„Wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg“

  • Syrien - 01.02.2017

Gespenstische Stille, Gefechtslärm und Wohnen in Trümmern. Über die Eindrücke seiner Syrienreise berichtet der Misereor-Geschäftsführer Dr. Martin Bröckelmann-Simon im Interview mit dem Internetportal Weltkirche. Er besuchte Partnerorganisationen wie den Jesuit Refugee Service (JRS) und die Franziskaner in Damaskus, Homs und Aleppo, wo die Waffen gerade einmal seit vier Wochen schweigen.

Herr Dr. Bröckelmann-Simon, Aleppo ist im Syrienkrieg zum Sinnbild der Grausamkeit aller Kriegsparteien geworden. Seit wenigen Wochen herrscht Waffenruhe. Wie haben Sie diesen Ort nun erlebt?

Bröckelmann-Simon: Schon der Weg in Richtung Aleppo ist natürlich ein Weg durch Kriegsgebiet. Und man wird auf der Strecke zwischen Damaskus und Aleppo immer weiter darauf vorbereitet, was einen dann in Aleppo erwartet. Wir sind auch durch Homs gefahren, auch diese Stadt hat unvorstellbar unter dem Krieg gelitten und ist im Zentrum komplett zerstört und unbewohnbar. Unmittelbar vor der Stadt, wo sich eine der wichtigsten Industriezonen Syriens befand, fahren Sie dann durch eine Mondlandschaft von völlig zerstörten Fabriken und Lagerhallen. Das heißt, die Industriestadt Aleppo gibt es in dieser Form nicht mehr. Syrien hat durch den Krieg insgesamt 40 Prozent seiner Wirtschaftskraft verloren, das wird dort unmittelbar augenscheinlich. Und im alten Zentrum der Stadt ist die Zerstörung wirklich unvorstellbar groß. Das hat mich wirklich erschüttert, so ähnlich muss es auch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in den Städten ausgesehen haben. Es sind ja aus Aleppo während der Kriegshandlungen schon viele Menschen geflohen, nur noch ein Drittel der Bevölkerung lebt dort, etwa 1, 2 Millionen Menschen. Von denen sind aber rund 600.000 Vertriebene aus Ost-Aleppo, die in den Westen gekommen sind.

Die meisten Häuser im Ostteil von Aleppo sind unbewohnbar.

Misereor

Wie gehen die Menschen mit der Rückeroberung des Ostteils durch die syrische Armee um?

Bröckelmann-Simon: Man spricht von etwa 100.000 Menschen, die noch in Ost-Aleppo verstreut leben. Immer wieder sieht man da zwischen den Ruinen dann doch noch ein wenig menschliches Leben, wenn jemand in den Ruinen Unterschlupf gesucht hat, mit Decken die Fensterhöhlen abgehängt hat und da das Leben fristet. Aber das Gros der Bevölkerung ist da nicht mehr, weil man da nicht mehr wohnen kann, das ist alles kaputt. Das einzige menschliche Leben, auf das Sie regelmäßig treffen, sind Soldaten. Das ist schon gespenstisch.

Es gibt natürlich auch noch Gegenbewegungen, Menschen, die zurückkehren. Mir ist das Bild eines Mannes in Erinnerung geblieben, der versuchte, die Fensterläden seines Hauses zu richten. Sie stoßen zwischendurch auch immer wieder mal auf Menschen, die anfangen, etwas aufzubauen. Das sind winzige Pflänzchen Hoffnung. Ein wenig besser ist es in Homs, um die Stadt herum in den Randbezirken. Da beginnt das Leben wieder und offenbar gehen auch Leute allmählich wieder nach Homs zurück – zumindest teilweise. Aber Homs hatte vor dem Krieg noch 450.000 Einwohner, jetzt sind es 50.000. Das wird noch lange dauern und viele werden sich nicht trauen, zurückzukehren. Aber an den Rändern kehrt das Leben allmählich zurück und die Hoffnung besteht natürlich auch für Aleppo, dass das gelingen möge. Nur darf man sich keine Illusionen machen, der Krieg ist nach wie vor da. Sie hören Gefechtslärm, in der Nacht besonders stark, die Frontlinie verläuft drei bis fünf Kilometer vom Zentrum Aleppos entfernt. Der Krieg ist nah, bedrohlich nah. Und niemand wird es wagen, zu behaupten, dass hier eine stabile Friedenssituation wäre. Die Menschen haben wenig Hoffnung, aber sie sind erst einmal froh, dass die Waffen in Aleppo selber schweigen. Die Hölle war ja nicht mehr auszuhalten für die Menschen. Auch jene, die keine Freunde des Assad-Regimes sind, sind froh, dass jetzt nicht mehr gekämpft wird.

„Wer über die Zukunft spricht, spricht von der nächsten Woche, dem nächsten Monat, aber gewiss nicht vom Ende dieses Jahres. Dazu mag niemand etwas sagen, weil niemand sich traut, eine Prognose abzugeben.“

— Dr. Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer von Misereor

Dr. Martin Bröckelmann-Simon mit einem Franziskaner am Krankenbett eines Kindes in Aleppo.

Misereor

Sie haben sich auf ihrer Reise ein Bild von der Situation in Krankenhäusern und Sozialzentren gemacht. Wie war ihr Eindruck von der Gesundheitsversorgung?

Bröckelmann-Simon: Die Gesundheitsversorgung ist sehr unter Druck. Einmal sind natürlich die vielen Kriegsverwundeten zu behandeln, manche sind auch noch in den Krankenhäusern. Angesichts der schlechten Versorgungslage gibt es auch viele Infektions- und Atemwegserkrankungen, es ist zurzeit ja bitterkalt in Aleppo. Zudem ist die Wasserversorgung zusammengebrochen, auch das hat Konsequenzen für das Thema Infektionen. Viele Ärzte und Krankenpflegepersonal haben außerdem das Land verlassen. Hinzu kommt, dass die pharmazeutische Industrie, die Syrien, besonders auch Aleppo, früher einmal hatte, massiv beeinträchtigt ist. Das heißt, die Medikamente sind schwierig zu beschaffen und da gibt es auch einen Schwarzmarkt, der entsprechend teuer ist.

In den Sozialzentren werden die Menschen mit wesentlichen Gütern des täglichen Lebens versorgt. Die Lebenshaltungskosten haben sich vervierfacht, das heißt, dass viele ohne Unterstützung keine Möglichkeit haben, an Nahrungsmittel und Wasser zu kommen. Sozialzentren wie die der Franziskaner haben Wasserzapfstellen an ihren Pfarreien, der Jesuitenflüchtlingsdienst versorgt jeden Tag 10.000 Menschen mit einer warmen Mahlzeit und hat einen Sozialdienst, der die Menschen dort aufsucht, wo sie sich als Vertriebene befinden. Die Rosenkranzschwestern machen ein Schulprojekt, mit denen arbeiten wir zusammen, mit dem Hospital St. Louis arbeiten wir auch zusammen. Seit Beginn des Krieges haben wir in Syrien 3,6 Millionen Euro bereitgestellt und zusätzlich in den Nachbarländern viele Hilfsprogramme für syrische Flüchtlinge unterstützt. Dieses Jahr wollen wir weitere 1,5 Millionen für die Menschen in Syrien bereitstellen.

Eine kleine Bäckerei, die Hoffnung gibt.

Misereor

Damaskus ist den ganzen Krieg lang in Regierungshand gewesen und fast unbeschädigt. Wie haben Sie diese Metropole erlebt?

Bröckelmann-Simon: Damaskus ist enorm unter Druck. Es hat seine Einwohnerzahl verdoppelt, weil so viele Geflüchtete dorthin gekommen sind. Im Großraum der Stadt sollen zwischen vier und fünf Millionen Menschen leben. Aber es ist nicht so, dass Damaskus eine sichere Stadt wäre – der Krieg ist auch da, Sie hören in der Nacht immer Gefechtslärm. In den Vororten wird heftig gekämpft. Die Frontlinie verläuft, wenn sie in der Altstadt sind, in etwa 5 bis 8 Kilometern Entfernung. Auch in Damaskus schlagen Geschosse ein, da sind auch immer mal wieder Kirchengebäude betroffen. Außerdem gibt es keine öffentliche Stromversorgung, ohne Generatoren ist es dunkel – in Damaskus ist nur ein funzeliges Licht. Auch die Wasserversorgung ist extrem schwierig, weil nur alle vier Tage für 2 bis 3 Stunden Wasser läuft. Und die Lebenshaltungskosten sind in Damaskus in die Höhe gegangen. Das ist eine Stadt in großem Stress, mit ganz vielen Militärcheckpoints. Man sieht den Menschen an, unter welcher Anspannung sie tatsächlich leben. Ich kenne Damaskus aus der Zeit vor dem Krieg, die wunderbare Altstadt, und selbst wenn Sie keine materiellen Schäden sehen, die Psychologie hat sich verändert, der Stress ist greifbar, es ist wirklich eine depressive Stimmung.

„Die Mehrzahl der syrischen Flüchtlinge ist ja noch in Syrien und will dort auch nicht weg. Alles, was man tun kann, damit sie dort bleiben können, ist extrem wichtig und hochwillkommen. “

— Dr. Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer von Misereor

Wie blickt man in Syrien auf die aktuelle politische Situation mit der neuen US-Regierung?

Bröckelmann-Simon: Von Donald Trump haben die meisten eigentlich wenig Notiz genommen. Sie haben eher die Friedensgespräche in Kasachstan beachtet. Der Waffenstillstand wird von den dort einbezogenen Gruppen zwar eingehalten. Aber die Erwartung war nicht so groß, dass von dort jetzt die Friedenstaube losfliegt. Auch in Bezug auf die weiteren Friedensgespräche ist große Skepsis zu spüren. Ich glaube, die Menschen leben gerade in kleineren Zeiträumen, wer über die Zukunft spricht, spricht von der nächsten Woche, dem nächsten Monat, aber gewiss nicht vom Ende dieses Jahres. Dazu mag niemand etwas sagen, weil niemand sich traut, eine Prognose abzugeben. In Bezug auf das, was die Internationale Gemeinschaft für den Frieden in Syrien erreichen kann, ist eine große Ernüchterung eingetreten. Wir sind bald im siebten Jahr des Krieges, und er hinterlässt natürlich enorme Spuren. Niemand will die Hoffnung komplett aufgeben und es gibt die vielen Bemühungen der Ordensleute vor Ort, die versuchen, das Leben erträglicher zu machen und den Menschen Perspektiven und Zukunftsmöglichkeiten aufzuzeigen. Aber sie wissen letztendlich auch, dass sie in die Räder der Weltpolitik geraten sind, auf die sie keinen Einfluss haben.

Kinder in der Sankt Franziskus Gemeinde Aleppo.

Sankt Franziskus Gemeinde Aleppo

Sie waren im Rahmen dieser Reise auch im Libanon. Wie sehen Sie die Situation der Flüchtlinge dort?

Bröckelmann-Simon: Ich habe zuletzt vor zwei Jahren im Libanon Flüchtlingsprojekte besucht und kann sehen, dass die Spannungen zunehmen, weil die Belastungsgrenze erreicht ist. Viele befürchten, dass es angesichts der anhaltenden Flüchtlingssituation erheblich mehr Auseinandersetzungen geben könnte. Auch der Druck auf das libanesische Sozialsystem wächst. Allein durch die Tatsache, dass es neben dem offiziellen Arbeitsmarkt und dem informellen für ärmere Libanesen noch einen dritten Arbeitsmarkt für die Flüchtlinge gibt, die in hoher Rechtlosigkeit noch einmal zu niedrigeren Löhnen arbeiten und ausgebeutet werden. Auch wenn es in Syrien zu Fortschritten kommen sollte, wird die Rückwanderung der Flüchtlinge Jahre dauern. Unterdessen wird das Gleichgewicht im Libanon immer fragiler, das sind tickende Zeitbomben. Alles, was hilft, das Leben der Menschen erträglicher zu machen, ist sinnvoll. Auch wenn es Stabilisierungshilfen in kürzeren Zeitabständen sind. Denn alles ist besser, als in die Migration und Flucht zu gehen, das wissen eigentlich auch alle. Die Mehrzahl der syrischen Flüchtlinge ist ja noch in Syrien und will dort auch nicht weg. Alles, was man tun kann, damit sie dort bleiben können, ist extrem wichtig und hochwillkommen.

© weltkirche.katholisch.de

Der Misereor-Geschäftsführer Dr. Martin Bröckelmann-Simon ist am Samstag von einer Reise nach Syrien zurückgekehrt.

Misereor

Zur Person

Dr. Martin Bröckelmann-Simon, geboren 1957, ist seit 1999 Vorstandsmitglied von Misereor, ständiger Vertreter des Hauptgeschäftsführers und für den Bereich Internationale Zusammenarbeit zuständig. 1985 begann er seine Tätigkeit für Misereor. Der promovierte Sozialwissenschaftler ist zudem Vorstandsmitglied der katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe, Mitglied der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Mitglied in der Delegiertenversammlung des Deutschen Caritasverbands und Mitglied des ZdK. Zudem ist er ständiger Vertreter in der Mitgliederversammlung der Deutschen Welthungerhilfe, Mitglied im Heads of Programme Forum und stellvertretendes Mitglied im Board of Directors der CIDSE.

Nothilfe - 01.02.2017

Die Misereor-Partner in Aleppo trotzen dem Krieg und helfen den Menschen, die geblieben sind. Ein intaktes Krankenhaus der Jesuiten in Aleppo behandelt Verletzte und Kranke. Die Franziskaner in Aleppo liefern Trinkwasserrationen für 15.000 Menschen aus. Schulen und Berufsschulen werden finanziell unterstützt, wodurch ca. 1.000 Kinder und Jugendliche in Aleppo weiter zur Schule gehen können.

Zur Website