Warten auf den ersten indigenen Bischof

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  • Mexiko - 10.02.2016

Auf der provisorischen Leinwand sind Diabilder von Wildtieren zu sehen. Die Moderatorin auf dem Marktplatz im mexikanischen Ort Cheran im Bundesstaat Michoacan ruft dazu die passenden Tiernamen in indigener Sprache ins Publikum. Das besteht vorwiegend aus Vorschulkindern und Greisen, letztere mit Gehstock und Hut. Die Aktion soll verhindern, dass die Bewohner des Dorfes ihre ursprüngliche Sprache vergessen. Es ist eine von vielen Initiativen, die zeigen, dass Mexikos indigene Völker um ihre Identität und ihr Erbe kämpfen. Doch meist werden sie dabei alleingelassen.

„Wir müssen die indigene Kultur endlich auch in unseren Herzen und Köpfen akzeptieren. Sie muss endlich ein Teil unserer Gesellschaft werden“, sagt Bischof Felipe Arizmendi Esquivel aus San Cristobal de las Casas im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er selbst hat keine indigenen Wurzeln, stammt jedoch aus armen Verhältnissen. Als Sohn einfacher Campesinos fühle er sich seinen indigenen Brüdern und Schwestern verpflichtet, sagt er.

Bischof Felipe Arizmendi Esquivel aus San Cristobal de las Casas sieht im Besuch von Papst Franziskus vor allem ein klares Zeichen der Unterstützung für die indigene Bevölkerung Mexikos.

Simaitis/Adveniat

Der Nachfolger des „Bischofs der Indigenen“, Samuel Ruiz (1924–2011), dessen Grab Papst Franziskus während seiner Mexiko-Reise (12. bis 18. Februar) besuchen wird, gilt als einer der wichtigsten Fürsprecher für indigene Anliegen innerhalb der katholischen Kirche Mexikos. Bislang seien die Rechte der Indigenen zwar in den Gesetzen niedergeschrieben, aber in der Realität nicht umgesetzt worden. In seiner Diözese gebe es sogar immer noch Menschen, die ein Treffen von Papst Franziskus mit den Indigenen gerne verhindert hätten, berichtet Arizmendi. Franziskus seinerseits setzt ein Zeichen, indem er Gewänder mit indigenen Elementen tragen und die indigene Sprache in den Gottesdienst integrieren wird.

Unterdrückung langsam aufgebrochen

Ein Großteil der indigenen Völker wertet den Besuch des Papstes als Zeichen für die Unterstützung ihres Kampfes um die Wiederherstellung ihrer Rechte. „Es geht dabei um die Menschenrechte, die sozialen, politischen, kulturellen und religiösen Rechte der Indigenen“, sagt Padre Eleazar Lopez Hernandez vom Nationalen Hilfszentrum für Indigene Missionsarbeit (CENAMI), das vom deutschen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Die Unterdrückung indigener Rechte werde langsam aufgebrochen, sagt Lopez: „Ich glaube, dass die mexikanische Gesellschaft in kleinen Schritten die große Bedeutung ihrer indigenen Wurzeln erkennt. Dazu gehören zum Beispiel der Reichtum an Ideen, an Kunst und Werten“, sagt Lopez.

Wie groß die Wut der indigenen Völker auf die mexikanische Gesellschaft, aber auch auf die katholische Kirche ist, machte zuletzt ein offener Brief von 30 indigenen Gruppen in Michoacan an Papst Franziskus deutlich. Darin machten die Unterzeichner die Kirche mitverantwortlich für den brutalen Völkermord an der indigenen Bevölkerung. Diese sei in der Zeit zwischen 1518 und 1623 von rund 25 Millionen auf unter 700.000 geschrumpft. Die Bibel habe damals als ideologische Waffe gedient, um die Eroberung zu rechtfertigen, heißt es in dem Schreiben. Papst Franziskus müsse sich dafür öffentlich entschuldigen. Dass sich der Papst tatsächlich für die Rolle der Kirche bei der Eroberung Mexikos entschuldigen wird, gilt als wahrscheinlich. Ähnliches hat er bereits bei seiner jüngsten Südamerika-Reise nach Bolivien getan.

Hoffen auf einen indigenen Bischof

Auch innerhalb der katholischen Kirche in Mexiko werden unterdessen Stimmen laut, die einen Bischof indigener Herkunft fordern. Dies könne ein Signal dafür sein, dass die indigenen Gläubigen angemessen vertreten werden – so wie es in Bolivien bereits der Fall sei, heißt es.

Bischof Arizmendi ist zuversichtlich, dass es in nicht allzu ferner Zukunft dazu kommen wird. „Wir haben zahlreiche indigene Priester in unseren Reihen, die für eine solche Aufgabe geeignet wären“, so der Bischof von San Cristobal. „Dazu müssen die entsprechenden Kandidaten aber auch ein wirkliches indigenes Herz haben und nicht nur die Wurzeln. Das sind wir der indigenen Bevölkerung, aber auch uns selbst als Kirche schuldig.“

Von Tobias Käufer (KNA)

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Adveniat: Andere Formen priesterlichen Lebens als denkbar diskutieren

Papst Franziskus ist offen dafür, dass Kulturen mitentscheiden, welche Lebensform von Priestern bei ihnen vorherrschen soll. Davon zeigte sich der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Bernd Klaschka, im WDR-Interview überzeugt. „Ob und bis es zu einer endgültigen für die gesamte Weltkirche gültigen Regelung kommen wird, da sind noch viele dicke Bretter zu bohren.“

Wenn Papst Franziskus bei seiner Mexiko-Reise vom 12. bis zum 18. Februar am Grab des früheren Bischofs von San Cristobal de Las Casas, Samuel Ruiz, beten wird, setze er jedoch ein klares Zeichen für dessen in Rom lange Zeit umstrittene pastorale Arbeit. Samuel Ruiz leitete das Bistum von 1959 bis 2000. Da für die ursprünglichen Völker seines Bistums ehelos lebende Priester kulturell nur schwer vorstellbar waren, weihte er viele indigene, verheiratete Männer zu Diakonen. Als deren Zahl die der Priester massiv überstieg, untersagte Rom ihm, weitere Diakone zu weihen. Dass Papst Franziskus dieses Verbot aufhob und nun am Grab von Samuel Ruiz beten wird, betrachtet Adveniat-Hauptgeschäftsführer Klaschka als ermutigendes Zeichen, dieses Thema weltweit weiterzuverfolgen. Die Kirche sei dabei in der Vergangenheit zu wenig dialogbereit gewesen. Hier werden nun unter Papst Franziskus Veränderungen sichtbar: Denn „andere Formen priesterlichen Lebens als denkbar in die Diskussion einzubringen, ist eine Öffnung.“

Samuel Ruiz wollte das Evangelium in den verschiedenen Kulturen der indigenen Gruppen im Bundesstaat Chiapas beheimaten. Im Einklang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sah er im Diakonat einen Weg, das Evangelium diesen Kulturen entsprechend zu verkünden. Auch für Papst Franziskus hat es Klaschka zufolge absolute Priorität, dass der Geist des Evangeliums in den verschiedenen Kulturen und Gesellschaften lebendig ist und bleibt. Samuel Ruiz sei bei seinen Bemühungen, das Evangelium bei den Indigenen zu verwurzeln, durchaus bewusst gewesen, dass die von ihm geweihten Diakone keinen Zugang zum Priesteramt haben. Deshalb wollte er „eine diakonale Kirche aufbauen, die von verheirateten Männern gestaltet und auch mitgeleitet wird – unter der Verantwortung des Ortsbischofs“, erläuterte Klaschka.

Im Jahr 2000 gab es in der Diözese San Cristobal de Las Casas fast 400 verheiratete Diakone, aber nur 66 (ehelos lebende) Priester. „Rom hat diese Zahlenverteilung kritisch gesehen“, so Prälat Klaschka. Und da der verpflichtende Zölibat in der bis heute stark europäisch geprägten Kirche eine große Rolle spielt, sei es dann zum Konflikt gekommen.

Der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks, Bernd Klaschka, hat insgesamt 15 Jahre in Mexiko gelebt. Er wird während des Papstbesuchs in Mexiko sein und Franziskus auf dessen Stationen in einer Delegation der mexikanischen Bischofskonferenz begleiten.

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