Gewerkschaften in Südafrika fordern Weinboykott

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  • Kapstadt - 14.01.2013

Eine gesperrte Autobahn, brennende Reifen und fliegende Steine. In Südafrikas Provinz Westkap sind die Proteste von Farmarbeitern vergangene Woche erneut in Gewalt ausgebrochen. Ein Polizist wurde verletzt; die wütende Menge steckte das Auto eines Journalisten in Brand. Die Sicherheitskräfte gingen mit Gummigeschossen vor. Mindestens 51 Menschen wurden verhaftet. Die Arbeiter der Obst- und Weinfarmen fordern einen Mindesttageslohn von 150 Rand (13 Euro) statt der bisherigen 70 Rand (6 Euro). Ökonomen warnen vor wirtschaftlichen Schäden, die Südafrika noch über Jahre spüren könnte.

Die Proteste waren bereits der zweite Aufstand der Farmarbeiter in den vergangenen zwei Monaten. Schon Anfang Dezember waren sie in der Weinstadt De Doorns eine Woche lang nicht zur Arbeit erschienen. Nachdem die Proteste in Gewalt ausgeufert waren, herrschte bald Ausnahmezustand in De Doorns und 15 benachbarten Dörfern. Mindestens zwei Menschen starben, mehrere Weingärten wurden in Brand gesteckt. Bis heute wurden 271 Personen in Verbindung mit den gewaltsamen Streiks verhaftet.

Gespräche zwischen Gewerkschaften und Farmbesitzern scheiterten

Mit Landwirtschaftsministerin Tina Joemat-Pettersson hatte man sich auf einen vorübergehenden Streikstopp geeinigt. Die Regierung wollte das Mindestgehalt diskutieren und Gewerkschaftsvertreter mit den Farmbesitzern verhandeln, so der Deal. Beides habe sich als ineffektiv erwiesen, sagt Tony Ehrenreich, Gewerkschaftsvorsitzender in der Provinz Westkap: „Die Gespräche waren ein Desaster, eine Zeitverschwendung. Wir wurden mit Arroganz empfangen.“

Aufruf zum Boykott

Der Südafrikanische Gewerkschaftsbund (COSATU) rief zuletzt gar die internationale Gemeinschaft auf, südafrikanisches Obst und Wein zu boykottieren. Ehrenreich sagte, Arbeiter der Obst- und Weinfarmen hätten bereits Briefe an internationale Supermärkte und Großhändler geschrieben. Zuletzt gab es einen solchen Aufruf zur Zeit der Apartheid. Damals starteten westliche Nichtregierungsorganisationen Kampagnen gegen südafrikanische Obstimporte, um den Druck auf das weiße Regime zu erhöhen.

Wirtschaftliche Schäden drohen

Der Wirtschaftsverband Agri South Africa (AgriSA) vertritt in Südafrika knapp 70.000 kleine und mittlere Farmer. Sie warnt vor dem wirtschaftlichen Schaden, den die Proteste mit sich bringen könnten. Ausgerechnet jetzt steht auf den meisten Weinfarmen im Tal des Hex River die erste Ernte an. Die Höfe mit Steinobst folgen in den kommenden Wochen. Laut AgriSA droht das Obst auf den Feldern zu verrotten.

Ein Großteil der Landwirte ist zwar gegen einen Ernteausfall versichert. Politische Unruhen sind jedoch aus dem Vertrag ausgenommen. Zudem dürfte Südafrikas Ruf stark leiden. Michael Bagraim vom Verein für Handel und Industrie am Kap meint: „Ein Boykott würde der Konkurrenz in Südamerika, Australien und Neuseeland in die Hände spielen.“ Sie bräuchten sich den südafrikanischen Anteil nur noch vom Markt zu pflücken. AgriSA warnt die Farmarbeiter vor übereilten Aktionen. 13 Euro Mindestlohn seien für Kleinfarmer „nicht zu leisten“. Massenentlassungen im Westkap könnten die Folge sein.

Von Markus Schönherr

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