Anspruch und Wirklichkeit: Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Macht

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  • Berlin - 10.02.2014

Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“ (Jesus-Zitat aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 20, Vers 25b–26). Wie kann die Kirche dieses Gebot Jesu einlösen? Ein Beitrag von Entwicklungs-Expertin Sonja Grolig:

Die katholische Kirche ist wegen Machtmissbrauch und Intransparenz immer wieder in die Schlagzeilen geraten, zuletzt beim Skandal um sexuellen Missbrauch, bei der „Vatileaks-Affäre“ im Vatikan und beim Bau des Limburger Bischofssitzes. Man mag als engagiertes Kirchenmitglied bedauern, welches auf Skandale zentrierte Kirchenbild in den vergangenen Monaten gezeichnet wurde. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass innerkirchlich erst durch den Druck der Medien Schritte gegen den Machtmissbrauch unternommen wurden. Wie lässt sich nun die Diskrepanz zwischen den Anforderungen Jesu und den eklatanten Fällen von Machtmissbrauch und Intransparenz in der Kirche erklären?

Von Gott gegebene Macht

Eine Besonderheit kirchlichen Selbstverständnisses ist der unmittelbare Rückbezug aller Amtsgewalt auf Gott. Macht ist in der Kirche von Gott gegeben und wird richtig verstanden als Mittel zur Gestaltung – nicht als (Selbst-)Zweck! Machtgebrauch muss den Menschen im Sinne des obigen Bibelzitates dienen. Dabei lebt die Kirche in hohem Maße von einer Tradition des Vertrauens ihrer Gläubigen in die eigene Glaubensgemeinschaft und in deren Leitungsstrukturen. Doch institutionell ist für den Fall des menschlichen Versagens – das zeigen die Skandale – noch zu wenig vorgesorgt. Sie werden als Einzelfälle gesehen und tabuisiert, um das System nicht in Frage zu stellen, dem sie entwachsen. Der weite Handlungsspielraum, den einzelne Amtsträger genießen, kann dabei zu einer menschlichen Überforderung führen.

Transparenz ist keine Glaubensfrage

Gerade im Umgang mit den Finanzen zeigen sich Teile der katholischen Kirche als Räume von Intransparenz und mangelnder Kontrolle. Es fehlt hier die realistische Selbstsicht, dass Kirche und ihre Mitglieder Anteil an der Versuchbarkeit und Korrumpierbarkeit haben, die Macht bewirken kann. Diesem Umstand kann aber nur mit den Instrumenten wirksam begegnet werden, die sich anderswo bei der Kontrolle von Machtorganen bereits bewährt haben. Es geht darum, Vermögensverwaltung offen zu legen, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und Kontrollorgane so einzurichten, dass deren Unabhängigkeit und Fachkompetenz Fehlverhalten von Entscheidungsträgern tatsächlich begrenzen kann.

Die bisherige Praxis, nach der die Mitglieder kirchlicher Aufsichtsgremien oft von den Amtsträgern berufen werden, die sie kontrollieren sollen, stellt eine strukturelle Schwachstelle dar. Fragwürdig ist auch, ob Theologen schon aufgrund ihres Status als Kleriker fachlich geeignet sind, Leitungspositionen zu besetzen, die im Kern vor allem Managementkompetenzen und wirtschaftliches Fachwissen benötigen.

Entscheidend für den anstehenden Wandel in der Kirche wird es sein, die Frage der Rechtschaffenheit von Amtsausübung nicht länger als Glaubensfrage zu handhaben. Denn die von Gott verliehene Amtsvollmacht entbindet nicht von der Pflicht, auch gegenüber den Mitgliedern der Kirche und anderen Interessierten in angemessener Weise Rechenschaft abzulegen. Im Bereich der Finanz- und Vermögensverwaltung geschieht dies mittels überprüfbarer Fakten. Dass eine solche Transparenz und Rechenschaftslegung möglich ist, zeigen eine ganze Reihe von kirchlichen Organisationen schon jetzt.

„Wo Missstände herrschen, braucht es eine kritische Loyalität.“

Kritische Loyalität gefordert

Innerhalb der katholischen Hierarchie kollidiert berechtigte Kritik von unten nach oben leicht mit Loyalitätsanforderungen, die in umgekehrter Richtung gestellt werden. Daher ist es immer wieder notwendig, auf das Selbstverständnis der Kirche zurückzukommen, demzufolge jeder Gläubige für die ganze Kirche Mitverantwortung trägt. Wo Missstände herrschen, braucht es eine kritische Loyalität. Verhinderung von Machtmissbrauch und Korruptionsbekämpfung sind innerhalb wie außerhalb der Kirche ohne persönliche Integrität des Einzelnen und ohne Zivilcourage nicht zu meistern.

Von Sonja Grolig

Mit Dank für die freundliche Abdruckgenehmigung an Transparency International Deutschland e. V.

Zur Autorin

Sonja Grolig ist Theologin und Finanzwirtin. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in der weltkirchlichen Arbeit und ist Leiterin der Arbeitsgruppe Nichtstaatliche Entwicklungszusammenarbeit von Transparency Deutschland.

Einen weiteren Artikel von Sonja Grolig zum Thema „Transparenz in der Projektarbeit“ finden Sie hier .

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Transparenz in der Projektarbeit

Seit Jahren wird in unserer Gesellschaft der Ruf nach Transparenz lauter. Das zeigt sich nicht zuletzt in der aktuellen Debatte um die Haushalte deutscher Bistümer. Ebenso wichtig sind Transparenz und Vertrauen auch in der Projekt- und Partnerschaftsarbeit. Allzu häufig wird hier allerdings die Frage nach Rechenschaftslegung mit Misstrauen gleichgesetzt. Sonja Grolig stellt sich die Frage: Von welchem Vertrauen ist dann eigentlich die Rede?

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