der philippinischen Muslime anerkannt werden. Man darf ja nicht vergessen, dass die Moros schon rund 200 Jahre den Islam lebten, bevor mit den Spaniern die ersten katholischen Missionare landeten.

Von Christoph Schmidt (KNA)

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Hintergrund

Zwei Wochen lang war eine achtköpfige Gruppe aus dem Bistum Speyer mit Missio auf den Philippinen unterwegs. Die Reise diente der Vorbereitung des Monats der Weltmission im Oktober, bei dem der asiatische Inselstaat in diesem Jahr im Mittelpunkt steht. Die bundesweite Feier zum Sonntag der Weltmission findet am 23. Oktober im Speyerer Dom statt.

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