Balkanstaaten sind nicht automatisch „sichere Herkunftsländer“

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  • Blutrache - 24.09.2015

Zügig treten Schwester Christina und Schwester Michaela in das Haus von Adnans Familie ein. Möglichst schnell soll sich die Tür, jene Schranke zur feindlich gesinnten Außenwelt, wieder schließen. Es ist August 2014, und der 18-jährige Adnan, seine beiden Schwestern, die Eltern - ja die ganze Sippe lebt in Blutrache. Ein Bote aus dem gegnerischen Clan hat ihnen die Nachricht übermittelt, dass Adnan, die Zukunft der Familie, zum Opfer auserkoren wurde. Sobald er das kleine Haus im Zentrum von Shkodre verlässt, läuft er Gefahr, niedergestreckt zu werden.

Adnans Mutter fällt den Besucherinnen herzlich um den Hals, sie ringt mit der Fassung. Dann serviert sie Kaffee und Orangensaft. Es scheint sie zu beschämen, dass dies Getränke sind, die ihre Gäste bei früheren Besuchen selbst mitgebracht hatten. Doch die Wiedersehensfreude überwiegt. Schließlich sind die 57-jährige Deutsche Maria Christina Färber und die 51-jährige Schweizerin Michaela für Mri die wichtigsten Verbündeten bei dem Versuch, ihrer Familie ein Stück Zukunft zu sichern.

Christina, eine gelernte Krankenschwester, und die frühere Buchhalterin Michaela leben in Shkodre, der größten Stadt im nördlichen Albanien, in einem kleinen Kloster mit Spital des Ordens der Spirituellen Weggemeinschaft. Sie kümmern sich um Kranke und Verfolgte. Denn nicht nur Korruption bei Behörden, Polizei und Justiz, Missstände im Bildungs- und Gesundheitswesen und Gewalt gegen Frauen sind drängende Probleme in Albanien.

Jahrhundertealte Tradition: Blutrache

Die Nonnen müssen auch gegen eine jahrhundertealte Tradition ankämpfen: Viele Angehörige der katholischen Minderheit im muslimisch dominierten Albanien setzen auf den Kanun, einen archaischen Verhaltenskodex, der auch Fragen der Rache regelt. Nach einer Studie des Päpstlichen Rats Justitia et Pax wurden allein zwischen 2006 und 2008 im nördlichen Albanien 45 Morde aufgrund von Blutrache verübt.

Adnan erinnert sich noch an jenen unbeschwerten Tag im Jahr 2007, als ihm beim Fußballspielen die furchtbare Nachricht überbracht wurde: Sein Onkel hatte einen Mann umgebracht. Adnan erzählt, wie ihm sofort klar gewesen sei, dass seine unbeschwerte Jugend schlagartig zu Ende sein würde. Der Täter kam zwar ins Gefängnis, wurde aber nach sechs Jahren entlassen und floh - wie fast der gesamte Clan - ins Ausland.

Im September 2014 besuchte Papst Franziskus Albanien. Damals kritisierte er unter anderem die Tradition der Blutrache.

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Gemäß der Tradition bestimmten die Angehörigen des Getöteten ein neues Racheopfer. Der verfeindete Clan, aber auch traditionell eingestellte Verwandte Adnans erwarteten von ihm, „Blut zu geben“. Die Familie verschanzte sich, floh schließlich nach Schweden und beantragte Asyl. Die Ordensfrauen bestätigten die Bedrohungssituation, schrieben gar Königin Silvia an. Doch der Asylantrag wurde mangels glaubhafter Beweise abgelehnt. „Die Königin schrieb uns, das Schicksal gehe ihr zwar zu Herzen, aber sie habe keinerlei Einfluss“, berichtet Schwester Christina.

Zurück in Albanien, besorgten die Schwestern der nun mittellosen Familie eine kleine Wohnung. Adnans Vater berichtet, wie er nach einiger Zeit verzweifelt auf die Straße ging, sich dem feindlichen Clan als Opfer anbot: „Ich habe ihnen gezeigt: Hier bin ich, nehmt mich! Doch sie wollen junges Blut fließen sehen.“ Adnan selbst seufzt: „Es ist schrecklich, ich kann nichts dagegen tun.“

Nur „politisch Verfolgte genießen Asylrecht“

Es ist August 2015, als die Familie aufatmen kann: Die vage Aussicht auf ein Studienstipendium in einem Nicht-EU-Staat erfüllt sich. Adnan darf sein Traumstudium der Medizin beginnen, er verlässt die Familie. Bis zuletzt bangt Schwester Christina, dass jemand etwas von der Ausreise mitbekommt und Adnan erschossen wird, doch „Dank sei Gott, es hat geklappt“, freut sich die Ordensfrau. Wie in Schweden, so hätte Adnans Familie auch in Deutschland kaum Asyl erhalten - nur „politisch Verfolgte genießen Asylrecht“, wie das Grundgesetz bestimmt.

Adnan hingegen ist ein Verfolgter, dem die Politik nicht helfen kann. Potenzielle Opfer von Blutrache werden in Albanien nicht geschützt, wie Projektreferentin Monika Kleck vom katholischen Ost- und Mitteleuropa-Hilfswerk Renovabis bestätigt: „Erst nach der Tat wird der Täter vor Gericht gestellt und verurteilt - auch das nur manchmal.“ Sie stellt klar: „Es gibt auf dem Balkan existenzielle Bedrohungen und systematische Diskriminierungen, die bei genauer Betrachtung als Asylgrund ausreichen würden.“

Von Michael Merten (KNA)

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