„Der Asylstreit lässt sich sachlich nicht erklären“

  • Flucht und Asyl - 20.06.2018

Die Politik lässt sich von wenigen lautstarken Stimmungsmachern treiben und ignoriert die Millionen von Menschen, die sich vor Ort in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Das kritisiert der Jesuit Claus Pfuff, der seit Montag vergangener Woche an der Spitze des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) in Deutschland ist.

Frage: Pater Pfuff, Sie haben vor einer Woche ihr neues Amt als Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes angetreten. Im Moment ist Migration an vielen Stellen ein Streitpunkt: Asylstreit, Mittelmeer, aber auch an der US-Grenze zu Mexiko. Wie finden Sie sich da zum Einstieg zurecht?

Pater Pfuff: Dieses Thema ist ja schon jahrelang weltweit eine brisante Herausforderung. Am Mittwoch kamen die neuen Zahlen des UNHCR für 2017: Die Zahl der Flüchtlinge ist wieder deutlich gestiegen, auf 68,5 Millionen Menschen weltweit. Und von denen sind 2017 nicht mal 200.000 nach Deutschland gekommen. Was da weltweit passiert, ist uns in Deutschland eben erst seit 2015 wirklich ins Bewusstsein gerückt.

Was meinen Einstieg in die Arbeit beim JRS angeht: Ich war ja früher schon in meiner Arbeit immer wieder mal mit den Problemen von Migranten und Flüchtlingen befasst, habe immer wieder als Seelsorger mit Spätaussiedlern und Menschen aus Afrika zu tun gehabt, und zuletzt am Canisius-Kolleg mit geflüchteten Jugendlichen.

In den USA, wo ich das vergangene Jahr gewesen bin, wird über dieses Thema auch sehr hitzig gestritten. Sowohl in den USA wie auch hier in Deutschland hat sich die Art und Weise, wie über Geflüchtete gesprochen wird, sehr verändert. In Deutschland sind es auch Angehörige christlicher Parteien, die rechtsextreme Schlagworte salonfähig machen. Dass sich eine Sprache verbreitet, die das Mitgefühl erstickt und das Leiden auf der Flucht verharmlost: das macht mir Sorgen.

Frage: Können Sie nachvollziehen, dass der Unionsstreit an der Frage der Migration derart eskaliert ist?

Pater Pfuff: Nein. Die Politik lässt sich von wenigen lautstarken Stimmungsmachern treiben und ignoriert die Millionen von Menschen, die sich vor Ort in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Und da passiert doch so viel Positives: da gibt es viel Gelingendes, viele gute Begegnungen und gewachsene Beziehungen. Es gibt so viele gute Nachrichten, die es nie in die Medien schaffen.

Dieser Asylstreit lässt sich sachlich nicht erklären, dass ein paar Tausend Asylsuchende – und um mehr geht es bei der Frage der Zurückweisung an den europäischen Grenzen nicht – als Vorwand für eine Regierungskrise genommen werden. Ich finde es unverantwortlich, dass Asylsuchende dafür instrumentalisiert werden. Obwohl Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, richtet sich alle Aufmerksamkeit auf die Abwehr und Kriminalisierung von Flüchtenden. Wenn der Innenminister die Regierung zwingt, alles von diesem einen Thema abhängig zu machen, geraten die politischen Verhältnisse aus den Fugen. Das erweckt den Anschein, als gebe es keine anderen Aufgaben – in Bezug auf Wohnungsbau, Bildungssystem, Rentensicherheit, Gesundheitswesen, Digitalisierung oder Klimawandel. Wenn stattdessen Nationalismus und eine angeblich einheitliche Identität, für die sogar das Kreuz herhalten muss, die Antwort auf Fragen unserer Zeit sein soll: Dann begeben wir uns auf eine abschüssige Bahn.

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Frage: Welche Themen brennen Ihnen persönlich unter den Nägeln, die Sie mit dem JRS angehen wollen?

Pater Pfuff: Mir ist es wichtig, den Blick auf den einzelnen Menschen zu richten. Das sind Menschen, die viel mitbringen an Erfahrungen, an Erlebtem, an Talenten. Ob wir in ihnen ein Problem oder eine Bereicherung sehen, das liegt an uns. Wichtig ist auch, welche Entfaltungsmöglichkeiten wir den Einzelnen gewähren.

Und da ist die Familienzusammenführung ein Thema, das mich schon an der Schule sehr beschäftigt hat und leider aktuell geblieben ist. Der Schutz von Ehe und Familie, der auch ein wesentlicher christlicher Wert ist, lässt sich nicht willkürlich auf eine bestimmte Personenzahl beschränken. Dann treibt mich das Thema Klimawandel als Fluchtursache um: Die Auswirkungen habe ich in meiner Arbeit in Alaska und Simbabwe unmittelbar miterlebt. Auch das ist ein drängendes globales Thema, das uns auch in Deutschland eines Tages vehement treffen wird, das aber derzeit noch weitgehend verdrängt wird.

Frage: Sie haben in Ihrer Funktion als Schulseelsorger am Canisius-Kolleg jugendliche Flüchtlinge kennengelernt. Was muss bei der Integration in Deutschland noch besser laufen?

Pater Pfuff: Das Wichtigste ist: Die Betroffenen sollten so bald wie möglich wissen, dass sie hier in Sicherheit bleiben können und eine Perspektive in Deutschland haben. Familienzusammenführung: Da geht es ums Überleben, wenn die Verwandten noch im Krieg sind. Wenn die Gedanken noch in Aleppo oder bei den Fassbomben sind, dann können sich die Jugendlichen nicht auf Vokabeln konzentrieren. Wer Integration will, muss Familienzusammenführungen ermöglichen, damit wenigstens die engsten Angehörigen zusammenleben können! An der Schule habe ich gesehen: Wenn Beziehungen zu den Menschen hier entstehen können, hilft das, um hier anzukommen und sich das Leben neu aufzubauen. Das gelingt mit Kindern häufig leichter, weil über Kita und Schule mehr Begegnungsmöglichkeiten bestehen. Einige der geflüchteten Jugendlichen gehen nach nur zwei Jahren in Deutschland hier aufs Gymnasium. Ein Mädchen aus Afghanistan, das dort nie in die Schule gegangen ist, macht nächstes Jahr Abitur! Allerdings schwebt über der Familie immer noch das Damoklesschwert der Abschiebung.

Dann müssen wir in Deutschland die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen erleichtern. Außerdem dauert es zu lange, bis Asylsuchende überhaupt die Erlaubnis erhalten, sich eine Arbeit zu suchen. Das ist für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft eine völlig unsinnige Regelung.

Insgesamt fällt mir in Deutschland auf: Wir erwarten oft, dass jemand perfekt ist. Vielleicht wäre es hilfreich, diesen Perfektionismus abzulegen. Das beginnt etwa bei der Sprache: Wir könnten häufiger zulassen, dass Menschen sich auf Deutsch gut verständigen können, ohne dass ihre Grammatik perfekt ist. Etwas mehr Flexibilität und weniger Perfektionismus auf Seiten der Einheimischen könnte die Integration deutlich erleichtern.

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Frage: Angela Merkel bezeichnet das Thema Migration als zentrales Thema für die Zukunft der EU. Sehen Sie das auch so?

Pater Pfuff: Frau Merkel hat im Asylstreit mit der CSU sogar von „illegaler Migration“ gesprochen: Aber wenn es für Flüchtlinge gar keine legalen Zugangswege nach Europa gibt, was soll denn dann „illegale Migration“ überhaupt heißen? Diese Floskel kriminalisiert Menschen auf der Flucht und verharmlost Flucht, als wäre es eine freiwillige Entscheidung. Außerdem kommen die wenigsten Flüchtlinge überhaupt nach Europa: Im vergangenen Jahr rund 600.000 Menschen. Die meisten Flüchtlinge bleiben in den armen Ländern sitzen, und allein die Türkei hat in den vergangenen Jahren mehr Flüchtlinge aufgenommen als alle 28 EU-Staaten zusammen.

Was in diesem Zusammenhang nur selten angesprochen wird: Dass ungerechte Handelsbeziehungen zwischen Europa und anderen Staaten sowie unsere Waffenexporte eine große Mitschuld daran tragen, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Das zu ändern würde viel mehr bringen, als autoritäre Regimes in Afrika im Namen der „Migrationskontrolle“ aufzurüsten.

Dass das Rettungsschiff Aquarius von Italien und Malta abgewiesen wurde, hat mich erschüttert. Da sind traumatisierte und völlig erschöpfte Menschen an Bord, und die Regierungen machen die Schotten dicht und spielen politische Spielchen. Auch Deutschland hat sich da nicht gerührt. Das sind doch die Momente, in denen es um die Zukunft Europas geht. Wenn wir Menschen in Not nicht einmal mehr hineinlassen: Verliert dann nicht, wie Papst Franziskus es gesagt hat, Europa seine Seele? Wo bleibt dann noch unser christliches Erbe? Das ist für mich eine grundlegende Anfrage an das Konzept Europa. So gesehen, stimme ich Frau Merkel zu, nur lautet meine Frage anders: ob wir Flüchtlinge weiterhin als illegale Migranten verdammen und sie zwingen, für einen Asylantrag ihr Leben zu riskieren, oder ob wir Menschen in Not großzügig helfen – leisten können wir es uns! –, das ist für die Zukunft der EU tatsächlich eine Schlüsselfrage.

Das Interview führte Claudia Zeisel.

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