Kein Respekt vor dem Christentum?

  • Brüssel - 04.10.2012

Darf man eine Madonna aus einer Kirche auf die Straße werfen? In einem Theaterstück das Antlitz Jesu mit Kot beschmieren? Oder den Papst als inkontinenten Mann darstellen? Mit der Frage, welche Haltungen hinter solchen Handlungen stecken und welche Signalwirkung von ihnen für religiöse Gruppen und die Gesellschaft ausgehen, beschäftigten sich am Dienstag in Brüssel Vertreter aus Religion und Politik. Die Diskriminierung von Christen in Europa stand im Mittelpunkt des vom EU-Parlament und der EU-Bischofskommission COMECE gemeinsam veranstalteten Symposiums.

Die Referenten waren sich einig, dass besondere Anstrengungen nötig seien, um Diskriminierung gegen Christen zu unterbinden. Religionsfreiheit müsse für Christen ebenso gewährleistet werden wie für religiöse Minderheiten. EU-Abgeordneter Jan Olbrycht erklärte: „Diskriminierende Handlungen richten sich gegen fundamentale Grundlagen der Europäischen Union.“ Er beobachte in Europa viele besorgniserregende Entwicklungen, die sich gegen Christen richteten. Dagegen müsse man gemeinsam und entschlossen vorgehen, so Olbrycht, der auch stellvertretender Vorsitzender der Europäischen Volkspartei und Verantwortlicher für interkulturelle Beziehungen ist. Er beklagte, dass sich Christen angesichts anhaltender Diskriminierung mehr und mehr als Minderheit in Europa fühlten.

Die Statistik spricht deutliche Worte

Einen deutlich negativen Trend sieht auch die Wiener Beobachtungsstelle gegen Intoleranz und Diskriminierung von Christen in Europa. Laut Statistik seien Christen die am meisten diskriminierte religiöse Gruppe Europas: 84 Prozent des Vandalismus in Frankreich richten sich demnach gegen christliche Gebetsstätten. 48 Prozent aller Geistlichen in Großbritannien machten innerhalb eines Jahres diskriminierende Erfahrungen. Und in Schottland würden 95 Prozent aller anti-religiös motivierten Gewalttaten gegen Christen verübt.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) in Europa fordere deshalb schon seit Jahren einen öffentlichen Dialog über die Diskriminierung von Christen in Europa, betonte der Vertreter der Beobachtungsstelle, Martin Kugler. Außerdem empfehle sie die Überarbeitung von Gesetzen mit möglichen negativen Auswirkungen für Christen. Dabei gehe es nicht um Privilegien, die Christen einforderten, so Kugler. Es gehe nur um gleiche Rechte.

"Ein zentrales Thema ist auch der Schutz religiös motivierter Gewissensentscheidungen", erklärte Florian Kolfhaus, vatikanischer Vertreter aus dem Staatssekretariat. EU Parliament

Diskriminierung gegen Christen erregt wenig öffentliche Aufmerksamkeit

Auffällig sei, dass Medien und Politik über Diskriminierung oder Intoleranz gegenüber Christen nicht oder nur ansatzweise berichteten, kritisierte Florian Kolfhaus, vatikanischer Vertreter aus dem Staatssekretariat. „Man stelle sich einmal vor, aus einer Synagoge würde eine Menorah von Vandalisten auf die Straße geworfen. Was gäbe das für einen europaweiten Aufschrei – und zu Recht“, sagt Kolfhaus. Ein ähnlicher Vorfall in einer katholischen Kirche im vergangen Jahr in Italien habe dagegen nahezu keine Aufmerksamkeit erregt. Nicht jedes Graffiti an Kirchenmauern oder auf christlichen Grabsteinen sei Ausdruck des Hasses, stellte Kolfhaus fest. Aber es zeige mangelnden Respekt und mangelndes Verständnis gegenüber der Religion.

Der Sekretär der EU-Bischofskommission COMECE, Piotr Mazurkiewicz, erklärte, es sei überraschend, dass im liberalen demokratischen Kontext Europas Diskriminierung von Christen diskutiert werden müsse. Von Politik und Gesellschaft würden säkulare Sichtweisen bevorzugt, weil man meine, sie seien neutral. Wenn man ein Kreuz aus einem Klassenzimmer entferne, habe dies aber eine Bedeutung. Auch säkulare Bewegungen könnten schließlich intolerant sein: Als Beispiel nannte Mazurkiewicz die Schließung katholischer Adoptionsagenturen in Schottland aufgrund von politischem Druck, weil sie homosexuellen Paaren keine Kinder vermitteln wollten. Toleranz bedeute aber doch, auch Gegenmeinungen zuzulassen.

„Nicht jede Diskriminierung ist diskriminierend: Es gibt auch das Recht, anders zu sein.“

— Florian Kolfhaus, vatikanisches Staatssekretariat

Einig waren sich EU- und Kirchenvertreter vor allem darin, dass dem Schutz der christlichen Gewissensfreiheit im europäischen Recht eine größere Bedeutung zukommen müsse. Es müsse erlaubt sein, dass ein Mediziner nicht an einer Abtreibung mitwirken oder ein Apotheker keine „Pille danach“ verkaufen wolle. „Es ist überflüssig, zu sagen, dass die Kirche gegen Diskriminierung ist. Aber nicht jede Diskriminierung ist diskriminierend: Es gibt auch das Recht, anders zu sein“, so Kolfhaus. Wortmeldungen von Christen, die ihren Glauben verteidigten, würden zusehends als unpassend empfunden, kritisierte er.

Die EU-Abgeordneten sicherten zu, sich im Parlament verstärkt für eine Thematisierung der Diskriminierung von Christen einsetzen zu wollen. Für eine Aussprache im EU-Plenum sei es allerdings noch zu früh; für viele Abgeordnete stelle eine offene Debatte darüber eine Bedrohung dar, weil sie sich mit dem Thema nicht auskennen würden, bedauerte der konservative EU-Abgeordnete Jan Olbrycht.

Von Nina Schmedding (KNA)

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