Stimme der Ureinwohner Amerikas

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  • Geschichte - 18.07.2016

In diesem Reich ging die Sonne nicht unter: Spanien hatte sich in den drei Generationen nach Entdeckung der Neuen Welt seit 1492 ein Imperium erschaffen – mit Besitzungen, die vom Südwesten der heutigen USA bis zu den Philippinen reichten. Doch das Weltreich basierte auf Sklaverei, Ausrottung und Menschenverachtung, der vor allem die Einwohner dieser Neuen Welt im Westen des Horizontes zum Opfer fielen.

Aber Spanien brachte mit Bartolome de Las Casas auch eine Stimme hervor, die sich mit kraftvollen Worten gegen dieses horrende Unrecht zur Wehr setzte. Vor 450 Jahren, am 18. Juli 1566, verstummte diese Stimme nur scheinbar - der Bischof lebt in seinen Schriften weiter und gilt bis zum heutigen Tag als ein Mahner für mehr Menschlichkeit.

In einer kleinen klosterähnlichen Zelle im Madrider Stadtteil Atocha schloss der Dominikaner seine Augen für immer. Diese Augen hatten unendlich viel gesehen - vor allem viel Gewalt und Unmenschlichkeit. Seine Grabstätte ist unbekannt; vielleicht befand sie sich in Atocha, das durch den Terroranschlag auf den Madrider Bahnhof 2004 traurige Berühmtheit erlangte.

Abscheu vor manchen seiner Glaubensbrüder

Terror und Schrecken hatte auch Las Casas reichlich gesehen oder von Augenzeugen berichtet bekommen: Niederbrennen von Dörfern, Massenverbrennungen von gleichzeitig 20 oder mehr an Stricken aufgeknüpften Indianern, Zerschlagen der Schädel von Kleinkindern. Nicht selten stand in Sichtweite der Massaker und der Versklavung derer, die nicht Feuer und Schwert zum Opfer gefallen waren, ein Geistlicher, der mit erhobenem Kruzifix und unter Absingen von Psalmen das Werk der Konquistadoren gegenüber den „Heiden“, den „Wilden“ unter den vermeintlichen Segen Gottes stellte.

Las Casas verzeichnete es mit Grauen und einer Abscheu vor manchen seiner Glaubensbrüder: „Die Christen drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf und hieben alles in Stücke, nicht anders, als überfielen sie eine Reihe Schafe...“

Papst Franziskus in Mexiko: In San Cristobal de Las Casas verurteilte er im Februar 2016 die Ausbeutung und Versklavung der Indianer von einst und die Not vieler indigener Menschen von heute.

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Bartolome de las Casas wurde 1484 in Sevilla geboren und ging als junger Mann in die gerade für die Europäer entdeckte Neue Welt. Im Gegensatz zu den Konquistadoren strebte er nicht nach Ruhm, Land und Gold, sondern nach Bekehrung der neuen Untertanen Kaiser Karls V. Was der Ordensmann in Kuba und in Mexiko erlebte, schockierte ihn tief.

Die Indigenen wurden von den spanischen Herren versklavt und unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit in Bergwerke geschickt, wo sie nach dem von den Eroberern so begehrten Gold und Silber suchen mussten – oder sie wurden kurzerhand in großer Zahl umgebracht.

Las Casas wirkte mehr als 30 Jahre in den spanischen Kolonien in Mittelamerika und war von 1544 bis 1546 Bischof von Chiapas. Konflikte mit den Siedlern und den staatlichen Autoritäten gehörten für ihn, der mit der Kraft seiner Feder und mit aktiver Tat gegen die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung und ihrer Kultur vorging, zur Tagesordnung.

Unterstützung von Papst Paul III.

Las Casas kehrte 1547 nach Spanien zurück und kämpfte weiter unermüdlich für eine menschliche Haltung gegenüber den Indianern. In Valladolid lieferte er sich ein aufsehenerregendes öffentliches Streitgespräch mit dem angesehenen Gelehrten Juan Gines de Sepulveda, einem Befürworter der Versklavung der Ureinwohner. Unterstützung fand Las Casas bei Papst Paul III., der 1540 seine Bulle „Über die Menschenwürde der Indios“ herausgab. Er verfasste Werke, die über seinen Tod vor 450 Jahren hinaus wirkten.

Las Casas' Bericht über die von den Eroberern begangenen Verbrechen erschien 1790 erstmals auf Deutsch: „Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder“. Seinen Namen trägt heute sein ehemaliger Bischofssitz, eine Stadt in Mexiko mit primär indigener Bevölkerung: San Cristobal de Las Casas. Hier verurteilte im Februar 2016 Papst Franziskus die Ausbeutung und Versklavung der Indianer von einst und die Not vieler indigener Menschen von heute: jener erste Papst aus Lateinamerika – und aus dem einstigen Reich, in dem die Sonne nicht unterging.

Von Ronald Gerste (KNA)

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