„Zivilisten als menschliche Schutzschilde“

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  • Irak - 20.10.2016

Im Zuge der Großoffensive der irakischen Armee gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in der nordirakischen Stadt Mossul spitzt sich die Lage der Zivilbevölkerung zu. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach mit Astrid Meyer, Nahost-Referentin des katholischen Hilfswerks Misereor, die sich derzeit in der irakischen Stadt Dohuk aufhält.

Frage: Frau Meyer, wie ist die aktuelle Lage der Zivilbevölkerung in Mossul?

Meyer: Die Lage scheint bedrohlich. Besonders problematisch scheint, dass die IS-Milizen die Bevölkerung daran hindern, die Stadt zu verlassen – als Teil ihrer Strategie, sie als menschliche Schutzschilde einzusetzen. Zudem wird berichtet, dass der IS Regierungsgebäude gesprengt haben soll. Die Brücken über den Tigris sollen vermint sein, um das Vordringen der Militärallianz zu verhindern. Die Zerstörung der Infrastruktur und Verminung ist insgesamt ein Problem, das auch die Zivilbevölkerung betrifft.

Frage: Was wissen Sie über zivile Opfer der Militäroffensive?

Meyer: Meine bisherigen Informationen deuten darauf hin, dass der IS sich nahezu kampflos von den Ortschaften im Stadteinzugsgebiet von Mossul zurückgezogen hat. Zivile Opfer sind allerdings durch vermehrte Selbstmordanschläge zu beklagen.

Frage: Hunderte Christen aus Karakosch bei Mossul haben am Mittwoch den Einsatz der Regierungstruppen zur Befreiung ihres Heimatorts vom IS bejubelt.

Meyer: Der Jubel scheint mir voreilig. Die Stadt ist noch nicht ganz befreit.

Astrid Meyer ist Regionalreferentin für den Nahen Osten bei Misereor.

Misereor

Frage: Ist nun mit Racheakten des IS gegen Christen in anderen Regionen zu rechnen, etwa in Mossul?

Meyer: Das ist nicht ausgeschlossen. Allerdings ist die Lage viel komplexer. Die Polarisierung „IS gegen Christen“ ist viel zu vereinfacht. Man muss den Blick ebenso auf die sunnitischen Zivilisten richten, die sich nicht dem IS angeschlossen haben. Viele Dörfer, die die Truppen der von Schiiten dominierten irakischen Regierung bei ihrem Vorstoß passieren, werden mehrheitlich von arabischen Sunniten bewohnt. Auch hier gibt es Berichte über Misshandlungen und Demütigungen seitens der Armee, die vor allem durch schiitische Milizen – also Söldner – verstärkt wurden.

Frage: Sie selbst befinden sich derzeit in Dohuk, einer Großstadt in der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Wie bewerten Sie das Vorgehen der kurdischen Peschmerga-Kämpfer?

Meyer: Auch das Verhalten der Peschmerga, die von Kurdistan aus Orte sogenannt befreiten, wirft Fragen auf. Zwar gibt es die gemeinsame Militäroffensive, allerdings divergierende Interessen. Denn Mossul ist eine der ölreichsten Städte im Irak. Entsprechend stellt die Zentralregierung in Bagdad ebenso Ansprüche wie auch die kurdische Autonomiebehörde.

Frage: Schätzungen gehen von 750.000 bis 1,5 Millionen Menschen aus, die aus Mossul flüchten könnten. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Meyer: Hier vor Ort bleiben die Zahlen sehr unklar.

Frage: Befürchten Sie eine humanitäre Katastrophe?

Meyer: Die steht vor allem zu befürchten, wenn Zivilisten weiter daran gehindert werden sollten, Mossul zu verlassen.

Frage: Was brauchen die Menschen in Mossul derzeit am dringendsten?

Meyer: Die größte Lücke zeichnet sich in der Gesundheitsversorgung ab.

Frage: Wie könnte – eine erfolgreiche Militäroffensive gegen den IS vorausgesetzt – die anschließende Versöhnungsarbeit in Mossul und der Region gelingen?

Meyer: Indem Ansätze verfolgt werden, das gesellschaftliche Mosaik als Ressource zu erschließen. Christen können dazu beitragen, wenn sie mit einer Stimme sprechen, statt sich in Einzelkonfessionen zu separieren.

Von Norbert Demuth (KNA)

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Missio-Partner warnen vor Racheakten im Nordirak

Partner des katholischen Hilfswerks Missio Aachen im Nordirak haben angesichts der Militäroffensive gegen den IS vor Racheakten gewarnt. Sie riefen zur Wiederversöhnung zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen und muslimischer Konfessionen auf.

„Wenn wir gemeinsam für eine Zukunft Iraks und Syriens arbeiten wollen, müssen wir den Weg der Vergebung gehen“, sagte Pater Jens Petzold, der in der Region aktiv ist, gegenüber Missio Aachen, wie das Hilfswerk am Mittwoch mitteilte. Man dürfe sich nicht von der Logik des IS verleiten lassen, allein in der „Bestrafung der Schuldigen Befriedigung zu finden“. Von den Tätern sei gefordert, sich ihren Taten zu stellen. Und die Opfer müssten überlegen, wie in Zukunft ein friedliches Leben mit denjenigen möglich sei, die ihnen Schaden zufügten. „Das wird ein schwieriger Weg“, so Pater Jens. (lek/KNA/Missio)

www.missio-hilft.de

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Hilfswerke und Menschenrechtler rechnen mit einer Flüchtlingskatastrophe und drängen auf humanitäre Korridore.

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