Von der Kindersoldatin zur Musterschülerin

  • Kolumbien - 26.01.2018

Während des kolumbianischen Bürgerkriegs kämpften tausende Kindersoldaten in den Reihen der Guerillas. 2.500 ehemalige Kindersoldaten fanden in den vergangenen 15 Jahren Schutz bei den Salesianern, die ihnen helfen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Eine von ihnen ist die 20-jährige Claudia.

Aus Claudias Augen spricht das Feuer. Besonders wenn sie von ihrem Studium im Gesundheitsmanagement spricht, leuchten die Augen der 20-jährigen Kolumbianerin. So feurig wie ihre Augen ist die rote Farbe, mit der sie ihre glatten pechschwarzen Haarspitzen gefärbt hat. Kaum vorstellbar, dass dieses strahlende Mädchen einmal Kindersoldatin in einer bewaffneten Gruppe im kolumbianischen Bürgerkrieg war. „Claudia“ – das ist auch nicht ihr richtiger Name, sondern nur ein Pseudonym, damit die ehemaligen Mitkämpfer sie nicht finden.

Ein Jahr und drei Monate dauerte ihre Zeit bei der Guerilla. Wenn sie darüber spricht, wird ihre Stimme brüchig, sie spricht leise und vorsichtig. Tief im Dschungel, im dichten Urwald, lernte sie an der Waffe, wie man sich auf dem Boden fortbewegt, begegnete anderen militärischen Gruppen. Wenn sie ihrem Gegner dann gegenüberstand, fragte sie sich: „Ob er vielleicht auch Familie hat?“ In der Guerilla genoss sie den Schutz eines Kämpfers sie war nicht wie die anderen Mädchen gezwungen, eine sexuelle Beziehung mit einem Guerillero einzugehen.

Eines Tages schickte man sie los, um in einer nahegelegenen Stadt Besorgungen zu machen. Plötzlich kamen Militärs und nahmen sie fest. Damit war sie aus den Fängen der Guerilla befreit. „Natürlich hatte ich im ersten Moment Angst, weil ich befürchtete, im Gefängnis zu landen.“ Doch die Militärs brachten sie in eine Pflegefamilie. Dann beschloss sie, ins Don Bosco Zentrum in Medellín zu gehen, wo ehemalige Kindersoldaten die Schule besuchen, eine Ausbildung bekommen können und resozialisiert werden. Auch einer ihrer Brüder, der ebenfalls in einer Guerilla-Gruppe war, befand sich in der „Ciudad Don Bosco“. Dort sind rund 1.200 Kinder untergebracht, davon 120 ehemalige Kindersoldaten.

Von der Kindersoldatin zur Musterschülerin

Eine ehemalige Kindersoldatin aus Kolumbien.

Claudia Zeisel

Diese kommen meist völlig verwahrlost an. Sie sind traumatisiert, haben sich im Dschungel tropische Krankheiten eingefangen, tragen Verletzungen und Verbrennungen von Kämpfen am Körper, sind Minenopfer. In Medellín sind 19 Mitarbeiter von Don Bosco für die Ex-Kindersoldaten im Einsatz. Die Kinder erhalten zunächst psychologische Betreuung. „Anfangs sind die Kinder traurig und niedergeschlagen. Sie sind weit weg von ihrer Familie und haben Schreckliches erlebt,“ erklärt Olga Cecilia García Flórez, Koordinatorin des Kindersoldatenprojekts der Salesianer in Medellín. Zu Beginn sei es wichtig, Vertrauen zu schaffen. Das brauche oft erst einmal zwei bis drei Monate. „Aber wir sehen uns als eine Familie“, betont Olga. Auch Claudia erhielt anfangs psychologische Betreuung. „Man kann das Erlebte nicht vergessen, aber man kann es überwinden“, sagt sie.

50 Jahre dauerte der kolumbianische Bürgerkrieg. Tausende Kindersoldaten kämpften während dieser Zeit in bewaffneten Gruppen. Seit dem Friedensabkommen der kolumbianischen Regierung mit der FARC im Jahr 2016 wurden erste Gruppen von Kindersoldaten freigelassen. Vom Staat, aber auch von Unternehmen erhalten sie Unterstützung bei der Reintegration in die Gesellschaft. Die Don-Bosco-Zentren in Medellín und Cali sind aber die einzigen von ursprünglich 15 Schutzzentren für ehemalige Kindersoldaten. Vielen der Zentren wurde die mehrjährige Betreuung der Jugendlichen zu teuer oder zu gefährlich. Denn immer wieder werden solche Organisationen auch von den bewaffneten Gruppen angegriffen. Die Salesianer blieben trotzdem aktiv und schafften es, in den letzten 15 Jahren in den beiden Zentren rund 2.500 ehemalige Kindersoldaten zu betreuen.

Auf dem Weg in die Ausbildung gibt es für viele ehemalige Kindersoldaten jedoch einige Hindernisse. Manche der Kinder wissen bei ihrer Ankunft im Kinderschutzzentrum nicht einmal, wie alt sie sind, haben keine Papiere, können nicht lesen und schreiben. „Wir versuchen dann, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, besorgen Dokumente, versuchen ihre Familien ausfindig zu machen, damit sie zur Schule gehen und eine Ausbildung machen können,“ erklärt Olga Cecilia García Flórez. Manche hauen zwischenzeitig auch ab, so wie Claudias Bruder. Für ein paar Monate war er verschwunden, tauchte dann aber wieder auf und schloss seine Ausbildung doch noch ab. Die Erfolgsquote in der „Ciudad Don Bosco“ sei hoch, sagt Olga Cecilia García Flórez. „Hundert Prozent der Jugendlichen, die zu uns kommen, schließen ihre Ausbildung auch ab, denn sie kommen freiwillig zu uns.“

Drei Jahre haben die Jugendlichen Zeit, eine Ausbildung zu machen – etwa in der Schneiderei, beim Friseur, in der Verwaltung oder im Grafikdesign. Claudia macht vormittags ein Praktikum in der Schneiderei, nachmittags studiert sie Gesundheitsmanagement. „Ich will zu Ende studieren und dann erst mal in Medellín bleiben. Diese Stadt hier hat mir den Horizont erweitert und viele Türen geöffnet,“ sagt sie – und ihre Augen leuchten wieder.

„Für viele junge Leute gerade im ländlichen Raum sind die Bildung und ein Studium der einzige Ausweg“, erklärt der Salesianerpater Rafael Bejarano, Direktor des Kinderschutzzentrums Ciudad Don Bosco in Medellín. „Denn die ländlichen Regionen in Kolumbien leiden am meisten unter dem bewaffneten Konflikt.“ Auch Claudia kommt aus einem kleinen Dorf, abgeschnitten von der Außenwelt. „Bei uns im Dorf gab es viel Gewalt. Einige der Guerilleros kannte man aus dem persönlichen Umfeld. Sie fragten, ob man mitmachen wollte.“ Claudia war zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt, sie besuchte die 11. Klasse und war kurz davor, die Schule abzuschließen. Doch Geld für ein Studium hatte sie nicht, sie fühlte sich wie eine Last für ihre Familie und sah keine andere Perspektive, als sich der Guerilla anzuschließen. „Ich wusste ja nicht, worauf ich mich da einlasse“, sagt die 20-Jährige heute.

Durch die Zeit bei der Guerilla und den Weg hinaus verlor sie zwei Jahre – auch in der Schulbildung. Jetzt will sie ihre Chance nutzen, schließlich sie hat von einer belgischen Stiftung der Salesianer ein Stipendium erhalten. Wenn Claudia heute einen Kindersoldaten treffen würde, würde sie ihm sagen: „Hör freiwillig auf. Es gibt die Möglichkeit, wieder Kontakt mit deiner Familie aufzubauen und ein Studium zu beginnen. Man kann sich ändern, ein neuer Mensch werden und etwas zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen.“

Der Don-Bosco-Film Alto El Fuego“ zeigt die Geschichte von Kindersoldaten in Kolumbien.

Von Claudia Zeisel

© weltkirche.katholisch.de