Historische Momente in Kolumbien

  • Friedensprozess - 01.04.2016

Gerade einmal sieben Tage liegen in Kolumbien zwischen Ernüchterung und Euphorie: Nach der vorerst verschobenen Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der linksgerichteten Guerilla-Organisation FARC und der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos bringt die Ankündigung direkter Friedensverhandlungen mit der zweitgrößten Rebellengruppe des Landes, der katholisch-marxistisch geprägten ELN, neue Dynamik in den weltweit beachteten Friedensprozess.

Delegationen beider Seiten gaben dazu im venezolanischen Außenministerium in Caracas eine gemeinsame Erklärung ab und unterzeichneten eine Vereinbarung über den Ablauf der Verhandlungen. Anschließend reichten sich die Delegationsleiter Frank Pearl für die Regierung und Guerillero Antonio Garcia für die ELN die Hände.

Santos hatte zuvor via Twitter eine „gute Nachricht“ für den Frieden in Kolumbien angekündigt. Wenig später zog der Präsident allerdings auch eine rote Linie: Es sei nicht möglich, Gespräche voranzutreiben, solange sich noch Geiseln in der Gewalt der ELN befänden. Entführungen und Erpressungen gehörten bislang zu den wichtigsten Einnahmequellen der Rebellen, um ihren Kampf gegen den Staat zu finanzieren. Als Zeichen des guten Willens, so äußerten sich auch Kirchenvertreter, müsse die ELN nun zunächst einmal alle Geiseln freilassen.

Kirche drängt auf Friedensgespräche mit ELN

Vor allem die katholische Kirche Kolumbiens, die zur ELN deutlich bessere Kontakte unterhält als zur FARC, hatte zuletzt immer wieder die Aufnahme von Gesprächen gefordert, um einen nachhaltigen und umfassenden Frieden zu erreichen. „Wir erleben historische Momente in Kolumbien“, sagte der Erzbischof der Millionenmetropole Cali, Dario de Jesus Monsalve, in einer ersten Reaktion. Er gilt als ELN-Experte der Bischofskonferenz, konnte Monsalve in der Vergangenheit doch immer wieder erfolgreich bei Entführungen durch die ELN-Rebellen vermitteln. Weil Monsalve obendrein Sympathien für die politischen Ziele der Guerillagruppe erkennen ließ, nennen ihn manche Journalisten gar den „rebellischen Bischof“.

Auch der südamerikanische Staatenbund UNASUR begrüßte die Aufnahme der Friedensgespräche, die „das Puzzlestück sind, das noch fehlte“, wie es in einer am Mittwoch verbreiteten Stellungnahme hieß. Und der Vorsitzende der kolumbianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Luis Augusto Castro Quiroga aus Tunja, sieht in der Parallelität der Verhandlungen mit der FARC und ELN einen großen Vorteil: „Ein baldiger Friedensschluss mit der FARC ist für die ELN sicher eine große Motivation.“

FARC-Verhandlungen vor erfolgreichem Abschluss

Handwerklich orientieren sich die Friedensgespräche am Muster des Dialogs mit der FARC, der seit mehr als drei Jahren in der kubanischen Hauptstadt läuft und in diesem Jahr erfolgreich abgeschlossen werden soll – auch wenn das zunächst anvisierte Datum (23. März) erst einmal verstrich. Zentrale Aspekte der sechs Eckpunkte umfassenden Agenda sind die Integration der ELN ins politische System Kolumbiens und die Entwaffnung der Guerilla. Als Verhandlungsorte wurden Brasilien, Kuba, Venezuela, Ecuador und Chile ausgewählt. All diese Länder fungieren wie bereits bei den FARC-Verhandlungen als Garantiemächte, zu denen auch Norwegen zählt.

Damit beginnt für die ELN eine neue Phase in ihrer Geschichte. Die Organisation wurde 1964 von Studenten, katholischen Radikalen und linken Intellektuellen aus Protest gegen die Armut der Kleinbauern gegründet. Das Verhältnis von Marxismus und Christentum kommentierte der Befreiungstheologe Camilo Torres mit dem Satz: „Warum sollen wir streiten, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist, wenn wir beide wissen, dass Hunger tödlich ist?“ Torres starb 1966 bei Kämpfen mit Regierungstruppen. Es war nach kolumbianischen Quellen sein erster Kampfeinsatz überhaupt. Inzwischen läuft eine Suche nach den sterblichen Überresten von Torres, der für viele ELN-Kämpfer eine Art Heiliger geworden ist.

Von Tobias Käufer (KNA)

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