Universale Brüderlichkeit

  • © Bild: KNA
  • Interreligiöser Dialog

Seit 1400 Jahren gibt es für die Kirche sehr wechselvolle Erfahrungen in der christlich-islamischen Begegnung. Der Beginn der Auseinandersetzung mit dem Islam stand unter dem Schock der Ausbreitung des arabisch-islamischen Reichs über große, bis dahin christlich geprägte Gebiete.

Geschichte der christlich-islamischen Begegnung

Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein war die Auseinandersetzung mit dem Islam innerhalb der christlichen Theologie stark von einer anti-islamischen Polemik geprägt, die ihren Ausgangspunkt bereits in der Lehre des heiligen Johannes Damaszenus (675 – 749) hatte. Dieser hatte in seiner Abhandlung über die Häresien den Islam an erster Stelle behandelt. Nach seiner Auffassung gehörte der Islam zur Geschichte der totalen Ablehnung der Wahrheit über Gott. Diese Geschichte hatte ihren Anfang in Arius genommen und wurde dann von Muhammad fortgeführt. Ihren logischen Abschluss werde sie, so Johannes, in der Figur des Antichristen finden.

Auch die Reformatoren des 16. Jahrhunderts blieben im Wesentlichen in dieser Perspektive verhaftet. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein wurden Vorlesungen über den Islam, ausgehend von der anti-islamisch geprägten Polemik des Johannes, mit der Aussage begonnen, dass der Islam eine teuflische Religion sei. Mit der Entwicklung der modernen Islamwissenschaft im 19. Jahrhundert änderte sich dieses Bild allmählich.

Katholisch-islamisches Forum im Vatikan. 29 katholische und islamische Würdenträger und Experten diskutieren über das Thema "Gotttesliebe - Nächstenliebe". KNA

Die entscheidende Wende für das Verhältnis von Katholischer Kirche und Islam findet sich aber erst in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der christliche Islamwissenschaftler Louis Massignon sprach diesbezüglich sogar von einer kopernikanischen Wende für die christlich-muslimischen Beziehungen. Auch wenn in den relevanten Texten des Konzils – insbesondere in Lumen Gentium und Nostrae Aetate – vor allem die praktische Haltung gegenüber den Muslimen angesprochen wird, sind implizit jedoch auch neue Elemente im Blick auf die christlich-theologische Sicht des Islam enthalten.

In diesen Konzilstexten werden zum einen gemeinsame Elemente zwischen Christentum und Islam genannt, wobei zugleich mit der Gottessohnschaft Jesu ein elementarer Unterschied benannt wird. Zum anderen wird explizit die Möglichkeit einer Zusammenarbeit für ein friedliches und gerechtes Miteinander in der Welt von heute betont.

Gründung von CIBEDO

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg kamen durch diverse Anwerbeabkommen auch viele muslimische Arbeitnehmer nach Deutschland, von denen viele dauerhaft blieben und auch deren Familien nachkamen. Heute leben 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime in Deutschland.

Während Muslime heute in Europa gut organisiert sind, waren es anfänglich insbesondere die Kirchen und Christen, die sich der Situation der Muslime im sozial-caritativen Bereich und in gesellschaftspolitischen Fragen angenommen hatten. Davon ausgehend kam es zunehmend auch auf seelsorglich-pastoraler Ebene zu interreligiösen Begegnungen. Es ergaben sich Fragen zu religionsverschiedener Ehe, muslimischen Kindern in christlichen Kindergärten oder zur Konversion. Dieser Entwicklung gegenüber sind die christlichen Kirchen nicht gleichgültig geblieben. Arbeitsstellen, Sekretariate oder Arbeitsgruppen wurden eingerichtet, die eine doppelte Aufgabe zu erfüllen haben: Christen zu helfen, Muslimen im Alltag zu begegnen und die Verantwortlichen der Kirchen in Fragen des interreligiösen Dialogs zu beraten.

So wurde 1978 von den Weißen Vätern in Köln die christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle CIBEDO gegründet. 1998 wurde CIBEDO neu strukturiert und ist seitdem als eingetragener Verein eine offizielle Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz.

Aspekte heutiger christlich-islamischer Begegnung

Neben den interreligiösen Begegnungen die seitens der Amtskirche – unter anderem durch Islambeauftragte der Bistümer oder CIBEDO – gefordert werden, haben sich mittlerweile verschiedene weitere Foren, Einrichtungen oder Stiftungen zum interreligiösen Dialog etabliert, so zum Beispiel das Theologische Forum Christentum – Islam in Stuttgart oder die Georges-Anawati-Stiftung . Daneben leisten heute insbesondere auch die vielen interreligiösen Gesprächskreise oder die christlich-islamischen Frauengruppen auf Gemeindeebene einen wertvollen Beitrag für das gemeinsame Miteinander. Der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog nennt diesbezüglich vier verschiedene Ebenen der Begegnung zwischen Christen und Muslimen: den Dialog des Lebens, des Handelns, des theologischen Austauschs und der Glaubenserfahrung.

Darüber hinaus ist für den Dialog heute zunehmend die Frage nach Perspektiven wichtig. Über das gegenseitige Kennen- und Verstehenlernen und über pastorale Fragen hinaus sind Christen und Muslime gemeinsam gefordert, die aus ihren religiösen Überzeugungen resultierenden Werte und Perspektiven auch gesellschaftlich und politisch fruchtbar zu machen. Fragen der Bioethik, der sozialen Gerechtigkeit, aber auch aktuelle Fragen, wie diejenigen nach der Beschneidung oder Religionsfreiheit, eignen sich für gemeinsame Antworten und Stellungnahmen.

Stand: September 2012

www.cibedo.de

© Matthias Böhm, CIBEDO

CIBEDO

Die christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO) in Frankfurt am Main ist die Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz für den christlich-islamischen Dialog mit der Aufgabe, den interreligiösen Dialog sowie das Zusammenleben von Christen und Muslimen zu fördern. Mehr über den Auftrag von CIBEDO erfahren Sie hier:

Aufgaben der CIBEDO

Zdk-Gesprächskreis "Christen und Muslime"

Der Gesprächskreis "Christen und Muslime" wurde im Jahr 2000 vom Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) eingerichtet. Er sieht seine Aufgabe im Dialog zwischen Christen und Muslimen und in der Erarbeitung gemeinsamer Stellungnahmen zu konkreten gesellschaftspolitischen Feldern und praktischen Fragen des alltäglichen Zusammenlebens von Christen und Muslimen. Herausarbeiten möchte der Gesprächskreis insbesondere gemeinsame Interessen und Verantwortung von Christen und Muslimen in unserer Gesellschaft. Einen weiteren Schwerpunkt bildete von Anfang an die Gestaltung und Begleitung des christlich-islamischen Dialogprogramms bei den Katholikentagen sowie den beiden Ökumenischen Kirchentagen 2003 in Berlin und 2010 in München.

Gesprächskreis "Christen und Muslime" beim ZdK

Erklärung des Gesprächskreises "Christen und Muslime" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken: