Friedenstreffen für den Nahen Osten in Bari

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  • Friedensarbeit - 09.07.2018

Eingeladen hat der Papst, gekommen sind die Führer der Kirchen des Nahen Ostens aber auch zum heiligen Nikolaus. Neben Gebeten fanden sie in Bari auch klare Worte zu politischen und sozialen Hindernissen für den Frieden.

Warum ein Treffen christlicher Kirchenführer für Frieden im Nahen Osten in Süditalien? Warum nicht in Jerusalem – oder Genf, wo der Weltkirchenrat sitzt? Weil im süditalienischen Bari der heilige Nikolaus von Myra verehrt wird. Christliche Ökumene geht mitunter ungewöhnliche Wege. Denn Nikolaus, einer der bekanntesten christlichen Heiligen, wird in der östlichen wie westlichen Christenheit verehrt.

Dass Reliquien des Heiligen vor rund 1.000 Jahren von normannischen Seefahrern aus einem orthodoxen Kloster in Myra geraubt und nach Bari gebracht wurden, war nur eine Episode im jahrhundertelangen Streit zwischen Ost- und Westkirche. Heute jedoch ist Bari gemeinsamer Pilgerort für orthodoxe wie lateinische Christen. Es gibt ein eigenes Zentrum für russische Pilger, von denen zuletzt bis zu 60.000 im Jahr kamen. In der Basilika San Nicola werden Gottesdienste im lateinischen wie im orthodoxen Ritus gefeiert.

Oberhäupter der orientalischen und orthodoxen Kirchen treffen in Bari ein zum ökumenischen Gipfeltreffen.
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An diesem hochsommerlichen Morgen sind 20 Kirchenvertreter des Ostens der Einladung des Bischofs von Rom, Papst Franziskus, gefolgt. Einzeln begrüßt er sie, umarmt etliche, wechselt mit jedem ein paar Worte.

In der Krypta kniet der Papst vor dem Reliquienschrein des Heiligen. Unter den Teilnehmern um ihn herum sind das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche, Papst Tawadros II., Metropolit Hilarion von der russisch-orthodoxen Kirche sowie zahlreiche andere Vertreter orthodoxer und altorientalischer sowie mit Rom unierter Kirchen.

Zwischen all den schwarzen Talaren und grauen Bärten ist eine Frau: Souraya Bechealany, libanesische Theologin und Geschäftsführerin des Kirchenrates im Nahen Osten.

Zusammengebracht hat sie die Sorge um ihre Kirchen und die Gläubigen, die verfolgt und bedrängt zu Zehntausenden ihre angestammte Heimat verlassen haben. In seiner Ansprache anschließend beim Friedensgebet am Hafen warnt Franziskus davor, dass die Christen aus dem Nahen Osten verschwinden. Und an dessen reiche theologische und geistliche Tradition erinnert er auch westliche Christen, „denn im Nahen Osten wurzeln unsere Seelen“.

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Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden stehen im Zentrum der Friedensarbeit der katholischen Kirche. Mit vielfältigen Akteuren und Initiativen setzt sie sich dafür ein, Gewaltursachen auf den Grund zu gehen und diese zu überwinden.


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Entlang des Hafenbeckens vor der Altstadt haben sich gut zehntausend Gläubige eingefunden. Auf einer überdachten Bühne auf einem in das Hafenbecken hineinragenden Halbrund – mit Blickrichtung Heiliges Land – beten die Kirchenführer für den Frieden. Gesänge und Gebete werden auf Italienisch, Englisch, Arabisch, Griechisch, Assyrisch, Armenisch und Französisch vorgetragen. Ein italienischer Chor mit Orchester stimmt westliche Lieder an, eine Schola singt arabischsprachige und assyrische Hymnen. Am Ende entzündet jeder Kirchenvertreter ein Friedenslicht für einen gemeinsamen Leuchter. Später ziehen sie sich zu einem Erfahrungsaustausch in die Basilika San Nicola zurück.

An dessen Ende treten sie in einer Reihe vor die strahlend weiße Fassade, während der Papst eine Reihe kritischer Anmerkungen vorträgt. Selbstkritisch warnt er zunächst: Zukunft werde das Christentum nur haben, wenn die Kirchen „von der Logik der Macht und des Gewinnstrebens, der Logik eines oberflächlichen Opportunismus“ Abstand nehmen und sich „einmal mehr wieder zum Evangelium bekehren“. Dazu gehörten aber weder Flucht noch Gewalt.

Dann kommt er zu den übrigen Hindernissen für Frieden in Nahost: Es müsse Schluss sein mit „Gewinnen einiger weniger auf Kosten so vieler“, „Schluss mit Landbesetzungen, die Völker auseinanderreißen“ ebenso wie mit „parteiischen Wahrheiten“, „sturen Gegensätzen“ und ausländischer Profitgier um Öl- und Gasvorkommen. Auch geißelt er vermeintliche Friedensrhetorik, „während man heimlich ein ungezügeltes Wettrüsten veranstaltet“. Frieden brauche Brot und Arbeit, Würde und Hoffnung für alle Menschen. Mehrfach unterbricht ihn der Applaus der Menschen, in den etliche Mitbrüder an seiner Seite einstimmen.

Das Treffen von Bari an sich werde dem Nahen Osten noch keinen Frieden bringen, hatte Erzbischof Pizzaballa vom Lateinischen Patriarchat in Jerusalem tags zuvor gesagt. Gleichwohl brauche es gegen die Bilder von Gewalt und Hass auch solche von Begegnungen. Die seien machtvoll, weil „sie zeigen, dass auch anderes möglich ist.“ Unter den Christen des Nahen Ostens wirken sie bereits – wie das Treffen von Bari zeigt.

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