Sant'Egidio wird 50

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  • Italien - 07.02.2018

Bewegt vom Zweiten Vatikanischen Konzil und den 60er Jahren gründeten römische Schüler im Februar 1968 eine Bewegung für Gebet und soziales Engagement: Sant'Egidio. Der wichtige kirchliche und politische Player wird 50.

Bewaffnete Posten der italienischen Armee gibt es in Rom an mehreren Orten – wegen der Terrorgefahr. Dass sie im Stadtviertel Trastevere gleich an zwei benachbarten Orten stehen, hat mit den vielen Touristen zu tun, die hier durchziehen – aber auch mit den Friedensstiftern von Sant'Egidio. Auf der kleinen gleichnamigen Piazza patrouillieren tagein, tagaus zwei Soldaten vor der kleinen Kirche, die der katholischen Gemeinschaft ihren Namen gab: Wer in Kriegsgebieten vermittelt und sich für Flüchtlinge einsetzt, lebt nicht ungefährlich.

An diesem Mittwoch ist es 50 Jahre her, dass einige römische Schüler sich zusammentaten, bewegt von der Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Rund um ihren Gründer und langjährigen Leiter Andrea Riccardi wollten sie das Evangelium in der modernen Welt leben. So entstand eine katholische 68er-Bewegung, die auf ihre Weise durch die Institutionen ging und gleichzeitig ihr prophetisch-kritisches Potenzial bis heute behalten hat.

Etwa wenn sie im aufgeheizten, von Fremdenfeindlichkeit durchsetzten italienischen Wahlkampf nach wie vor um Verständnis für Migranten und Flüchtlinge wirbt. Wenn sie im Zuge der mit der Regierung ausgehandelten humanitären Korridore am Flughafen Fiumicino unter großem Medienecho Flüchtlinge aus Syrien oder Eritrea begrüßt. Oft ist Italiens stellvertretender Außenminister Mario Giro dabei. Ihn trifft man aber auch beim Abendgebet der Gemeinschaft. Gebet und soziales Engagement gehören für Sant'Egidio untrennbar zusammen.

Andrea Riccardi, Gründer von Sant'Egidio, begrüßt Ivanka Trump, Tochter des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, bei ihrem Besuch der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio am 24. Mai 2017 in Rom.

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Das Abendgebet findet wochentags um 20.30 Uhr in der Basilika Santa Maria in Trastevere statt, mitten auf dem zentralen Platz des bei Touristen so beliebten Stadtviertels. Sind ausländische Gruppen da, gibt es Simultanübersetzungen der Psalmen, anderer Gebete und der Predigt ins Deutsche, Englische, Französische – je nach Bedarf. Heute ist Sant'Egidio weltweit bekannt.

In Santa Maria findet jährlich auch das große Weihnachtsessen für Obdachlose, alleinstehende Rentner und Flüchtlinge statt. Eine Initiative, die Sant'Egidio auf andere Städte Italiens und andere Länder ausgeweitet hat. Als politische Pressure-Group lassen die frommen Protestler nicht locker.

Im blank geputzten Messingschild „Luxury in Trastevere“ eines renovierten Hauses in der Via della Paglia spiegelt sich die Eingangstür der Kleiderkammer von Sant'Egidio schräg gegenüber. Immer wieder weist die Gemeinschaft auf die sozialen Probleme und Gegensätze der Ewigen Stadt hin, ohne dabei – was sonst oft geschieht – Fremde und Einheimische gegeneinander auszuspielen. Rund 100 Meter weiter ist die Barockkirche San Callisto im Winter für Touristen geschlossen – und für Obdachlose geöffnet. Freiwillige Helfer der Gemeinschaft haben dort Betten aufgestellt. Vor der Tür stehen Dixi-Klos.

Mit dieser Art von Arbeit haben die katholischen Schüler und Studenten damals begonnen, als sie sich am 7. Februar 1968 zusammentaten. Zuerst auch, um Kindern in römischen Barackensiedlungen Bildung zu vermitteln. Auf welchen Feldern Sant'Egidio heute sonst noch tätig ist, zeigt die mehrstöckige Weihnachtskrippe im Eingangsbereich von Santa Maria in Trastevere: Friedensschulen und Friedensverhandlungen in Konfliktgebieten dieser Welt gehören ebenso dazu wie Programme zur Aids-Behandlung und gegen Fehlernährung in einigen afrikanischen Staaten.

Internationale Bekanntheit erreichte die Gemeinschaft, nachdem es ihr 1992 gelungen war, ein Friedensabkommen in Mosambik zu vermitteln. „Hier in diesen Räumen haben die Parteien 20 Jahre lang verhandelt“, berichtete eine Mitarbeiterin beim Besuch des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen im vergangenen November. Wie er kommen auch andere Staats- und Regierungschefs in die Zentrale der Gemeinschaft, ein ehemaliges Frauenkloster an der Piazza Sant'Egidio 3, um sich über ihre Arbeit zu informieren. Auch Ivanka Trump, Tochter des US-Präsidenten, war schon hier.

Am Samstag feiert die Gemeinschaft ihr 50-jähriges Bestehen: Geplant ist ein großer Gottesdienst mit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in San Giovanni in Laterano, der Bischofskirche des Papstes. Aus der Schülerbewegung von einst ist ein bedeutender kirchlicher und politischer Player geworden.

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