Leidenschaft bis aufs Blut

  • Nachruf für Sr. Veronika Rackova

Vor fünf Jahren machte sich der Südsudan unabhängig. Doch statt Frieden herrscht blutiges Chaos im jüngsten Land der Erde. In einem Umfeld von Gewalt und Anarchie arbeitete die Steyler Ordensfrau Veronika Rackova – und geriet zwischen die Fronten. Ein Nachruf von Sr. Miriam Altenhofen für ihre Mitschwester, die an der Seite ihres geliebten Volkes im Südsudan starb:

„Ich werde im Südsudan sterben, an der Seite des Volkes, das uns so nötig hat.“

Dies sind die Worte von Sr. Veronika Theresia Racková SSpS an P. Hugo Tewes SVD, als eine ihrer Mitschwestern, mit der sie im Südsudan als Pionierin begonnen hatte, in ihr Heimatland zurückkehrt.

Sr. Veronika wusste noch nicht, dass diese Worte schon bald bittere Realität werden würden. Am Pfingstsonntag 2016 abends bringt Sr. Veronika eine schwangere Frau notfallmäßig mit der Ambulanz in ein naheliegendes Krankenhaus in Yei. Sie wird auf ihrem Rückweg gegen 1.00 Uhr nachts von Streitkräften der Regierung (SPLA-Soldaten) gestoppt und angeschossen. Sie erhält mehrere Bauchschüsse. Es folgen Notoperationen in der Stadt Yei, dann die Notfallevakuierung nach Nairobi in Kenia. Trotz aller medizinischen Bemühungen erliegt Sr. Veronika dort im Alter von 58 Jahren am 20. Mai ihren Schussverletzungen.

Sr. Veronika Theresia Rackova

SSpS

Die Nachricht kommt wie ein Schock für alle Steyler Missionsschwestern, besonders für unsere Mitschwestern im Südsudan, in der Slowakei, für ihre leibliche Schwester und viele Freunde und Bekannte. Es ist wei ein Aufschrei der alten Frage „Warum?”, die durch unsere Reihen geht. Wie ist es möglich, dass eine Ärztin in einer Ambulanz von offiziellen Soldaten der Regierung angeschossen und getötet wird? War es Absicht, ein Versehen? Wir wissen es bis heute nicht. Und dabei ist Sr. Veronika nur eines von vielen Opfern einer unsinnigen, nicht enden wollenden Gewalt im Südsudan – und an vielen anderen Orten unserer Welt.

Wer ist diese Frau, die so bestimmt und bis zum letzten Blutstropfen an der Seite ihres geliebten Volkes sein wollte? Die folgenden Zeilen möchten den Charakter von Sr. Veronika und ihre Botschaft an uns aufzeigen. Dazu benutze ich einige markante Situationen aus ihrem Leben und Schilderungen von Mitschwestern. Einige Schlüsselszenen:

Ihre Kindheit

Veronika ist zugegen, wenn Frauen jeden Samstag die Kirche in ihrem Dorf putzen. Vom Dechanten gab es klare Anweisungen an alle, keine Geräte, insbesondere nicht das hochsensible Mikrofon, zu berühren. Veronika sieht ihre Chance, die Frauen etwas aufzuheitern. Sie ergreift die Gelegenheit, geht zur Kanzel, schaltet das Mikrofon ein und hält gestikulierend eine flammende Predigt. Das ist sie: Sie hat eine Idee, sie steht auf für ihre Idee – gestikulierend und wortgewaltig.

Flucht aus der Slowakei

Sr. Veronika lernt unsere Schwestern in der Slowakei während der kommunistischen Zeit kennen. Im Geheimen tritt sie am 1. November 1982 in die Gemeinschaft ein und „emigriert“ kurz darauf nach Italien. Als Touristin kommt sie mit einer Gruppe nach Rom. An einer roten Straßenampel hält sie ein Taxi an, springt ins Auto und hält dem Fahrer die Adresse unseres Generalates in der Via Camiluccia hin. Sie erreicht unser Generalat ohne jemanden zu kennen und nur mit einer Handtasche. Sie weiß um die Folgen dieses Schrittes. Sie kann nicht mehr in ihr Heimatland zurück und sie verliert die Staatsangehörigkeit. Sie muss(te) sowohl in der Slowakei als dann auch in Rom über die näheren Umstände ihrer „Flucht“ schweigen, um ihre Familie vor Repressalien der Polizei zu schützen. Ihre Eltern wussten, dass Veronika etwas vorhatte. Auf ihre Fragen bekamen sie nur die Antwort: Bitte fragt nicht. Damit wussten sie Bescheid. Auch das ist Veronika: Sie geht aufs Ganze, ist mutig und sie riskiert etwas.

Aufbruch in den Südsudan

Trotz der angespannten Lage nach der Unabhängigkeit des Südsudans bleiben die Steyler Schwestern im Land an der Seite der Menschen.

SSpS

Als Sr. Veronika ihre 6 Jahre als Leiterin der slowakischen Provinz beendet, ist sie bereit eine neue Herausforderung anzunehmen. Sie reist mit der damaligen Missionssekretärin in den Südsudan, um die Situation vor Ort bezüglich einer Neugründung der Steyler Missionarinnen zu erforschen. Wie immer ist sie mit viel Begeisterung und voller Ideen dabei. Sie hat ein ausgeprägtes Gespür für Gerechtigkeit und will sich mit allen Kräften für ein menschenwürdiges Leben der Südsudanesen einsetzen. Bei ihrer Rückkehr macht sie deutlich, dass sie selbst bereit ist, in dieses Land zu gehen. Sie ist dann auch Teil der ersten Gruppe, die 2010 ausreist und mit einer Kommunität in der Stadt Yei beginnt.

Als sich der Südsudan 2011 vom Sudan löst und am 9. Juli die Unabhängigkeit erklärt, ist die Lage im Land angespannt. Viele haben Angst vor Gewaltausbrüchen. Unseren Schwestern wird angeboten, den Südsudan zu verlassen und nach Äthiopien oder in ihre Heimatländer zu gehen. Keine von ihnen nimmt dieses Angebot an. Sie alle entscheiden sich, im Südsudan zu bleiben und den Weg mit dem süd-sudanesischen Volk weiterzugehen.  Sie wollen die Menschen in einer sehr ungewissen und gefährlichen Situation nicht im Stich lassen.

Auf die Frage, warum Sr. Veronika trotz einer solch angespannten und gefährlichen Situation im Südsudan bleiben möchte, sagte sie: „Weil Jesus seinen Weg konsequent gegangen ist. Er hat nicht aufgegeben, als es schwierig wurde. Als Jüngerin Jesu folge ich ihm in der Kraft des Heiligen Geistes. Ich kann die Menschen im Südsudan nicht verlassen, weil ich sie liebe.“

Einsatz für die Menschen

Sr. Veronika baut mit Mitschwestern und MitarbeiterInnen eine kleine Klinik, das St. Bakhita Health Centre, auf. Dieses bietet u. a. Mutter-Kind-Untersuchungen, Lepra-Behandlungen und HIV-Tests an.  Eines Tages findet eine Mitschwester Sr. Veronika krank in ihrem Zimmer. Sie hat hohes Fieber, muss sich wiederholt übergeben: Malaria.  Als Sr. Veronika hört, dass jemand als Notfall in ihre Klinik gebracht wird, macht sie sich sofort auf, um den Patienten zu sehen. Auch das ist Sr. Veronika: Sie schont sich nicht und setzt sich bis zum Letzten für die Menschen in Not ein.

„Ich kann die Menschen im Südsudan nicht verlassen, weil ich sie liebe.“

Für sie hatte jeder Mensch einen unverlierbaren Wert und sie wollte, dass alle das Leben in Fülle haben. Das war die Antriebsfeder für ihr Sein und Tun. Sie sprach oft über „Hingabe“ als wesentliche Eigenschaft einer Missionsschwester. Sr. Veronika hat diese Hingabe gelebt. Das „Ja“ zu Gott bedeutete für sie, sich selbst freiwillig und ganz an die Menschen in Not zu schenken.

Erinnerungen von Mitschwestern

Mitschwestern beschreiben Sr. Veronika als einen Mensch mit einer unglaublichen Energie, voll von Leben, froh, begeisterungsfähig, sprudelnd voller Ideen und mutig. Sr. Veronika hatte ständig neue Pläne und konnte rastlos schaffen. Manchmal konnte sie mit ihrem Temperament und Tempo schon mal anecken. Deshalb brauchte sie Menschen um sich, die sie hin und wieder bremsten und ihr halfen, nicht zum Workaholic zu werden.  

Bei Sr. Veronika wusste man, wo man dran war. Sie sagte direkt, was sie dachte oder was ihr auf dem Herzen lag. Sie war spontan und manchmal impulsiv. Missverständnisse und Verletzungen blieben nicht aus. Auch sie selbst wurde bei verschiedenen Gelegenheiten von anderen nicht verstanden oder verletzt. Dabei war sie nicht nachtragend und sprach immer wieder davon, dass sie an das Gute in jedem Menschen glaube – trotz allem. Sr. Veronika war ein Mensch aus Fleisch und Blut – alles andere als vollkommen und dadurch sehr sympathisch.

Eine moderne Märtyrerin?

Im St. Bakhita Health Centre stand Sr. Veronika den Menschen zur Seite.

SSpS

Die Erstevangelisierung ist in allen Kulturen und zu allen Zeiten begleitet vom Blutzeugnis einiger Gläubiger. Manchmal sind es außergewöhnliche Situationen, die Blutzeugen hervorbringen. Heute ist das Martyrium oft auch die Folge einer konsequenten Haltung in einer alltäglichen Situation. Es ist Folge einer Entschiedenheit ohne Reserven. Sr. Veronika hat sich mit aller Entschiedenheit für die Menschen im Südsudan eingesetzt. Sie hat Kranken beigestanden und eine hochschwangere Frau in einer medizinisch komplizierten Situation in einer Ambulanz in ein benachbartes Krankenhaus gebracht, um das Leben der Frau und des Kindes zu retten.

Märtyrer haben immer eine Botschaft für Kirche und Menschheit. Wir wissen nicht, wie es sich genau zugetragen hat – warum Regierungssoldaten eine Ambulanz anhalten, schießen und eine Ärztin so verwunden, dass sie einige Tage später daran stirbt. Eines ist sicher: Es ist ein Unrecht und eine unsinnige Gewalt! Wer wird die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen? Hat die Regierung ein Interesse, den Vorfall aufzuklären? Wir haben Zweifel. Sr. Veronikas Botschaft ist eindeutig und klar: Stoppt diese unsinnige Gewalt, die nicht nur an mir geschehen ist, sondern die tagaus tagein an Kindern, Frauen und Männern im Südsudan und in vielen anderen Teilen unserer Erde geschieht.

Papst Franziskus bezeichnet in einem Gebet für verfolgte Christen die christlichen Opfer von Terror und Vertreibung als „Märtyrer von heute“. Er ruft die Welt auf, nicht schweigend zuzusehen oder gar wegzusehen.

„Wie viele Stephanus gibt es in diesen Tagen in der Welt! Denken wir an unsere an einem libyschen Strand niedergemetzelten Brüder, denken wir an den Jungen, der (in Pakistan, Anm. d. Red.) angezündet wurde, weil er Christ war, und denken wir an die Migranten, die von anderen auf hoher See ins Meer geworfen wurden, weil sie Christen waren! Denken wir an die vielen anderen Menschen, die wir nicht kennen und die in Gefängnissen leiden, weil sie Christen sind! Unsere Kirche ist heute eine Kirche der Märtyrer: Diese Menschen leiden und geben ihr Leben, und wir erhalten Gottes Segen durch ihr Zeugnis.“

Der Tod von Sr. Veronika und die Nachrichten aus dem Südsudan machen uns besorgt. Sr. Veronika ist nur eine von vielen. Kinder, Frauen und Männer leben in großer Unsicherheit und werden häufig Opfer von Gewalt. Menschen sind auf der Flucht. Viele müssen ihre Dörfer verlassen. Sie wandern von einem Ort zum anderen, leben zum Teil in unmenschlichen Bedingungen. 4,8 Millionen Menschen im Südsudan – das ist jeder zweite Einwohner – sind in den nächsten Monaten von einer akuten Hungersnot bedroht. Aufgrund der unsicheren Situation haben viele Hilfsorganisationen das Land verlassen.

Sr. Veronika entschied sich zum Bleiben! Sie ist an der Seite ihres geliebten Volkes gestorben. Möge ihr Tod nicht vergebens sein und mögen wir nicht einfach schweigend zuschauen oder wegsehen.

Von Sr. Miriam Altenhofen SSpS

© weltkirche.katholisch.de

Sr. Veronica Rackova

Sr. Veronika wurde am 8. Januar 1958 in der Slowakei geboren. 1987 legte sie ihre ersten Gelübde in der Missionskongregation der Dienerinnen des Heiligen Geistes ab und feierte ihre ewige Profess im Jahr 1994. Als Ärztin spezialisierte sie sich auf Tropenkrankheiten und arbeitete als Missionarin in Ghana. Von 2004 bis 2010 war sie die Provinzleiterin der slowakischen Provinz. Nach ihrer Amtszeit erhielt sie im Jahr 2010 die Bestimmung für Yei im Südsudan und war die Pionierin der dortigen Mission der Steyler Missionarinnen. Von 2010 bis zu ihrem Tod im Jahr 2016 hatte sie verschiedene Funktionen inne, z. B. als SSpS Leiterin der Gemeinschaft und als Ärztin und Direktorin des St. Bakhita Gesundheitszentrums in Yei.

Quelle: Steyler Missionarinnen

Zur Autorin

Sr. Miriam Altenhofen wurde 1961 in Merzkirchen im Bistum Trier geboren. Sie ist in der Generalleitung der Steyler Missionsschwestern in Rom tätig. Zuvor war sie lange Jahre Leiterin der deutschen Provinz der Steyler Missionarinnen. Sie war aktiv im Vorstand der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) und des Deutschen Katholischen Missionsrates (DKMR) tätig, aus dem die Konferenz Weltkirche hervorgegangen ist.