Brutale Anschläge auf koptische Christen

  • © Bild: KNA
  • Ägypten - 10.04.2017

Die Zahl der Todesopfer kletterte am Sonntag von Minute zu Minute. Rund 40 Menschen starben bei den beiden Anschlägen auf koptische Kirchen im nordägyptischen Tanta und der Hafenstadt Alexandria, Dutzende wurden verletzt. Ausgerechnet während der Palmsonntagsmesse zum Auftakt der Karwoche schlug der Terror zu.

Die Botschaft hinter dem Grauen, zu dem sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ offenbar bekannte, ist klar: Das uralte koptische Christentum, älter als der Islam selbst, hat aus Ägypten zu verschwinden. Ginge es nach diesen Kräften, hätte es das 1.400-jährige, überwiegend friedliche Miteinander zwischen Kopten und Muslimen nie gegeben.

In Tanta sprengte sich der Attentäter in der großen Sankt-Georgs-Kirche inmitten vollbesetzter Kirchenbänke in die Luft. In Alexandria gelang es der Polizei offenbar noch, den Terrorbomber vor der Sankt-Markus-Kathedrale zu stoppen, wo er seine Ladung zündete und etliche mit in den Tod riss. In der Hauptkirche der Koptisch-Orthodoxen feierte deren Oberhaupt, Papst Tawadros II., den Gottesdienst. Womöglich galt der Angriff auch ihm persönlich.

Serie von Anschlägen

Erst vor sechs Monaten waren beim Bombenattentat auf die Kairoer Sankt-Markus-Kirche fast 30 Menschen gestorben. Auch damals reklamierte der IS die Tat für sich. Sie war auch ein blutiges Fanal gegen die allmählich zunehmende religiöse Toleranz unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Der General und Politiker setzt auf mehr Fortschritt und die Einheit der mehr als 90 Millionen Ägypter. Und er weiß, dass er dabei auf das ökonomische und wissenschaftliche Potenzial unter den rund 9 Millionen Kopten nicht verzichten kann. Ihr Exodus wäre eine Katastrophe für Ägypten.

Als erster Präsident hat al-Sisi in Kairo einen koptischen Weihnachtsgottesdienst besucht, sich für Anschläge gegen Christen entschuldigt und fördert sogar den jahrzehntelang unterdrückten Bau von Kirchen. Auch die Massenorganisation der Muslimbrüder, die al-Sisi 2013 aus der Regierung putschte, steht dieser Entwicklung schroff ablehnend gegenüber. Trotzdem ist die Mehrheit der ägyptischen Muslime - das betonen koptische Kirchenstimmen - weit von latenter Pogromstimmung entfernt. Im Gegenteil: Das koptisch-muslimische Zusammenleben und die politische Teilhabe hätten sich verbessert, heißt es.

Der IS bombt, die Muslimbrüder hetzen deshalb stets gegen beide Seiten an: gegen die Kopten, die ihre Rolle als unterdrückte „Ungläubige“ hinnehmen oder emigrieren sollen, und gegen die gemäßigten Muslime, die aus Sicht der Islamisten nur das Geschäft der „Kreuzritter“ aus dem Westen betreiben, den Islam nicht zu neuer Größe kommen zu lassen.

Papstbesuch steht im April an

Die brutalen Anschläge am Palmsonntag dürften deshalb auch mit Blick auf den unmittelbar bevorstehenden Besuch von Papst Franziskus in Kairo geplant worden sein. Bei seiner Visite am 28. und 29. April will der Papst einerseits den Glaubensbrüdern Mut machen, deren orthodoxer Teil nicht Rom untersteht, und andererseits eine neue Seite im lange unterkühlten katholisch-muslimischen Dialog aufschlagen. Dazu trifft er sich mit dem Großscheich der sunnitischen Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tayyeb - aus Sicht der Terrorkämpfer nichts als Verrat am Islam.

Zwar zählt die Ägyptenreise aus vatikanischer Sicht gewiss zu den sicherheitstechnisch anspruchsvolleren Missionen des Pontifex. Doch stattfinden werde sie wie geplant, bekräftigte Vatikan-Sprecher Greg Burke am Sonntag auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Der Dialog zwischen Vatikan und Al-Azhar war einst wegen eines Anschlags zum Erliegen gekommen: Weil Papst Benedikt XVI. (2005-2013) den Ägyptern 2011 nach einem grausamen Terrorattentat gegen eine Kairoer Kirche mangelnden Schutz von Christen vorwarf, hatte der damalige Großscheich die Gespräche abgebrochen. Nun könnte der Schrecken dieses Palmsonntags umgekehrt dazu beitragen, dass der offene Dialog zwischen Christen und friedensbereiten Muslimen neuen Schwung gewinnt. Als einzige Alternative zum Wahnsinn des religiösen Extremismus.

Von Christoph Schmidt (KNA)

© KNA