Das interreligiöse Gebet – eine Möglichkeit nach Laudato Si?

  • © Bild: KNA
  • Interreligiöser Dialog

Franziskus von Assisi reiste 1219 in den Orient und gelangte zum Heer der Kreuzfahrer. Während einer Waffenruhe ließ er sich auf die andere Seite des Nils übersetzten und gefangen nehmen, um so vor den Sultan geführt zu werden. Die Begegnung ist historisch bezeugt; es gibt sogar eine muslimische Quelle, die auf die freundschaftliche und anerkennende Begegnung zwischen Franziskus und dem Sultan gedeutet wird.

Als er aus dem Orient zurückkam, schrieb er mit großer Kühnheit einen Brief an die „Lenker der Völker“, also an die Politiker. Darin schlägt er, inspiriert von der Erfahrung des Gebetsrufs im Islam, so etwas wie einen gemeinsamen Aufruf zum Gebet der Gläubigen vor, den er sich wohl religionsübergreifend dachte. Das Anliegen verhallte ungehört und bleibt prophetische Mahnung bis heute.

Der Papst, der es als erster in der Kirchengeschichte wagte, aus dem Namen des Kleinen Armen aus Assisi ein Programm für eine erneuerte Kirche zu machen, hat mit seiner Enzyklika Laudato Si einen großen Schritt in interreligiöser Hinsicht getan, denn seit dieser Enzyklika ist das interreligiöse Gebet mit Menschen, „die an einen Gott glauben, der allmächtiger Schöpfer ist“ (246), eine katholische Möglichkeit. Ein Blick in die Geschichte lässt diesen Schritt des Papstes noch besser verstehen: Die Voraussetzung dafür, miteinander beten zu können, ist, an denselben Gott zu glauben. Diese Bedingung ist im christlich-muslimischen Dialog grundsätzlich erfüllt: So sagte Papst Gregor VII. dem Herrscher an-Nāṣir im Jahre 1067, dass Muslime und Christen „an den einen Gott glauben, wenn auch nicht auf dieselbe Weise“. Dies wurde vom Zweiten Vatikanischen Konzil zitiert (Nostra Aetate 3, Fußnote 5) und auch von Benedikt XVI. in seiner Rede in Ankara am 28. November 2006 aufgegriffen.

„Die Voraussetzung dafür, miteinander beten zu können, ist, an denselben Gott zu glauben. Diese Bedingung ist im christlich-muslimischen Dialog grundsätzlich erfüllt.“

Das Zweite Vatikanische Konzil findet zu der Formulierung, dass der Heilswille Gottes auch die Muslime umfasst, „die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.“ (Lumen Gentium 16). Ähnlich heißt es in dem Konzilsdokument Nostra Aetate 3: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde (5), der zu den Menschen gesprochen hat.“ Trotz dieser Hochachtung, die die Kirche dem Gebet der Muslime entgegenbringt, wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass interreligiöses Gebet zu vermeiden sei, so noch in dem 2014 erschienenen Dokument „Dialog in Wahrheit und Liebe: Pastorale Orientierungen für den interreligiösen Dialog“. Multireligiöses Gebet dagegen, also „zusammen sein, um zu beten“, wie Johannes Paul II. anlässlich des Gebetstreffens von Assisi 1986 formuliert hatte, sei in besonderen Fällen erlaubt.

Laudato Si hält einige Überraschungen bereit

Ein Jahr nach dieser römischen Verlautbarung erschien am 24. Mai 2015 die Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus: Dort begegnen gleich mehrere Überraschungen, was den interreligiösen Dialog betrifft. So findet sich in der Anmerkung 159 der Enzyklika das vielleicht erste lehramtliche Zitat eines islamischen Mystikers. Von dem Sufi Ali Al-Khawwas zitiert der Papst die schönen Worte: „Es liegt ein feines Geheimnis in jeder Bewegung und in jedem Laut dieser Welt. Die Eingeweihten gelangen dahin zu erfassen, was der wehende Wind, die sich biegenden Bäume, das rauschende Wasser, die summenden Fliegen, die knarrenden Türen, der Gesang der Vögel, der Klang der Saiten oder der Flöten, der Seufzer der Kranken, das Stöhnen der Betrübten […] sagen“.

Die Autorin Schwester Margareta Gruber von den Sießener Franziskanerinnen ist Professorin für Neues Testament an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV).

PTHV

Und dann schließt die Enzyklika mit zwei Gebeten, von denen eines eindeutig ein interreligiöses Gebet ist, das auch als solches gebetet werden soll: Dieses „Gebet für unsere Erde“ endet mit der Bitte: „Lehre uns, den Wert von allen Dingen zu entdecken und voll Bewunderung zu betrachten; zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind mit allen Geschöpfen auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht. Danke, dass du alle Tage bei uns bist. Ermutige uns bitte in unserem Kampf für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.“ Auch bei seinem Besuch in Sarajewo am 6. Juni 2015 lud Papst Franziskus in der Anwesenheit von Juden und Muslimen zu einem interreligiösen Gebet ein: „Jetzt lade ich alle ein, dieses Gebet zu sprechen. An den ewigen, den einen und wahren lebendigen Gott, den Barmherzigen. …“.

Seit der Veröffentlichung der Enzyklika Laudato Si kann man somit sagen, dass interreligiöses Gebet eine katholische Möglichkeit ist. Der in Rom lehrende Islamwissenschaftler und Jesuit Felix Körner fasst die Bedingungen zusammen, unter denen diese Möglichkeit umgesetzt werden kann: Interreligiöses Gebet unter Juden, Christen und Muslimen ist möglich, wenn ein Gebetstext offen dafür ist, von den unterschiedlichen TeilnehmerInnen je nach ihrer religiösen Tradition unterschiedlich verstanden zu werden; wenn ferner der Eindruck vermieden wird, dass eine Seite die andere vereinnahmt; wenn schließlich die Situation den Mut verlangt, Hindernisse zu überwinden und zusammen zu stehen um weitere Zerwürfnisse und Hass zu überwinden.

Als ich das „Gebet für unsere Erde“ aus der Enzyklika bei einem Seminar mit christlichen und muslimischen Studierenden 2015 in Qom im Iran vorlegte, wies mich eine Studentin darauf hin, dass dieser „Kampf“, zu dem der Papst die Hilfe Gottes erbitte, nichts anderes sei als das, was in der muslimischen Tradition mit Dschihad bezeichnet werde, die Anstrengung des Menschen, Gottes Wohlgefallen zu erlangen und das Wohlergehen der Mitmenschen zu fördern. Darauf beteten wir das Gebet mit Inständigkeit.

Von Schwester Margareta Gruber

Aus: DRS.GLOBAL Oktober 2016. Aus der weltkirchlichen Arbeit der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Mit freundlichem Dank für die Genehmigung.

© Diözese Rottenburg-Stuttgart

Zur Autorin

Margareta Gruber OSF, Dr. theol., Sießener Franziskanerin, Professorin für Neues Testament in Vallendar, lehrte 2009 bis 2013 in Jerusalem und ist seither verstärkt im interreligiösen Dialog mit dem Islam engagiert. Sie war im September 2015 zum zweiten Mal zu einem Lehraufenthalt an der Universität der Religionen und Rechtsschulen in Qom/Iran. Dort hielt sie Vorlesungen über das Neue Testament.