„Mexikos Priester haben immer mit dem Volk gelitten“

  • Mexiko - 30.04.2018

Die Zeitabstände werden immer kürzer: Innerhalb der vergangenen zwei Wochen sind in Mexiko drei Priester getötet worden. Damit stieg die Zahl der ermordeten Geistlichen seit 2012 auf 24. Trotz der hohen Gewalt erfahren mexikanische Priesterseminare starken Zulauf, weiß Adveniat-Referent Reiner Wilhelm. Denn die Kirche des Landes genießt im Kampf für Menschenrechte großes Vertrauen.

Frage: Herr Wilhelm, es nahen die Präsidentschaftswahlen in Mexiko. Haben Sie den Eindruck, dass die Gewalt mit dem Machtwechsel außer Kontrolle gerät, weil es eine Art Machtvakuum gibt zurzeit?

Wilhelm: Die Zahl der Morde war im vergangen Jahr 2017 so hoch wie nie, obwohl gegen viel Widerstand das Gesetz der „Inneren Sicherheit“ durchgesetzt wurde. Darin geht es um die Fortschreibung der Militarisierung des Landes durch die Übertragung polizeilicher Rechte auf das Militär. Die Kriminalitätsrate hat seitdem eher zugenommen. 2017 sind über 25.000 Menschen in Mexiko ermordet worden. Viele sind verschwunden. In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind bereits 7.667 Menschen umgebracht worden. Ein wichtiger Grund sind die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zusammen mit den Wahlen für die Mitglieder beider Kammern des Kongresses und vieler staatlicher und kommunaler Posten. Es gibt also nicht erst jetzt ein Machtvakuum, es hält an.

Frage: Wieso geraten immer wieder Priester in die Schusslinie? Es könnte der Verdacht aufkommen, dass sie mit dem Organisierten Verbrechen in Kontakt waren …

Wilhelm: Die Haltung der Kirche zum Organisierten Verbrechen war und ist eindeutig. Dies wurde im Schreiben zu den beiden kürzlich ermordeten Priestern erneut bestätigt. Die Kirche hofft, durch die Kontakte zu den einzelnen bewaffneten Gruppen nahe bei den Opfern zu sein und sie zu begleiten. Man spricht nicht laut über das, was passiert, man handelt zum Wohle der Opfer. Die Kirche wurde wegen ihrer Kontakte und ihrer Offenheit zum Dialog mit dem Organisierten Verbrechen von der Politik immer hart kritisiert. Eine Alternative, wie man das Morden beenden kann, hat man nicht präsentiert, zumal die Vernetzung zwischen staatlichen Autoritäten und dem Organisierten Verbrechen offensichtlich sind. Man erinnere sich nur an Ayotzinapa und das Verschwinden der 43 Studenten vor inzwischen drei Jahren. Die Priester haben Kontakt zu beiden Seiten und wissen sehr viel. Daher sind sie, wie auch Journalisten, Sozialarbeiter oder andere Berufsgruppen, die mit den Opfern und Tätern arbeiten, gefährdet. In der Regierungszeit von Enrique Peña Nieto, seit 2012, sind 24 Priester ermordet worden.

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Frage: Viele mexikanische Priester sind Ziel der Angriffe, weil sie sich menschenrechtlich engagieren. Kennen Sie Beispiele von Geistlichen, die besonders mutig sind und der Bedrohung trotzen?

Wilhelm: Adveniat hat mit vielen mutigen Priestern Kontakt. Vor ihnen stehen aber auch Bischöfe, die es nicht scheuen, die Situation zu benennen und etwas zu tun. Zu nennen ist da Monsignore Carlos Garfias, der bereits in Acapulco, einer der gefährlichsten Städte der Welt, mit dem Aufbau von Friedensschulen begonnen hat und nun als Erzbischof von Morelia dort mit seiner Arbeit weitermacht. In den Bundesstaaten Veracruz und Guerrero gibt es viele Initiativen der Sozialpastoral, die mutig an der Seite der Opfer stehen. Da viele Verteidigerinnen und Verteidiger der Menschenrechte in persönliche Gefahr geraten, hat die Kirche als Institution die Aufgabe übernommen, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern oder die Entdeckung von Massengräbern bekannt zu geben. Dazu gehört viel Mut. Priester wie auch engagierte Laien, die ich auf meinen Reisen treffe, gehen in die Gefängnisse, um dort mit Tätern und Opfern zu sprechen. Nicht zu vergessen ist Monsignore Salvador Rangel, der Bischof von Chilpancingo-Chilapa im Bundesstaat Guerrero. Er war der erste, der es wagte, gegen den Widerstand der Politik mit dem Organisierten Verbrechen zu sprechen, um die Seelsorge für die Armen in den abgelegenen Regionen zu ermöglichen, wo die Drogen angebaut werden. Es passiert vieles im Verborgenen.

Der Mexiko-Referent des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Reiner Wilhelm.

Adveniat

Frage: Viele Geistliche sitzen zwischen den Stühlen – Bürgerwehren stehen auf der einen, das Organisierte Verbrechen auf der anderen Seite. Wie kommen sie aus diesem Dilemma?

Wilhelm: Die Seelsorger sprechen sowohl mit den Opfern als auch mit den Tätern. Die Akteure sind sich der Gefahr bewusst, die mit diesem Wissen verbunden ist. Es gibt Programme, die durch Adveniat unterstützt werden, bei denen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gezeigt wird, wie sie mit diesem Wissen umgehen können. So gibt es Gesprächskreise und eine intensive Begleitung durch Therapeuten. Der Glaube wie auch die Spiritualität spielen hier eine wichtige Rolle.

Was die Bürgerwehren anbetrifft, ist die Sache nicht so eindeutig: Viele der Mitglieder der Bürgerwehren waren zuvor Teil des Organisierten Verbrechens. Auch die Bürgerwehren sind Ausdruck eigener Interessen. Sie sind in jedem Fall ein Zeichen der Schwäche der staatlichen Autorität.

Frage: Welche Reaktionen ruft der Tod vieler Geistlicher im tiefgläubigen mexikanischen Volk hervor? Ist es nicht demoralisierend, wenn die Hüter des Glaubens immer wieder getötet werden?

Wilhelm: Der Konflikt von Staat und Kirche in Mexiko hat eine lange Geschichte mit vielen Toten von Geistlichen wie auch von Gläubigen. Unlängst sind wieder mexikanische Märtyrer heiliggesprochen worden, die während der heftigen Auseinandersetzungen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts umgebracht wurden. Die Priester haben immer mit dem Volk gelitten. In diesem Zusammenhang ist zu sehen, dass die Priesterseminare zurzeit einen regen Zulauf haben. Kirche als Institution ist ein wichtiger Akteur im Bereich der sozialen Arbeit, der Verteidigung der Menschenrechte und der Stärkung der Zivilgesellschaft. Trotz vieler Probleme der Kirche in Mexiko besitzt sie ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit, besonders wenn es um die Frage der Gewalt geht.

„Die Seelsorger sprechen sowohl mit den Opfern als auch mit den Tätern.“

— Reiner Wilhelm, Mexiko-Referent von Adveniat

Frage: Die Bischöfe des Landes beklagen immer wieder die Gewalt gegen Geistliche auch in öffentlichen Stellungnahmen. Sind sie am Ende aber machtlos?

Wilhelm: Es fällt auf, wie schnell insbesondere nach Morden an Geistlichen die staatlichen Behörden dabei sind, einen Bezug zum Organisierten Verbrechen zu leugnen. Die Bischöfe mahnen zur Aufklärung. Der Staat weiß um das Echo, das die Morde an Geistlichen in der Bevölkerung in Mexiko wie auch auf internationaler Ebene auslösen – im Gegensatz zu den vielen tausend Menschen, die monatlich verschwinden oder umgebracht werden. Man versucht, die Probleme klein zu reden und zu beschwichtigen. Auch hier zeigt sich wieder die Schwäche des Staates, insbesondere das Versagen in Bezug auf die Frage der Gewalt. Die Kirche mahnt zum Umdenken, ja zum Aufbau einer Friedenskultur und einer Kultur des Verzeihens, was aber den Prozess des Rechts einbezieht. Die mexikanische Gesellschaft muss sich die Frage stellen, wieso man den Respekt gegenüber dem Leben und dem Heiligen verloren hat, wie es die Bischöfe jüngst formulierten.

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Frage: Welche politische Richtung müsste das Land künftig einschlagen, um der Gewalt Einhalt zu gebieten? Immerhin hat es unter Pena Nieto einen starken Anstieg gegeben?

Wilhelm: Zur Zeit gilt Andrés Manuel López Obrador in vielen Umfragen als Favorit. Er stellt sich nach 2006 und 2012 nun zum dritten Mal der Präsidentschaftswahl. Er hat meiner Meinung nach gute Aussichten; er ist der Kandidat der einfachen Leute und gleichzeitig das Schreckgespenst der Eliten. Die langjährige Regierungspartei PRI (Partido Revolucionario Institucional) hat sich nach vielen Skandalen auf keinen eigenen Kandidaten geeinigt, sondern den parteilosen ehemaligen Finanzminister José-Antonio Meade ins Rennen geschickt. Damit gilt er gleichzeitig als Teil des Establishments.

Die PRI wie auch der Präsident Peña Nieto haben das Land finanziell wie auch moralisch völlig heruntergewirtschaftet. So vergeht kaum eine Woche, in der nicht Fälle von Korruption oder Bestechung bekannt werden. Viele Politiker der Regierungspartei haben sich maßlos bereichert oder sind mit dem Organisierten Verbrechen verstrickt, wie der Fall des ehemaligen Gouverneurs von Veracruz, Javier Duarte de Ochoa, zeigt. López Obrador hingegen hat angekündigt, mit dem Organisierten Verbrechen sprechen zu wollen. Er ist sozusagen ein Gegenprojekt zur aktuellen Politik, die nicht nur in diesem Thema auf Härte setzt. Nach meiner Auffassung wird es in dieser Wahl nicht so sehr um Inhalte gehen, sondern um Personen, in die die Bürger Mexikos ihre Hoffnung auf einen Wandel setzen. Was sich allerdings von der Hoffnung in reale Politik umsetzen lässt, wird sich zeigen.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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