„Alles tun, damit endlich der Frieden zurückkehrt“

  • Naher Osten - 05.04.2016

Eine Woche lang war der Bamberger katholische Erzbischof Ludwig Schick unterwegs im Nahen Osten. Bei seinen vertraulich vorbereiteten Besuchen in Syrien und im Irak traf der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz nicht nur Vertreter von Politik, Kirche und Caritas, sondern auch zahlreiche Flüchtlinge. Im Bilanzinterview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) berichtet Schick von eindrucksvollen Begegnungen und äußert sich auch zu den aktuellen Rückführungen von Flüchtlingen in die Türkei.

Frage:  Erzbischof Schick, Sie kommen gerade aus Syrien und dem Irak zurück, wo Sie sehr viele Flüchtlinge getroffen haben. Zeitgleich werden jetzt im Rahmen des Türkei-EU-Abkommens erste Flüchtlinge zurückgebracht in die Türkei. Wie bewerten Sie diese Rückführungen?

Schick: Ich finde es verständlich, dass die EU versucht, in der Migrationskrise mehr Ordnung in das Verfahren zu bringen. Wichtig ist dabei aber ein menschlich sensibler und rücksichtsvoller Umgang mit den Flüchtlingen. Viele sind traumatisiert und sehen auch keinen Weg mehr zurück in ihre Heimat. Wenn diese traumatisierten Menschen die Rückführung nicht verstehen, kann sie für sie die Hölle sein und die Traumata weiter verstärken. Recht und Gesetz sind wichtig, aber das Recht auf Menschlichkeit unabdingbar.

Frage:  Was sind die wichtigsten und nachhaltigsten Eindrücke, die Sie von Ihrer Reise nach Syrien und in den Irak mitgebracht haben?

Schick: Was mich so schnell nicht loslassen wird, sind die untragbaren Zustände, in denen die meisten Flüchtlinge dort leben. Ich habe jeden Tag mehrere Flüchtlingsunterkünfte besucht, in denen die Menschen ständig ums Überleben kämpfen müssen. Es ist unvorstellbar, in welchen primitiven Bedingungen sie dort hausen. Dazu kommt noch die Kälte, es gibt kaum Heizungen. Die Kinder können auch nicht zur Schule, und die Erwachsenen haben nichts Sinnvolles zu tun, was ihrem Leben wenigstens etwas Struktur geben könnte.

Erzbischof Schick im Gespräch mit einer christlichen Flüchtlingsfamilie im Lager Shlona in Erbil.

Kopp/DBK

Frage:  Wer hilft den Menschen? Und wie kann man überhaupt helfen?

Schick: Hier muss ich vor allem die Caritas nennen, die mit ihren Partnern vor Ort fast überall präsent ist. Sie organisiert Heizöl und kleine Öfen, Lebensmittel, Hygieneartikel und auch ein Mindestmaß an medizinischer Versorgung. Aber ich habe auch zum Beispiel ein Kind gesehen, das unbedingt eine Operation am Fuß bräuchte, doch es ist niemand da, der das machen kann, und niemand, der es bezahlen könnte.

Frage:  Gerade im Irak setzt sich die Kirche vor Ort sehr stark dafür ein, dass die Christen im Land bleiben und nicht fliehen. Warum ist das wichtig?

Schick: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ohne Christen gäbe es keine Kirchen vor Ort, die überall Hilfe leisten und nicht nur den Christen, sondern auch den Jesiden und anderen Flüchtlingen; ohne sie wäre die Lage noch katastrophaler. Zweitens sind der Irak, Syrien, Jordanien und der Libanon urchristliche Gebiete – sie gehören zur Wiege des Christentums. Diese Gebiete dürfen keine christenfreien Zonen werden, schon gar nicht, weil Terroristen dies so wollen. Und drittens kann sich niemand einen Wiederaufbau dieser Länder vorstellen ohne die Christen; sie werden gebraucht.

Frage:  Inwiefern?

Schick: Beim Wiederaufbau wird es zum einen um das bauliche, technische, wirtschaftliche, politische Knowhow gehen. Aber genauso wichtig sind die Werte, für die die Christen stehen: Frieden, Versöhnung, Vergebung, Gemeinwohlorientierung, Solidarität – und das unabhängig von Ethnie oder Religion.

Frage:  Wie kann die Kirche in Deutschland helfen?

Schick: Zunächst einmal tut sich da schon sehr viel: Die deutsche Caritas ist sehr aktiv, ebenso Misereor, Missio und das Kindermissionswerk, also die Sternsinger, sowie Kirche in Not. Außerdem bitten uns immer wieder Pfarrer um Hilfe, die alles zurücklassen mussten und die sich sehr freuen über einen Kelch oder ein Messgewand, damit sie wieder in würdiger Form Gottesdienst feiern können. Glaube und Gottesdienst sind sehr wichtig für die Christen vor Ort. Sie helfen ihnen, die Hoffnung zu bewahren und die christliche Liebe zu üben.

Erzbischof Schick mit dem jezidischen Stammesführer Jam al-Atrash im irakischen Zakho.

Kopp/DBK

Frage:  Wie realistisch ist es denn, dass sich die Menschen von der Flucht abhalten lassen?

Schick: Das ist unterschiedlich. Ich habe mit Einigen gesprochen, die so enttäuscht und verletzt sind, dass sie nur noch weg wollen nach allem Schrecklichen, was sie erlitten haben. Das muss man auch akzeptieren. Viele aber wollen bleiben, weil sie ihre Heimat nicht aufgeben möchten. Aber sie wissen, dass sie es alleine nicht schaffen werden. Da sind wir gefragt.

Frage:  Sie haben im Norden des Irak auch Menschen getroffen, die der religiösen Minderheit der Jesiden angehören. Wie geht es ihnen?

Schick: Ganz schlecht. Die leiden am allermeisten, gefolgt von den Christen. Die Caritas macht keinen Unterschied und hilft auch ihnen. Den Terroristen des IS ist diese Gruppe ein besonderer Dorn im Auge. Sie haben ihre Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, um ihnen auch nicht die geringste Chance zur Rückkehr zu geben.

Frage:  Nach einer Woche in der Region mit vielen Begegnungen was ist das Wichtigste jetzt?

Schick: Alles zu tun, damit endlich der Frieden zurückkehrt! Die Terrorherrschaft des IS muss beendet werden, und den Flüchtlingen ist mit allen Mitteln zu helfen, damit sie überleben können. Die Politiker müssen dafür sorgen, dass aus dem Waffenstillstand für Syrien echter Frieden wird. Auch der Irak muss befriedet werden. Und dann muss so schnell wie möglich der Wiederaufbau beginnen. Nicht nur die Häuser und die Infrastruktur wie Straßen, Wasser- und Stromversorgung. Besonders wichtig ist der innere Prozess der Versöhnung und Heilung, denn die Gesellschaft ist durch den Krieg auch innerlich zerrissen und gespalten worden. Das wird eine langfristige Aufgabe sein – und dafür sind die Christen mit ihren Humanressourcen ganz wichtig.

Von Gottfried Bohl (KNA)

© KNA

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