Zwangsprostitution in Deutschland – Methoden, Täter, Opfer

  • Das „System Menschenhandel“

Das BKA betont dabei immer wieder, dass die Dunkelziffer an Menschenhandels-Opfern und -Tätern weitaus höher liege, jedoch die Ermittlungen schwer seien. Zum Beispiel kommen die Hellfeld-Zahlen aus der Zwangsprostitution zustande, wenn die Polizei Opfer „ins Haus geliefert bekommt“ (sei es, weil Freier oder Mitarbeiterinnen von Hilfsorganisationen mit den Menschenhandelsopfern zur Polizei gehen oder die jungen Frauen sich in seltenen Fällen selbst an die Polizei wenden) – oder wenn die Polizei sich ihre Opfer „suchen geht“, d. h. bei Kontrollen/Razzien in Bordellen, Wohnungen oder auf dem Straßenstrich.

Doch das deutsche Prostitutionsgesetz von 2002 hat genau diese Kontrollmöglichkeiten stark eingeschränkt, das beklagen Strafverfolger seit Langem. (Auch das ein Grund, warum das Prostitutionsgesetz von 2002 nachgebessert werden sollte, was derzeit in Deutschland auch geschieht.)

Im Laufe der letzten Jahre und im Zuge der EU-Osterweiterung haben sich die Methoden der Menschenhändler verändert. Die Player der organisierten Kriminalität profitierten von den erleichterten Einreisebedingungen. Die illegale Schleusung von jungen Frauen in Nacht- und Nebelaktionen über grüne Grenzen hinweg oder mit gefälschten Pässen ist der legalen Einreise gewichen. Die EU-Osterweiterung in ihren Wellen von 2004 und 2007 hat das Phänomen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung definitiv begünstigt. Mittlerweile liegen Bulgarien und Rumänien als „Hauptlieferländer“ von Menschenhandelsopfern an der Spitze der deutschen Statistik – seit dem EU-Beitritt dieser beider Länder 2007 ging das ganz rasch.(3) Relativ neu ist nun dieser Trend: Zunehmend landen Roma-Mädchen und -Frauen aus Bulgarien in der deutschen (Zwangs-)Prostitution, also diejenigen, die in ihrem Herkunftsland am untersten Ende der sozialen Skala stehen – arm, ungebildet, absolut perspektivlos und oft Opfer des eigenen Clans, der sie schon früh Gewalt erleben lässt, sie verkauft und versklavt.

Die „alten“ Methoden der Menschenhändler sind schon zunehmend neuen, subtileren gewichen: Noch bis vor 15 Jahren wandten die skrupellosen Täter schon im Heimatland brutale Gewalt an und verschleppten die gebrochenen Mädchen und Frauen dann ins Ausland. Doch diese Methode geht zurück. Die Anwerbung ist weitaus raffinierter geworden, so auch im Fall von Ioana. Die AnwerberInnen und Menschenhändler stammen aus dem nahen Umfeld des Opfers, es sind Bekannte, entfernte Verwandte oder – was besonders fatal ist – ihre eigenen Freunde. In Ioanas Fall war es die vertraute Schulfreundin – die Garantin dafür, dass die Arbeit in Deutschland redlich und anständig bezahlt sein wird –, die sie ins Verderben lockte. (4) Und vermutlich war auch diese Freundin Opfer ihres Mannes, des Zuhälters Robert T. Vermutlich ist auch sie auf seine „Loverboy-Masche“ hereingefallen.

Wenn es die Verehrer und Herzensfreunde sind, die die Opfer in die Zwangsprostitution locken, nennen das Fachleute in Strafverfolgung und Hilfsorganisationen „Loverboy“-Syndrom: Die jungen Männer mit schicken Autos und viel Geld machen die Mädchen im Heimatort verliebt, tragen sie erst monatelang wie Prinzessinnen auf den Händen und sagen dann: Mensch, ich habe Schulden bei einem Typen, könntest du mir nicht helfen, arbeite mal ein paar Monate im Ausland, danach machen wir uns dann ein tolles Leben … Und die Mädchen fallen darauf rein. Die „große Liebe“ lockt. Frauen und Mädchen, die hier Opfer von Menschenhandel wurden, können meist nicht zurück in ihre Familien – die sie vielleicht wie im Falle der Roma-Clans als erste verkauft haben – oder in ihr altes Umfeld, denn dort lauern die Menschenhändler oder korrupten Polizisten, die nichts lieber täten, als diese Mädchen wieder in den teuflischen Kreislauf Menschenhandel einzuspeisen. Übrigens erhält auch Ioanas Familie im rumänischen Bobolia bis heute Drohungen aus dem Umfeld des Robert T.

Allerdings ist auch die grobe Täuschung à la Zimmermädchen heute nicht mehr unbedingt nötig, denn zunehmend landen junge Frauen aus dem Osten in deutschen Bordellen, die sehr abgeklärt für sich sagen, Prostitution ist okay, ich schau, dass ich ein-zwei Jahre freiwillig in der Prostitution Geld verdiene für zuhause – aber bitte zu meinen Bedingungen. Und das unterstützen die vermeintlichen Freunde, die „Loverboys“. Sie sagen: Du arbeitest in einer Bar, du tanzt und bedienst da, du musst aber nicht mit den Freiern aufs Zimmer, nur völlig freiwillig mit denen, die dir wirklich gefallen und nur, wenn du wirklich magst – du verdienst super, hast eine eigene schicke Wohnung, alles bestens. Nur wenn diese Versprechungen und die Bedingungen brutal geändert werden, sobald sie im Westen sind, dann ist das das eigentliche Verbrechen, deren Opfer sie geworden sind. Das Problem hierbei: Die jungen Frauen und Mädchen sehen sich selbst nicht als Opfer, sondern sagen sich: Bin ja selber schuld, hab mich ja freiwillig darauf eingelassen … Und diese Scham und vermeintliche Schande spielt sie umso mehr den Zuhältern in die Hände, denn wer sich nicht als Opfer sieht, der geht auch nicht zur Polizei. (Abgesehen einmal davon, dass die wenigsten Frauen in der Zwangsprostitution sich an die Polizei wenden würden – denn sie kennen aus ihren osteuropäischen Herkunftsländern die Polizei als korrupt und als Komplizen der Menschenhändler und denken deshalb, in Deutschland sei das genauso.)

Von Inge Bell

Fußnoten

(3) Vgl. dazu auch die Hinweise im Beitrag von Christian Wulzinger in der gedruckten Ausgabe des Heftes OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP) 2/2015

(4) Überraschend ist der hohe Anteil von Frauen unter den Menschenhändlern: global gesehen ein Drittel, in einigen Regionen wesentlich mehr. Vgl. dazu auch den Beitrag von Alexandra Rojkov: Frauen versklaven Frauen. Die Mütter des Menschenhandels , 30.03.2015

© OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP)

Zur Autorin

Inge Bell ist Medienunternehmerin, Publizistin und Menschenrechtsaktivistin. Die Expertin für Menschenhandel dreht Filme, schreibt Bücher, hält Vorträge, lehrt und forscht zu diesem Thema. Sie stellte auch die Bilder im Beitrag zur Verfügung.

www.ingebell.de

Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“

Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird vom katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben. Ausgabe 2/2015 trägt den Titel „Menschenhandel – moderne Sklaverei in Europa.“ Die Zeitschrift kann zu einem Preis von 6,50 Euro telefonisch (08161/5309-71) oder per E-Mail: oder angefordert werden.

www.owep.de