Ordensmann: Papst hat in Zentralafrika viele Tote verhindert

  • Zentralafrikanische Republik - 16.08.2017

Papst Franziskus hat mit seinem Besuch in der Zentralafrikanischen Republik im November 2015 viele Menschenleben gerettet. Das ist die Überzeugung des deutschen Spiritaners und Missionars Olaf Derenthal, der in Mobaye im Süden der Zentralafrikanischen Republik lebt. Doch die Gewalt im Rest des Landes konnte durch den Papstbesuch nicht gebannt werden – auch nicht durch das jüngste Friedensabkommen der Gemeinschaft Sant’Egidio mit den Rebellen. Die anhaltende Gewalt bekam der Ordensmann auch selbst zu spüren. Er musste mit seiner Gemeinde in den Kongo fliehen.

Frage: Pater Derenthal, Sie mussten vor drei Monaten vor den Séléka-Rebellen aus Mobaye im Süden der Zentralafrikanischen Republik fliehen und harren nun im benachbarten Kongo mit den Flüchtlingen aus. Wie geht es dort weiter?

Derenthal: Wir versuchen den Menschen Mut zu machen. Neben der Trauer gibt es auch ganz viel Wut. Gerade bei jungen Leuten besteht die Gefahr, dass sie sich den Gegenspielern der Séléka, den Anti-Balaka-Gruppen anschließen, um sich zu rächen. Das versuchen wir, so gut es geht zu verhindern. Des Weiteren unterstützen und organisieren wir zwei Gesundheitsprojekte für die Flüchtlinge.

Frage: Wie steht es um die internationalen Hilfen? Einige humanitäre Organisationen scheinen zurzeit ja noch blockiert zu sein.

Derenthal: Leider mahlen die bürokratischen Mühlen im Kongo sehr langsam, sodass die humanitären Organisationen, die bereits angereist sind, noch auf eine Arbeitsgenehmigung warten. Ärzte ohne Grenzen etwa hofft, in ein, zwei Wochen grünes Licht von der kongolesischen Regierung zu bekommen. Immerhin sind die Menschen seit drei Monaten weitestgehend auf sich gestellt.

Weltkirche-Blog - 08.08.2017

Die humanitäre Lage im Kongo ist dramatisch. Aber sie macht keinen Lärm und wird deshalb auch nicht gehört vom Rest der Welt. Der dritte Monat nach der Flucht aus der Zentralafrikanischen Republik ist angebrochen. Noch ist keine nationale oder internationale Hilfsorganisation unter den Flüchtlingen aktiv.


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Frage: Unterdessen geht die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik weiter. Vor Kurzem kursierten sogar Berichte von einem Genozid. Können Sie das bestätigen?

Derenthal: Ich weiß nicht, ob „Genozid“ der richtige Begriff ist, weil dieser sich ja auf die Gewalt gegen ein bestimmtes Volk oder eine Ethnie bezieht. Was ich hier aber sehe, ist Morden auf allen Seiten. Es kann einen Muslim genauso treffen wie einen Christen. Es handelt sich hier definitiv nicht um einen Religionskrieg und es ärgert mich, wenn gesagt wird: „christliche“ Anti-Balaka-Milizen und „muslimische“ Séléka-Rebellen.

Frage: Kann man die religiöse Zugehörigkeit der Rebellengruppen also gar nicht so scharf trennen?

Derenthal: Nein, absolut nicht! Solche Adjektive machen aus diesem mörderischen Konflikt einen Religionskrieg. Aber die Leute, die Zivilisten umbringen, haben mit Religion überhaupt nichts zu tun; sie wissen weder etwas vom Christentum noch vom Islam – es sind einfach nur Mörder. Dahinter stecken rein wirtschaftliche und politische Machtinteressen.

„Wer Zivilisten umbringt, hat mit Religion überhaupt nichts zu tun – er sind einfach nur ein Mörder.“

— Pater Olaf Derenthal, Spiritaner und Missionar in Zentralafrika

Die Séléka sind etwa ein Zusammenschluss verschiedener Gruppen und auch einige Christen sind darunter. Und die Anti-Balaka wiederum sind Gruppen von jungen Männern, die vier Jahre Rebellenherrschaft nicht mehr ertragen konnten und in die Gegenbewegung gegangen sind. Mit dem Evangelium haben sie nichts zu tun und das sind alles andere als heldenhafte Befreiungs- oder Widerstandsgruppen. Die Mitglieder werden mit obskuren Ritualen in die Gruppe aufgenommen, unterwerfen sich strengsten, fanatischen Regeln. Dadurch verlieren sie ihren letzten Rest Menschlichkeit. Anti-Balaka-Milizen sind auch dazu in der Lage, zweijährigen Kindern die Kehle durchzuschneiden. Also beide Gruppen sind hochkriminell und hochgefährlich und ich spreche ihnen eine religiöse Zugehörigkeit ab.

Frage: Die Kirchen und die Muslime des Landes haben 2013 eine Plattform der Religionen in Zentralafrika gegründet, um ein friedliches Zusammenleben der Religionen zu fördern. Wenn die Rebellen mit Religion aber gar nichts zu tun haben, wie kann die Kirche sonst gegen die Gewalt ankommen?

Derenthal: Diese Frage stelle ich mir auch. Die interreligiöse Plattform hat dort Einfluss, wo die Menschen noch auf die religiösen Autoritäten hören. Es ist die Aufgabe dieser Plattform, dass die Zivilgesellschaft und christliche wie muslimische Gemeinschaften nicht noch weiter in den Konflikt hineingezogen werden. Dass aber ein Rebellenführer auf den Imam von Mobaye hört und mit dem Töten von Zivilisten aufhört, das sehe ich im Moment nicht.

Die Menschen aus Mobaye sind über den Grenzfluss in die Demokratische Republik Kongo geflohen. Dort leben sie in behelfsmäßigen Zelten.

O. Derenthal

Frage: Die Laiengemeinschaft Sant’Egidio hat mit verschiedenen Rebellen der Zentralafrikanischen Republik ein Friedensabkommen unterzeichnet. Ersten Berichten zufolge scheint es aber nicht zu greifen.

Derenthal: Der Vertrag von Sant’Egidio hat leider keinerlei Auswirkungen auf die Situation in den Konfliktregionen. Zu den Unterzeichnern des Abkommens zählen auch zwei Generäle der UPC, die sich zu einem sofortigen Waffenstillstand verpflichtet haben. Aber das Morden hier in Mobaye geht weiter. Da sehe ich leider überhaupt keinen Effekt. Die Unterzeichner waren letztlich auch nicht die führenden Köpfe – die sind lieber hier geblieben, aus Angst, in Europa verhaftet zu werden – völlig zurecht! Denn sie haben Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.

Frage: Papst Franziskus war ja als Friedensbote in der Zentralafrikanischen Republik. Welche Wirkungen hatte dieser Besuch?

Derenthal: Der Besuch von Papst Franziskus in der Hauptstadt Bangui hat wahrscheinlich ein Massaker verhindert. Die Situation zwischen den bewaffneten Gruppen war damals sehr angespannt, stand stark auf der Kippe. Durch den Besuch des Papstes unter anderem in der Moschee der Stadt konnte das Feuer in Bangui verhindert werden. Da hat Franziskus mit seiner Präsenz hier unstrittig viele Menschenleben gerettet. Es sprechen bis heute die Menschen ganz positiv davon. Leider hat es sich nicht im Rest des Landes fortgesetzt.

„Der Besuch von Papst Franziskus in der Hauptstadt Bangui hat wahrscheinlich ein Massaker verhindert.“

— Pater Olaf Derenthal, Spiritaner und Missionar in Zentralafrika

Frage: Welche Unterstützung erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft? Die UNO-Friedensmission MINUSCA scheint der Lage alleine ja nicht Herr zu werden.

Derenthal: Die Hauptstadt Bangui ist eine Blase. Draußen im Land wiederum herrscht totale Anarchie; es herrscht das Recht des Stärkeren. Das Land ist voller Waffen. In jeder Stadt, jedem Dorf gibt es ein Waffenlager. Es gibt nur eine Möglichkeit, der Lage Herr zu werden: Absolute Entwaffnung aller Gruppen! Das geht nur mit einem robusten Mandat der UNO-Truppen, die die Entwaffnung einleiten und die Zivilisten schützen müssen. Zurzeit können die Rebellen aber noch frei Verbrechen begehen, ohne dass die MINUSCA eingreifen oder Konsequenzen ziehen könnte. Erst letzte Woche wurden wieder drei Zivilisten von Séléka-Rebellen vor den Augen der MINUSCA-Soldaten getötet.

Frage: Sie bleiben trotz dieser widrigen Bedingungen zuversichtlich?

Derenthal: Ich erlebe zum ersten Mal hautnah, wie eine Zivilbevölkerung von der Weltpolitik und interessengeleiteten Gruppen zermalmt werden kann. Das ruft in mir Zorn und Wut hervor. Es kann doch nicht sein, dass die Welt zusieht, wie ein Land, das als das Ärmste der Welt gilt, so sich selbst überlassen bleibt. Da muss man etwas dagegen tun! Dennoch gibt es auch viele schöne, ermutigende Begegnungen mit Christen aber auch mit Muslimen. Das Engagement für den Frieden und die Sicherheit hier lohnt sich!


Das Interview führte Claudia Zeisel

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