Wiederaufbau christlicher Dörfer in der Niniveh-Ebene

  • Irak - 22.05.2017

Klein und unscheinbar wie ein junger Olivenbaum – so beginnt in diesen Wochen der Wiederaufbau in den Dörfern der irakischen Niniveh-Ebene. Ein kleiner Olivenbaum ist das Willkommensgeschenk für die ersten Rückkehrer in das Gebiet, in dem einst mehrheitlich Christen lebten.

„Wir wünschen Ihnen, dass Sie in ihrer alten Heimat wieder Wurzeln schlagen können!“ Dr. Andrzej Halemba, der Nahost-Experte des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“, steht in der syrisch-katholischen Kirche von Karakosch, nur gut eine halbe Autostunde von Mossul entfernt, um das noch immer Kämpfe toben. Er ist derzeit Vorsitzender des Wiederaufbau-Komitees, das aus Vertretern der syrisch-orthodoxen, der syrisch-katholischen und der chaldäisch-katholischen Kirche besteht.

Zeremonie zum Beginn des Wiederaufbaus in der syrisch-katholischen Kirche von Karakosch.

Kirche in Not

Diese Form der ökumenischen Zusammenarbeit ist einmalig – und höchst notwendig: Davon zeugt allein schon der Ort der kleinen Zeremonie, mit der die Wiederaufbauarbeiten eingeläutet werden sollen. Die brandgeschwärzten Wände des Gotteshauses, provisorisch zusammengekehrte Trümmerteile, das teilweise beschädigte Dach: Sie sind stumme Zeugen des Terrors und der Verwüstung, den die Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staates“ hier hinterlassen haben.

Im Kirchenschiff sitzen auf Plastikstühlen einige der Zeugen, die von der Hölle erzählen können, durch die sie seit August 2014 gegangen sind. Als damals die islamistischen Kampfeinheiten immer näher rückten, ergriffen sie in Panik die Flucht. Einer von ihnen ist der 76-jährige Habib Youssif Mansour, der aus dem Nachbarort Karamles stammt: „Nach Mitternacht sind wir aufgebrochen. Alles haben wir zurückgelassen. Der Schmerz und die Angst waren unvorstellbar.“

Enthauptete Marienstatue in Batnaya, Irak.

Kirche in Not

Die Rückkehr ist schwerer als die Flucht

Einzige Zufluchtsmöglichkeit für Habib, seine Familie und insgesamt 130 000 Christen der Niniveh-Ebene: die Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak. Nach tagelangem Marsch erreichten sie deren Hauptstadt Erbil. Sie schliefen unter freiem Himmel, später in von den christlichen Kirchen organisierten Flüchtlingscamps oder angemieteten Wohnungen, wo sich dutzende Menschen ein kleines Apartment teilen. Von dort aus verfolgten sie auch die militärische Entwicklung in ihrer alten Heimat. Als im Dezember 2016 Regierungstruppen und kurdische Peschmerga-Kämpfer ihr Dorf befreiten, blieben sie skeptisch: Wird der Friede halten? Und was, wenn der IS doch zurückkommt?

Eine von „Kirche in Not“ unter den Binnenflüchtlingen Ende 2016 durchgeführte Umfrage spricht eine deutliche Sprache: Nur knapp über drei Prozent der Befragten wollten damals in ihre Heimat zurückkehren. Anfang März dieses Jahres die gleiche Frage – aber eine völlig andere Antwort: 41 Prozent wollen zurück, weitere 46 Prozent denken ernsthaft darüber nach. Doch die Steine auf diesem Weg wiegen schwer, wie der syrisch-orthodoxe Erzbischof Timothy Mosa Alshamany aus dem Kloster Mar Mattai zugibt. „Die Rückkehr in unsere Heimatorte ist noch schwieriger, als es die Flucht aus ihnen war.“ Denn eine Spur der Verwüstung zieht sich durch das christliche Stammland.

 Zurückgelassener Kinderwagen im zerstörten Dorf Batnaya, Irak.

Kirche in Not

12.000 Wohnhäuser rund um Mossul wurden zerstört

Um sich ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen und den Wiederaufbaubedarf zu ermitteln, hat „Kirche in Not“ eine Untersuchung initiiert. Einheimische Priester tauschten die Soutane mit dem Blaumann, kirchliche Mitarbeiter schwärmten aus, um die Schäden aufzunehmen und zu katalogisieren. Auch Satellitentechnik kam zum Einsatz.

Die Zahlen lassen das Entsetzen erahnen, das die Bewohner erfüllte, als sie stunden-, später auch tageweise ihre Heimatorte aufsuchten: Mehr als 12.000 Wohnhäuser in zwölf christlichen Ortschaften rund um Mossul sind beschädigt, 669 bis auf die Grundmauern zerstört. So wie das von Habib: „Ich habe mit meiner Familie ein zweistöckiges Haus bewohnt. Es wurde beschossen und dem Erdboden gleichgemacht.“ Und dennoch hält er, halten in diesen Wochen hunderte christliche Familien an ihrem Plan fest, wieder Wurzeln zu schlagen in der Heimat. „Wir wollen nicht auf die Stimmen derer hören, die uns entmutigen und den Wiederaufbau verhindern wollen“, sagte der syrisch-katholische Erzbischof von Mossul, Yohanna Petros Mouche. „Wir haben in Christus einen starken Felsen, der uns Hoffnung gibt. Und wir sind dankbar, dass uns ‚Kirche in Not‘ hilfreich zur Seite steht.“

Das Hilfswerk koordiniert nicht nur die Arbeit des Wiederaufbau-Komitees, es hat auch Soforthilfen bereitgestellt. So können nicht nur in Karakosch, sondern auch in den Ortschaften Bartella und Karamles die Baustellenfahrzeuge anrollen. Der Wiederaufbau der ersten 100 Häuser ist gesichert. Aber der weitere Bedarf ist enorm: Die Gesamtkosten werden schätzungsweise rund 250 Millionen US-Dollar (rund 224 Millionen Euro) betragen.

„Im Durchschnitt braucht man gut 7.000 Dollar (rund 6.300 Euro), um ein beschädigtes Wohnhaus wieder bewohnbar zu machen; 65.000 Dollar (58.200 Euro) kostet der vollständige Neubau eines zerstörten Gebäudes“, erklärt Salar Boudagh, Generalvikar der chaldäisch-katholischen Diözese von Alkosch im Nordirak, der auch Mitglied des Wiederaufbau-Komitees ist.

Habib Youssif Mansour, einer der ersten Rückkehrer in die Niniveh-Ebene.

Kirche in Not

Der Olivenbaum als Pflänzchen Hoffnung

Der Kraftakt ist enorm. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den Erhalt der 2.000-jährigen Präsenz der Christen im Irak. Dies betont auch der geschäftsführende Präsident von „Kirche in Not“, Johannes Freiherr Heereman von Zuydtwyck: „Wir stehen vor einer Aufgabe von enormem Ausmaß. Wir müssen alles dafür tun, dass die Christen und die anderen religiösen Minderheiten in ihre Häuser zurückkehren können und so das internationale Recht wiederhergestellt wird.“ Dazu werde die Päpstliche Stiftung den Schulterschluss mit politischen Institutionen und anderen Hilfsorganisationen suchen.

Die Hoffnung der Christen im Irak ist klein und zerbrechlich wie ein Olivenbaum. Aber sie wächst mit jedem Tag. Das betont die 46-jährige Ärztin Azhaar Naissan Saqat, die aus Karakosch stammt und drei Jahre als Binnenflüchtling im Nordirak verbracht hat. Oft habe auch sie in dieser Zeit daran gedacht, ins Ausland zu gehen. Das sei jetzt anders: „Die Hilfe von ,Kirche in Not‘ hat uns wieder die Hoffnung zurückgegeben, dass wir wieder in unsere Häuser, in unsere Kirchen zurückkehren und wieder ein normales Leben führen können.“

© Kirche in Not