Am Anfang war der Schock

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  • Heiliges Land - 09.02.2017

Auf den Schrecken folgten die Solidarität und der Wiederaufbau. Am Sonntag, knapp 20 Monate nach dem Brandanschlag, wird das Atrium der Brotvermehrungskirche in Tabgha am See Genezareth wieder eingeweiht.

Es war eine Schreckensnachricht: Am 18. Juni 2015 fielen Teile des deutschen Benediktinerpriorats Tabgha am See Genezareth den Flammen zum Opfer. Den Brand gelegt hatten jüdisch-nationalistische Extremisten. Was folgte, waren zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung, aber auch ein langes Ringen mit dem israelischen Staat um die Hilfe beim Wiederaufbau, wie uns neulich der Leiter der deutschsprachigen Dormitio-Abtei in Jerusalem, der Benediktiner Nikodemus Schnabel, im Interview bestätigte. Am Sonntag nun wird das Atrium der bei Touristen und Pilgern beliebten Brotvermehrungskirche mit einer Messfeier wiedereingeweiht. Zu den prominenten Gästen zählen Israels Staatspräsident Reuven Rivlin und der Kölner Kardinal Reiner Maria Woelki, von Amts wegen Präsident des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL) und damit Hausherr der deutschen Niederlassung in Tabgha.

„Falsche Götzenbilder müssen zerschlagen werden“, hinterließen die jungen Täter aus der extremistischen Siedlerszene als Botschaft an den Wänden des Klosters. Ein Trakt des erst 2012 eingeweihten und mit Geld aus Deutschland finanzierten Neubaus am See Genezareth brannte teils bis auf die Grundmauern ab. Zwei Menschen wurden verletzt.

Ringen um Entschädigung

Das Ringen um die Entschädigungsleistungen war kräftezehrend für die deutschsprachigen Benediktiner. Die Brandschutzversicherung erklärte sich für nicht zuständig, weil ein Terroranschlag vorlag – ein Fall für das Finanzministerium. Auf anfängliche Zusagen folgte auch hier ein Rückzieher: Der Brandanschlag sei religiös motiviert und entspreche damit nicht den Entschädigungsbedingungen.

Schließlich schaltete sich Israels Präsident Reuven Rivlin ein. Bereits unmittelbar nach dem Brand hatte er an Ort und Stelle Präsenz gezeigt und für ein friedliches Miteinander der Religionen im Heiligen Land geworben. Offenbar sprach er auch jetzt ein Machtwort: Es folgte nun doch die Zusage des Ministeriums für eine Sofortzahlung von 370.000 Euro. Die Summe deckt nur einen kleinen Teil des auf bis zu 1,6 Millionen Euro geschätzten Schadens – und auch die Zahlungsmoral des Ministeriums ließ zu wünschen übrig. Erst als die Mönche nach einem Jahr den Gang an die Öffentlichkeit planten, kam das Geld.

Tabgha ist kein Einzelfall. Auch auf das Jerusalemer Mutterkloster Dormitio wurden wiederholt Anschläge verübt. Die harmloseren von ihnen waren Hassgrafitti an Wänden, im Mai 2014 wurde in einem Nebenraum der Kirche Feuer gelegt. Damals ging es glimpflicher aus als in Tabgha. Die Rufe der Mönche nach mehr Schutz durch israelische Sicherheitskräfte verhallten ungehört.

Nicht in einem christlichen Ghetto einkapseln

Der Anschlag in Tabgha zeige, „dass die Situation auch von ausländischen Christen im Land schwieriger geworden ist“, sagte der Leiter des Jerusalemer DVHL-Büros, Georg Röwekamp, in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur. Er habe aber auch zu der Erkenntnis geführt, „dass wir uns nicht in einem christlichen Ghetto einkapseln dürfen, sondern uns mit denen verbinden müssen, die - gleich welcher Religion – an einem friedlichen Miteinander interessiert sind“.

Dass viele Juden, darunter viele Rabbiner, sich entschieden von der Tat distanzierten und in Scharen kamen, um den Benediktinern ihre Solidarität zu bekunden, hat den Brüdern in Tabgha geholfen, den Schock zu verarbeiten. Es seien eben nur Täter aus einer kleinen Randgruppe, die dieses Feuer legten, formuliert es Pater Matthias Karl. „Eine extreme Minderheit“, wertete auch der inzwischen zurückgetretene Abt Gregory Collins und rief zu Vergebung und Versöhnung auf.

In Tabgha setzt man dennoch auf zusätzliche Sicherheit. Ein Nachtwächter wurde nach dem Anschlag angestellt. Der wohl „teuerste Mitarbeiter“ im Betrieb ist ein Muss, sagt Benediktinerpater Matthias Karl. Schließlich geht es nicht nur um die Mönche und die auf dem Grundstück lebenden Schwestern, sondern vor allem in den Sommermonaten auch um zahlreiche Gäste, die zur finanziellen Sicherheit der deutschen Benediktiner im Heiligen Land maßgeblich beitragen. Ihnen und jenen, die den Löwenanteil des Schadens geschultert haben, gelte der Dank, heißt es aus Tabgha – auch wenn die genaue Schadenssumme bis heute nur schwer beziffert werden kann.

Von Andrea Krogmann

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Interview - 25.01.2017

Christen dürfen keine Angst haben

Der Leiter der deutschsprachigen Dormitio-Abtei in Jerusalem, der Benediktiner Nikodemus Schnabel, berichtet im Interview mit weltkirche.katholisch.de über die Solidaritätswelle für das Kloster und warnt die christliche Minderheit im Heiligen Land vor Abschottung.

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