„Wir brauchen mehr Nachhaltigkeit, nicht weniger“

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  • Bonn - 09.12.2014

Kaum ein internationaler Vertrag ist derzeit so umstritten wie TTIP, die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft zwischen der USA und der Europäischen Union. Befürworter des Freihandelsabkommen hoffen auf einen Schub für die Wirtschaft und mehr Arbeitsplätze. Kritiker warnen vor der Absenkung von Umwelt- und Sozialstandards. Ähnlich kontrovers wird auch der geplante Freihandelsvertrag CETA zwischen der EU und Kanada diskutiert. Auch der Wirtschaftsexperte Prof. Heribert Schmitz warnt vor den Folgen solcher Handelsabkommen. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche erläutert er die Auswirkungen und plädiert für einen Stopp der Verhandlungen.

Frage: In einer Stellungnahme Ihrer Forschungsgruppe „Ethisch-Ökologisches Rating“ an der Goethe Universität in Frankfurt warnen Sie davor, dass durch die Freihandelsabkommen TTIP und CETA der Erhalt von Gemeingütern wie Umwelt, kulturelle und soziale Standards leicht unterlaufen werden können. Woran machen Sie das fest?

Schmitz: Das den Freihandelsabkommen unterlegte Prinzip, sowohl bei TTIP als auch bei CETA, ist die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Standards in der EU und den USA bzw. Kanada. Denn diese sind sehr unterschiedlich. Zum Teil sind die Anforderungen in den USA höher als bei uns, zum Teil eben auch umgekehrt. In einer freien Marktwirtschaft setzen sich letztendlich die global operierenden Unternehmen durch, die aufgrund niedrigerer Standards kostengünstiger liefern können. Da in der EU vor allem die sozialen und Umweltstandards höher sind als in den USA (mit Ausnahme von Kalifornien für den Umweltschutz) ist zu befürchten, dass über die Zeit eine Absenkung der Standards auf das Niveau der USA erfolgt. So haben die USA beispielsweise die meisten Standards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO nicht ratifiziert. Auswirkungen auf den Kulturbereich sind ebenfalls nicht auszuschließen, da viele der Angebote dann mit größter Wahrscheinlichkeit dereguliert und privatisiert werden.

Frage: Die EU-Kommission kann diese Sorge nicht nachvollziehen. Stattdessen verspricht sie durch TTIP mehr Wachstum, mehr Arbeitsplätze und höhere Löhne. Wie passt das zusammen?

Prof. Heribert Schmitz ist Mitglied der Forschungsgruppe „Ethisch-Ökologisches Rating“ an der Goethe Universität Frankfurt. privat

Schmitz: Die EU-Kommission, insbesondere der ehemalige EU-Handelskommissar Karel de Gucht, wollte diese Sorge nicht sehen. Seine Argumente waren teilweise nicht nachvollziehbar und eindeutig lobbygesteuert. Wenn man sich die offiziell von der EU-Kommission angegebenen Wachstumspotenziale anschaut, die unter optimalen Voraussetzungen mit 0,2 Prozent bzw. in einer anderen Studie mit 0,5 Prozent über einen Zeitraum von zehn Jahren angegeben werden, sieht man, dass dies Werte sind, die eine solche massive Auswirkung auf unsere Wirtschaft und Allgemeinheit nicht rechtfertigen. Darüber hinaus sind die positiven Auswirkungen auf Arbeitsplätze bei solch niedrigen Wachstumsraten nur marginal, wenn überhaupt messbar, da ein Großteil der Arbeitsplätze in einer arbeitsteiligen globalen Gesellschaft auch nicht zwangsläufig in Europa entsteht. Erschwerend kommt hinzu, dass selbst nach Studien der EU die Auswirkungen für einzelne EU-Länder sehr unterschiedlich sein werden. Deutschland würde danach zu den Gewinnern zählen, einige, vor allem südeuropäische Länder hingegen zu den Verlierern. Wie man zu der Aussage gelangen kann, dass die Abkommen zu höheren Löhnen führen können, ist mir absolut schleierhaft. Das Gegenteil wird der Fall sein. Die Löhne werden weiter unter Druck sein und die Sozialleistungen werden zunehmend infrage gestellt bzw. abgebaut werden.

Frage: Sie kritisieren auch das sogenannte Investitionsschutzabkommen, das es Unternehmen erlaubt, Staaten zu verklagen, wenn durch deren Gesetzgebung Gewinnschmälerungen eintreten. Welche Folgen hätte dies für die Demokratie?

Schmitz: Durch die geplanten Investitionsschutzabkommen werden höhere Standards, z. B. im Sozialbereich, bei der Umwelt, im Verbraucherschutz, bei Abgaben und Steuern, nicht mehr möglich, da die Staaten die Unternehmen für dadurch entstehende Gewinnausfälle entschädigen müssen. Natürlich dürfen Konzerne nicht der Willkür von Regierungen ausgesetzt sein. Aber so wie die Pläne jetzt aussehen, würde dies de facto zu einer Entmündigung der Legislative und zu einer Aushöhlung der Demokratie führen. Man muss sich hier nur die bereits jetzt bekannten Prozesse anschauen, die von Unternehmen gegen Staaten geführt werden, bei denen es solche bzw. ähnliche Abkommen gibt. Das sind Prozesse vor geheim tagenden Schiedsgerichten, deren Unterlagen niemand einsehen darf, und deren Urteile sich die Vertragsparteien vorab ohne Berufungsinstanz unterworfen haben. Gleiches sehen TTIP und CETA vor.

Frage: Die Bürgerinitiative „Stopp TTIP“ hat nach eigenem Bekunden europaweit bereits mehr als eine Million Unterschriften gegen das Freihandelsabkommen gesammelt. Welchen Einfluss haben solche Petitionen auf die Verhandlungen?

Schmitz: Ich hoffe, dass diese Petitionen zu einem Umdenken auf EU-Ebene, aber auch bei der Bundesregierung führen. Die Abkommen in der jetzigen Form müssen gestoppt werden. Wenn es gelänge, die Zielsetzung der Verträge dahingehend zu verändern, dass wir in der EU und den USA bzw. Kanada zu höheren Standards kämen – besonders in den Bereichen, wo es um Nachhaltigkeit geht – dann sollte man solche Abkommen unterstützen. Aber davon sind wir leider weit entfernt. Wir brauchen mehr Nachhaltigkeit und nicht weniger.

Frage: Sollten die Verhandlungen zu TTIP und CETA komplett gestoppt werden oder besteht eine Chance, dass die Bedenken der Zivilgesellschaft doch noch gehört werden?

Schmitz: Nachdem keine Hoffnung besteht, die Abkommen mit nachhaltigen Standards zu versehen, hält es unsere Forschungsgruppe „Ethisch-Ökologisches Rating“ für besser, sie werden solange komplett gestoppt, bis es einen öffentlichen und transparenten Diskussionsprozess in allen europäischen Parlamenten zum Thema gegeben hat.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

Weitere Informationen zur Position der Forschungsgruppe „Ethisch-Ökologisches Rating“ zu TTIP und CETA finden Sie hier und in dieser Stellungnahme:

Zur Person

Prof. Dipl. Ing. Heribert Schmitz war mehr als 35 Jahre in leitenden Führungsfunktionen in deutschen und international operierenden Unternehmen tätig, zuletzt als Vice President der Hewlett Packard Corporation und als Vorsitzender der Geschäftsführung und danach als Vorsitzender des Aufsichtsrates für Hewlett-Packard GmbH in Deutschland. Seit 2006 arbeitet er als Honorarprofessor an der Hochschule Furtwangen. Seit 2010 ist er Gastprofessor an der Nordwest Universität in Xi’an in China. Zudem ist Prof. Heribert Schmitz Mitglied in mehreren Beiräten u. a. in der Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches-Rating an der Goethe Universität Frankfurt.

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Stichwort: TTIP

Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (englisch Transatlantic Trade and Investment Partnership – TTIP) ist ein Abkommen zum Freihandel und Investitionsschutz, das derzeit zwischen der EU und den USA ausgehandelt wird. Ziel ist, das Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen voranzutreiben.

Dazu gehört zum einen der Abbau von Handelshemmnissen, etwa branchenweiten Zöllen. Damit soll der Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen zwischen EU und USA erleichtert werden. Auch Hürden, die über Zollgrenzen hinausgehen, wie zum Beispiel unterschiedliche technische Regelwerke, Normen und Zulassungsverfahren, sollen geringer werden.

Weiteres Ziel der Verhandlungen ist es, die Märkte in den USA und der EU für Dienstleistungen, Investitionen und öffentliche Vergabeverfahren zu öffnen. So könnten weltweit geltende Handelsregeln und Arbeitsplätze geschaffen werden.

Das geplante Abkommen hat bislang vor allem wegen Intransparenz starke Kritik aus verschiedenen Richtungen erhalten. Neben einer Vielzahl von Bedenken mit Blick auf eine befürchtete Senkung von gesetzlichen Gesundheits-, Umwelt- und Sozialstandards wird auch die Einführung sogenannter Schiedsgerichte kritisiert. (KNA)

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