Für ein anderes Afrika

  • Südsudan

Dieses Afrika ist ganz anders als ich es von früher her kenne“ – der Comboni-Missionar Hans Eigner sagt dies. Zum dritten Mal ist er jetzt in Afrika, im Südsudan; drei Jahrzehnte missionarischer Arbeit in Afrika überblickt er. Als Brudermissionar hat er seinen Schwerpunkt in der Entwicklungsarbeit. Die „jugendliche, positive Sichtweise“, mit der er Afrika und seine Menschen früher gesehen habe, falle ihm heute schwerer, er müsse tiefer in seinem Glauben bohren, um Afrika weiter in Liebe zu umarmen. Doch sei seine Überzeugung, dass Christus die Antwort für jeden Menschen sei, sei gewachsen. Dies in einer fremden Kultur in die Praxis zu übersetzen sei nicht leicht.

Aber gerade mit den einfachen Leuten sei es möglich, Christus als Erfahrung eines guten, eines gelingenden Lebens in mühevoller Kleinarbeit zu buchstabieren. Und es mache Freude. Eine konkrete Antwort der Kirche auf die Not des Südsudan, eine Initiative, um dem vielfach beschädigten Leben gutes Leben entgegen zu setzen, ist das „Kit Center“, genauer: das „Zentrum für menschliche, pastorale und geistliche Bildung, Friedensarbeit und Traumabehandlung“ für Südsudanesen und kirchliches Personal in Kit nahe Juba.

Eine „Kultur des Überlebens“

„Was war das doch für eine Freude, als am 9. Januar 2011 ein Referendum die Unabhängigkeit des Südsudan vom verfeindeten Norden Sudans einleitete, die ein halbes Jahr später zur Teilung des Landes führte!“, schreibt Br. Hans Eigner. Aber das jüngste Land Afrikas, der 54. Staat auf dem afrikanischen Kontinent, ist nach so kurzer Zeit schon wieder mitten im Bürgerkrieg.“ Die heutige Situation sei im Gegensatz zu früher viel härter, angespannter und perspektivloser. Die militarisierte Kultur färbt auf alle Lebensbereiche ab. Rechtssicherheit und einen Sinn für das Gemeinwohl gibt es kaum. […] Auch wird nur zwischen Freund und Feind unterschieden. Dialog, objektive Diskussion und ehrliche Auseinandersetzung um der Sache Willen gibt es hier kaum.

Bruder Hans Eigner (links) lebt seit Anfang 2014 im Südsudan. Zusammen mit seinen einheimischen Partnern bemüht er sich um Wege einer aktiven Friedensarbeit.

Br. Hans Eigner MCCI

Es ist kein Wunder, dass sich in so einer Situation eine „Kultur des Überlebens“ entwickelt hat. Jeder kämpft sich irgendwie durch. Der Raubbau an der Natur und deren Verschmutzung ist offensichtlich, auch wenn sie fast unerschöpflich erscheint. Ganz im Sinne des Überlebens gilt das Gesetz „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn“. Ob vor allem dieser Grundsatz die verschiedenen Völker erhalten hat? Wenn ein Stamm nicht mehr in der Lage war, sich zu rächen, dann war er schwach und dem Untergang geweiht. Rache wird zu einem eigenen Wert.

Juba, die Hauptstadt, ist ein Eldorado und in der Hand von Ausländern – aus den Nachbarländern und aus Asien. Es wird gekauft und verkauft. Niemand produziert, aber Geld ist offensichtlich da. Der Volksstamm an der Macht sahnt durch Korruption ab. China überschwemmt mit Billigware den Markt und profitiert von den Ressourcen des Landes. Unzählige NGOs mit tollen Slogans setzen sich geschäftig für die Menschen ein, kaum einer arbeitet mit ihnen und fordert sie im positiven Sinn heraus. Ein modernistischer Lebensstil bestimmt auf den ersten Blick das Bild der Stadt, die gestern noch ein Dorf war. Die meisten Menschen jedoch leben weit unter der Armutsgrenze. Und nur wenige Meter nach der Stadtgrenze ist man in einer Welt, die vor 500 Jahren wohl nicht viel anders war.

Die Rolle der Kirche

Die Menschen sind grundsätzlich religiös. Dennoch scheint der Glaube im Lebensvollzug kaum zu wirken. Die Botschaft eines Gottes, der selbst die Feindesliebe fordert, klingt wie von einem anderen Stern. Aber nur so ist die Kette von Feindschaft und Hass langsam zu durchbrechen. Die Kirche, die früher im Nord-Süd-Konflikt wegen ihrer karitativen Hilfe und ihrer Wertevermittlung eine entscheidende Rolle gespielt hatte, ist jetzt leider nicht mehr so sehr der Ort einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Problemen der Menschen. Auch ist sie in den ethnischen Konflikten gefangen. Gewiss – in den Gottesdiensten wird gesungen und getanzt, aber ist noch Tiefgang da?

„Die Botschaft eines Gottes, der selbst die Feindesliebe fordert, klingt wie von einem anderen Stern. Aber nur so ist die Kette von Feindschaft und Hass langsam zu durchbrechen.“

— Bruder Hans Eigner

Aktive Friedensarbeit und Hilfe bei der Bearbeitung der Traumata

Wege zu einem guten Leben bedeuten hier: aktive Friedensarbeit und Hilfe bei der Bearbeitung von Traumata. Sie sind so wichtig wie die humanitäre Hilfe. Die Missionare im Südsudan haben sich dies zum Ziel gesetzt. Es muss bei der Ortskirche beginnen und in die Gesellschaft hineinwirken. Niemand anders als die Kirchen – trotz allem – können den zerstrittenen Völkern einen Kommunikationsraum bieten, in dem Auseinandersetzung, Unterschiede und Interessen ehrlich ausgetragen werden. Dazu kommt die Bildung, die eine neue Generation hervorbringt und diese befähigt, Verantwortung zu übernehmen.

Laut der Hilfsorganisation Care sind im Südsudan über 800.000 Kinder auf der Flucht. Rund 13.000 Kinder und Jugendliche wurden bereits als Kindersoldaten zwangsrekrutiert.

Br. Hans Eigner MCCI

Ein Baustein zu dieser Aufbauarbeit ist das „Zentrum für menschliche, pastorale und geistliche Bildung, Friedensarbeit und Traumabehandlung“ in Kit in der Nähe von Juba. Im Oktober 2014 wurde in Anwesenheit von drei Bischöfen, dem Vertreter der Europäischen Union und örtlichen Autoritäten das Gelände gesegnet, auf dem es entstehen wird. Zu den Angeboten des Zentrums sollen einmal gehören: Workshops zur Friedensarbeit, Trauma-Beratungs-Seminare, Workshops und Seminare zur Förderung einer ganzheitlichen Humanbildung, Selbsterkenntnis und eines interethnischen Dialogs, Menschenrechte-Workshops, geistliche Bildung, Seminare zur Umsetzung in der Seelsorge und anderes mehr.

Wie die „Kit Center News“ Nr. 1 der Ordensoberenvereinigung Südsudans berichten, haben die Jesuiten zugesagt, die Gestaltung der inhaltlichen Angebote zu übernehmen und dabei den Fokus besonders auf Friedensarbeit, Traumabehandlung, soziales Lernen und geistliche Bildung zu legen. Weiter prüft der Jesuitenorden, die gesamte inhaltliche und administrative  Leitung zu übernehmen.

Das letzte Wort hat die Hoffnung

Bruder Hans Eigner ist ein Realist. Aber seine Grundbotschaft lautet Hoffnung: „Mich trägt die Hoffnung, dass Kirche und Mission das Miteinander im Südsudan neu formen, menschlicher machen und Frieden schaffen. Ich bin froh, mit dem Bau eines Zentrums für Jugend- und Friedensarbeit beitragen zu können. Jugendliche sagen mir oft: ‚Wir wollen nicht weitermachen wie unsere Väter, für die im Krieg zu leben fast eine Lebensform geworden ist.’ Das soll und kann anders werden.“

Von Hans Eigner MCCI und Thomas Broch (Diözese Rottenburg-Stuttgart)

 

Dieser Beitrag gibt die Situation wieder, wie sie bei Redaktionsschluss der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Geteilte Mantel“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart bestanden hat. Inzwischen hat sich die Lage im Südsudan erneut dramatisch verschlechtert. Hunderttausende sind vor Gewalt und Menschenrechtsverletzungen auf der Flucht – vor allem Frauen und Kinder. Herzliche Wünsche der Verbundenheit gelten Bruder Hans Eigner, seinem Wirken und den ihm anvertrauten Menschen.

 

Aus: Der Geteilte Mantel. Ausgabe 2015. Mit freundlichem Dank für die Genehmigung.

© Diözese Rottenburg-Stuttgart