Indigene Heilkraft aus dem Schrebergarten

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  • Indigene Völker - 04.05.2018

Mitten in der grauen Betonwelt der brasilianischen Hauptstadt Brasilia hat eine Rentnerin einen kleinen Garten mit traditionellen Heilpflanzen angelegt. In ihm kuriert sie die Verrücktheiten der Stadtmenschen.

„Die Merthiolate-Pflanze würde Ihnen sehr helfen.“ Die Frucht des Korallenbaums, lateinisch „Jatropha Multifida“, in Alkohol einlegen und dann auf die Haut auftragen, rät Sandra Fayad dem Besucher. Der Diabetiker leidet an offenen Füßen, und die klassische Medizin schlage bei ihm nicht an, klagt er. „Merthiolate ist der perfekte Wundheiler“, versichert Fayad.

Auch Jambu, die „Acmella Oleracea“ aus der Amazonasregion Para, zu deutsch „Para-Kresse“, wäre geeignet. „Wenn sich die Indigenen im Kampf verletzen, tragen sie eine Paste des Jambu auf ihre Wunden auf. Es betäubt und zieht die Infektion raus.“ Brasiliens Pharmaindustrie habe daraus eine sexuell anregende Paste für Frauen entwickelt. „Und ein natürliches Botox, weil es die Gesichtsfalten einfriert“. Eine Allzweckpflanze, schwört Fayad.

„Lebendes Museum“ steht auf dem Schild am Eingang des Gartens, der 4,30 mal 10 Meter groß ist, plus die Seitenstreifen der Einfahrt. „Auf 50 Quadratmetern ziehe ich hier 100 Pflanzen und Gemüsesorten sowie zwei Dutzend traditionelle indigene Heilpflanzen“, so die Rentnerin. Ihre ganze Familie versorge sie mit den Lebensmitteln; den Rest stellt sie morgens um neun Uhr an die Straße. Jeder darf sich bedienen.

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Jede Pflanze, darunter auch seltene Sorten, ist mit einem Schild mit dem lateinischen Namen ausgestattet. Das Pflanzenmuseum in Fayads Vorgarten ist stets offen zur Besichtigung. Doch die eiligen Großstadtmenschen übersähen es meist. „Letztens fragte ein Nachbar, ob der Garten neu sei. Dabei habe ich ihn vor zwölf Jahren angelegt.“ Damals hatte sie ihren Job bei einer Bank aufgegeben. Endlich wieder Zeit, zurück zu ihren Wurzeln zu gehen.

Fayad wuchs auf dem Land auf, inmitten der Lebensmittelplantagen ihres Vaters. Ihr Wissen über die Natur hat sie später in einem Buch zusammengefasst. Auch mehrere Gedichtbände hat sie verfasst und ein Kinderbuch. Und die Lebensgeschichte ihrer Eltern, Einwanderer aus Syrien, hat sie aufgeschrieben. Doch ihre große Liebe sind die Pflanzen.

Gern würde sie den Garten auf die Nachbargrundstücke ausdehnen. „Aber die wollen nicht, das mache zu viel Arbeit. Ihr hektisches Leben lässt ihnen keine Zeit.“ Stattdessen kauften sie im Supermarkt die plastikverpackten Lebensmittel mit den ganzen Chemikalien. „Die Menschen wollen heute den leichten Weg gehen.“

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Doch wenn sie krank seien, suchten die Nachbarn trotzdem Rat bei ihr. Mal sei es Krebs oder Diabetes, wofür sie ein „natürliches Insulin“ hat. Frauen in den Wechseljahren empfiehlt sie Tee aus der „Cavalinha“, der Schachtelpalme. Bei Männern lindere sie Prostatabeschwerden und Infektionen der Harnröhre.

Viel öfter kämen aber Leute nur zum Reden. Dann leiste sie „emotionale Hilfestellung“. „Sie glauben, dass das grüne Ambiente mit den Bäumen, Pflanzen und Komposthaufen ihnen hilft.“ Viele klagten über Einsamkeit, Familienprobleme, finanzielle Sorgen. Und vor allem Depressionen, „die Krankheit der modernen Welt“, so Fayad. „Sie bringen all das her, beichten regelrecht.“ Sie selbst halte sich mit der Gartenarbeit seelisch im Gleichgewicht. „Den Menschen fehlt es, mit den eigenen Händen die Natur zu greifen.“

Ab und zu kämen auch Indigene vorbei, die außerhalb von Brasilia leben. Dann tausche man Fachwissen aus. „Ich schreibe alles mit, was sie erzählen. Das Wissen der Indigenen ist so beeindruckend.“ Doch das sei keine Einbahnstraße. „Manchmal bitten sie mich um Setzlinge und Samen, die ihnen selbst fehlen.“

Es gebe aber auch in der Stadt einige Menschen, die alternativ denken, sagt Fayad. Mit ihnen hat sie zehn ähnliche Gärten in Brasilia errichtet. Einen neben einer Naturheil-Apotheke, einen neben einer Anstalt für Behinderte und weitere in Sozialeinrichtungen. „Die Idee, dass man sich auch mitten in der Großstadt selbst und gesund versorgen kann, multipliziert sich.“

Ein „funktionales Mikro-Ökosystem“ nennt sie ihren Garten, in dem Ameisen, Bienen, Vögel, Würmer, Eidechsen und Schmetterlinge leben. „Eine Oase inmitten des städtischen Wahnsinns“, sagt sie lachend. „Wenn ich den Besuchern erzähle, dass die Pflanzen mit mir reden, halten sie mich für verrückt. Nur die Kinder finden den Gedanken toll, und sie drängen ihre Eltern, wieder herkommen zu dürfen.“ Die Kinder verstünden halt noch, was im Leben wichtig sei.