Ein Mord, der ganz Amerika erschütterte

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  • Rom - 14.11.2014

Der bekannteste Jesuit Lateinamerikas sitzt derzeit mit dem Namen Franziskus auf dem Papstthron. Vor 25 Jahren hieß der berühmteste Jesuit Lateinamerikas Ignacio Ellacuria. Der aus Spanien stammende Theologe und Philosoph war einer der brillantesten intellektuellen Köpfe, den die Ordensgemeinschaft jemals hervorgebracht hat. Er leitete die weit über die Landesgrenzen von El Salvador hinaus bekannte Jesuiten-Hochschule UCA und machte sie zu einer der führenden akademischen Institutionen in Mittelamerika.

Aber Ellacuria war nicht nur ein begnadeter Intellektueller; er war, obwohl Spanier, einer der wegweisenden politischen Köpfe des kleinen Landes, das in den 1980er Jahren von einem blutigen Bürgerkrieg mit mehreren zehntausend Opfern zerrissen wurde. Am 16. November 1989 wurde Pater Ellacuria ermordet. Gemeinsam mit ihm wurden fünf weitere Jesuiten sowie zwei weibliche Angestellte getötet.

Blutnacht von San Salvador

Die Szene des Verbrechens bot selbst für die an Gewalt und Blut gewöhnten Salvadorianer ein schockierendes Bild. Die Schädel der auf dem Boden liegenden Opfer waren von Maschinengewehrsalven zerfetzt, ihr Blut tränkte die Gartenerde zentimetertief. Nachdem die Leichname zur Obduktion gebracht worden waren, bargen Freunde und Kollegen die blutige Erde in Gefäßen, die schon bald danach wie Reliquienschreine verehrt wurden.

Der Befreiungstheologe Jon Sobrino führte im Mai 2014 Mitglieder der Adveniat-Kommission an die Stelle, an der die Jesuiten ermordet wurden. Im Vordergrund Weihbischof Rosa Chávez aus San Salvador. Hartmut Köß

Eine Gedenktafel und blühende Rosen erinnern heute an die schrecklichen Ereignisse. In Europa wurden sie damals im Freudentaumel unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer kaum zur Kenntnis genommen, aber in Lateinamerika und in den USA lösten sie einen Schock aus.

Die Frage, warum Professor Ellacuria und seine Gefährten ermordet wurden, ist auch 25 Jahre nach der Blutnacht von San Salvador nicht mit Sicherheit zu beantworten. Fest steht, dass Soldaten einer von amerikanischen Ausbildern geschulten Eliteeinheit der Armee die grausame Tat verübten, sie aber als einen nächtlichen Überfall der linken Guerillatruppe FMLN tarnten.

Sicher ist auch, dass Ellacuria in teilweise geheimen Friedensverhandlungen zwischen der Guerilla und der salvadorianischen Regierung eine wichtige Rolle spielte. Er sympathisierte offen mit den politischen Zielen der Guerilla, ohne jedoch deren Weg der Gewalt zu befürworten. Aus Sicht der Regierung und der Armee war die UCA eine Art Think Tank für die Revolutionäre von der FMLN. Dass man die führenden Köpfe beseitigen wollte, lag in dieser Konstellation auf der Hand.

Zugeständnisse der Regierung

In der Konsequenz bewirkten die politischen Morde an den Jesuiten jedoch genau das Gegenteil dessen, was die Urheber beabsichtigt hatten. Die Regierung, die nie ganz den Verdacht abschütteln konnte, dass Verteidigungsminister Rene Emilio Ponce die auch von den USA verurteilte Tat befohlen hatte, geriet so stark unter Druck, dass sie den folgenden, nun offiziellen Friedensverhandlungen mit der FMLN weitgehende Zugeständnisse machen musste.

Die einstige Guerillabewegung wurde als politische Partei zugelassen und stellte knapp zwei Jahrzehnte später sogar den Präsidenten des Landes. Aber auch die FMLN musste Kompromisse eingehen. Dazu gehört eine weitgehende wechselseitige Amnestievereinbarung für beide Bürgerkriegsparteien, unter deren Schutz ab 1993 auch jene Militärs kamen, die wegen der Ermordung der Jesuiten rechtskräftig verurteilt und inhaftiert worden waren. Aus Sicht der Angehörigen und von Menschenrechtsorganisationen gilt daher die Ermordung der sechs Jesuiten und ihrer beiden Angestellten nach einem Vierteljahrhundert weiterhin als ungesühnt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass im Jahr 2011 ein spanisches Gericht die Täter und ihre Befehlsgeber in Abwesenheit abermals verurteilte.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)

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