Telefa – Die entführten Bräute Äthiopiens

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  • Frauen - 11.05.2016

Es ist Tradition, unsere Frauen zu entführen!“, so rechtfertigt ein Dorfbewohner die Entführung eines erst 14-jährigen äthiopischen Mädchens durch ein anderes Stammesmitglied, um diese zu seiner Ehefrau zu machen. Es ist eine der Schlüsselszenen aus dem 2014 erschienenen Film „Das Mädchen Hirut“ (Originaltitel „Difret“), welcher auf einer wahren Begebenheit beruht. Der Film thematisiert die alte äthiopische Tradition der „Telefa“, des Brautraubs.

Die Protagonistin Hirut wird von einem Mann entführt und vergewaltigt, kann kurzfristig entkommen, bevor dieser sie wieder einfängt. Aus Notwehr erschießt das Mädchen ihn und wird festgenommen. Sie wird des Mordes bezichtigt und soll nun selbst zum Tode verurteilt werden. Der Film schildert den Kampf gegen überkommene Traditionen. Schließlich wird Hiruts Unschuld anerkannt. Sie wird von ihrer Tat freigesprochen.

Von klein auf haben Mädchen in Äthiopien schlechtere Chancen. Das traditionelle Rollenbild führt sie häufig in die soziale Abhängigkeit.

Rahel-Projekt

Äthiopien gehört noch immer zu einem der ärmsten Länder der Welt; belegt es doch nur Rang 174 auf der Liste des Human Development Index von 2015. Besonders von Armut betroffen sind dabei die Frauen Äthiopiens, die zu 85 Prozent auf dem Land leben. Die jungen Mädchen werden in ein traditionelles Familiensystem mit klarer Rollenzuschreibung hineingeboren. Zu ihren Pflichten gehören harte körperliche Arbeit und das Assistieren der Mutter im Haushalt. Die Jungen besuchen währenddessen die Schule – insofern es die finanzielle Situation erlaubt.

Eine grausame Tradition

Eine der größten Hürden für die Gleichstellung von Mann und Frau ist das Phänomen des Brautraubs. Mittellose Männer, die den Brautpreis nicht zahlen können, entführen junge Mädchen und missbrauchen diese sexuell. Durch den gewaltsamen Übergriff werden die Mädchen ihrer Jungfräulichkeit beraubt, nicht selten kommt es dadurch zu ungewollten Schwangerschaften. Die Opfer gelten nach der Tat als beschmutzt und unrein. Sie werden von der Gesellschaft stigmatisiert. Bedingt durch den sozialen Druck stimmen die Eltern einer Zwangsehe zwischen Tochter und Peiniger meist zu. Einer Statistik von UNICEF zufolge sind es noch immer 41 Prozent der Mädchen, die vor ihrem 18. Lebensjahr auf diese Weise verheiratet werden, obwohl bereits 2001 ein Gesetz verabschiedet wurde, das das Mindestheiratsalter von Äthiopierinnen von 15 auf 18 Jahre anhob.

Das Rahel-Projekt am Institut für Weltkirche und Mission in Frankfurt ermöglicht jungen Menschen in Äthiopien einen Zugang zu Studium und Bildung.

Rahel-Projekt

Durch den atemberaubenden „Fall Hirut“ (der Name des Mädchens wurde im Film abgeändert) wurde das gesetzliche Verbot der „Telefa“, also der Entführung zum Zweck der Verheiratung, eingeführt – ein großer Erfolg und ein wichtiger Schritt in der politischen Geschichte Äthiopiens. Die Telefa kann seitdem mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden. Die tatsächliche Umsetzung des Gesetzes ist leider noch immer mangelhaft. Vor allem auf dem Land wird den traditionellen Riten eher Folge geleistet als den eigentlichen Gesetzen.

Besonders schlimm trifft es dabei diejenigen Mädchen, die zwar von der Familie freigekauft, aber aufgrund ihrer „Befleckung“ keinen Ehemann finden können. Sie fallen der Armut anheim, die sie zur Prostitution zwingt, wodurch wiederrum die HIV-Infizierungsrate weiter ansteigt.

Wege aus dem Teufelskreis

Wie lässt sich dieser Teufelskreislauf durchbrechen? Ein wichtiger Ansatz ist zweifelsfrei der gleichberechtigte Zugang zu Bildung. Ich selbst bin Mitglied einer Studierendeninitiative meiner Hochschule, die jungen Menschen in Äthiopien mithilfe von Spendengeldern ein Studium an den Universitäten des Landes finanziert. Benannt ist dieses Projekt nach dem ersten Mädchen, das wir förderten: Rahel Hailay. Das Rahel-Projekt entstand 2010 auf Anreiz des damaligen Leiters des Instituts für Weltkirche und Mission in Frankfurt am Main, der Rahel während einer Forschungsreise in Addis Abeba persönlich kennenlernte.

„Es ist ein seltsames, gleichzeitig aber auch unglaublich tolles Gefühl, dass ein Projekt nach mir benannt ist“, sagt Rahel Hailey, hier mit ihrer Großmutter im Bild.

Rahel-Projekt

Als Aids-Waise war es ihr nicht möglich gewesen, die Studiengebühren sowie die Unterkunft selbst aufzubringen. Durch unsere Initiative hat Rahel mittlerweile ihren Master in Biologie und Zoologie mit Bestnoten abgeschlossen und gilt damit als Vorbild für unsere momentan 39 weiteren Stipendiatinnen und Stipendiaten.

Im Sommer 2014 durfte ich nach Äthiopien reisen und unsere Stipendiaten treffen. Von anderen Mitgliedern, die Rahel bereits zuvor besucht hatten, wusste ich, dass sie ein schüchternes Mädchen war, das kaum Englisch sprach. Ich staunte daher ungemein, als mir nun eine junge Frau entgegentrat, die ihre Meinungen und Gedanken in klarem Englisch und äußerst selbstbewusst formulierte. Ich bin stolz und glücklich, diese enorme persönliche Entwicklung unserer Stipendiaten mitverfolgen zu dürfen. Sie reifen immer mehr zu verantwortungsbewussten, aufgeklärten Erwachsenen heran, die einmal ein selbstbestimmtes Leben führen und an der Gestaltung ihrer Gesellschaft teilhaben dürfen. Denn wie Rahel selbst sagt: „Ich mag geistige Herausforderung und ich mag es nicht, deprimiert, hungrig oder arm zu sein.“

Von Marita Wagner

© weltkirche.katholisch.de

Rahel-Projekt

Mehr Informationen zum Rahel-Projekt finden Sie auf der Website des Instituts für Weltkirche und Mission und in der kürzlich veröffentlichten Festschrift. Diese können Sie kostenlos anfordern unter: rahel-projekt@iwm.sankt-georgen.de.

www.iwm.sankt-georgen.de

Zur Autorin

Marita Wagner studiert Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Dort ist sie als studentische Hilfskfraft am Institut für Weltkirche und Mission (IWM) tätig.