Armenien contra Aserbaidschan: Krieg um Berg Karabach – mit kulturellem Hintergrund

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Die wiederaufgeflammten Gefechte zwischen den ewigen Feindstaaten Armenien und Aserbaidschan sind in erster Linie ein schon alter territorialer und Minderheitenkonflikt. Doch dieser hat auch eine religiös-kulturelle Note.

Europa schaut gebannt auf den Südkaukasus – wo seit wenigen Tagen der Territorialkonflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan wiederaufgeflammt ist. Es geht um die Region Berg-Karabach, die zwar völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Schon früher, in den 1920er und 90er Jahren, gab es darum Krieg. Im Hintergrund hat der historische Konflikt auch eine religiös-kulturelle Note, wie auch die politischen Achsen von heute belegen: die muslimische Türkei auf aserbaidschanischer Seite, das christlich geprägte Russland auf armenischer.

Armenien hat durch den türkischen Völkermord im Ersten Weltkrieg, dann durch die Sowjetdiktatur (1921-1991) große Rückschläge erlitten – durch Hunderttausende Tote wie auch territorial. Das heutige Staatsgebiet macht nur noch einen Bruchteil jenes historischen Kulturraums aus, den die Armenier geprägt haben. Ihr Kernland im Westen mit dem Vansee und dem „heiligen Berg“ Ararat heißt heute „Ostanatolien“ und gehört dem einstigen Peiniger Türkei, in Sichtweite der armenischen Hauptstadt Jerewan.

Selbstironisch sprechen die Armenier vom „armenischen Glück“, solche Nachbarn zu haben: die miteinander verbündeten Feindstaaten Türkei und Aserbaidschan im Westen und Osten; den schiitischen Iran im Süden; das mit der Schutzmacht Russland verfeindete Georgien im Norden. Im Ergebnis sind fast alle Grenzen Armeniens dicht.

Sowohl die Türkei als auch Aserbaidschan, sowohl der Iran als auch Russland haben in den 1920er Jahren territorial vom diplomatischen Versagen der europäischen Mächte profitiert – auf Kosten Armeniens. Die erste armenische Republik von 1918 war quasi eine Totgeburt. Dabei standen die diplomatischen Zeichen nach der Katastrophe des osmanischen Völkermordes an den Armeniern 1915/16 zunächst günstig. Der in Sevres bei Paris geschlossene Vertrag von 1920 sah vor, dass sogar die Türkei den unabhängigen armenischen Staat anerkennt.

Konflikte - 29.09.2020

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Doch dazu kam es nicht. Die sowjetische Rote Armee besetzte die Republiken Armenien und Aserbaidschan, und 1923 revidierte der Vertrag von Lausanne die Beschlüsse von Sevres zugunsten der Türkei. Die neue Türkische Republik Mustafa Kemal Atatürks verleibte sich große Teile des armenischen Stammlandes ein. Armenien wurde faktisch zwischen Ankara und Sowjetrussland aufgeteilt.

Auf die Region Berg-Karabach erhoben schon damals sowohl das christliche Armenien als auch das muslimische Aserbaidschan Anspruch. Vor der Sowjet-Okkupation gab es kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den beiden jungen Republiken, sogar Gräueltaten wie beim Pogrom von Schuscha, bei dem Tausende armenische Bewohner getötet wurden. Die sowjetische Besatzung erstickte den Konflikt.

Der Bevölkerungsanteil der Armenier in Berg-Karabach ist seither kontinuierlich gesunken, ist aber bis heute mehrheitlich. Berg-Karabach blieb seither eine Art armenischer Exklave ohne Verbindung zum angrenzenden Mutterland; völkerrechtlich gehört es zu Aserbaidschan. Kein Mitgliedstaat der UNO hat die selbsterklärte Republik Berg-Karabach – seit 2017 „Republik Arzach“ – diplomatisch anerkannt.

Unterdessen ist Wladimir Putins Russland immer noch Armeniens knebelnde Schutzmacht und „Bruder“. Zwar ist wichtigster Wirtschaftspartner die EU – doch Russland hat stets genügend strategisches Erpressungspotenzial, vor allem Gas, um etwa ein Assoziationsabkommen mit der EU zu unterbinden. Zudem liefert Moskau preisreduzierte Waffen – gegen politisches Wohlverhalten – und bietet, wie jetzt im Konflikt um Berg-Karabach, diplomatische Unterstützung an.

Die rohstoffreiche Ex-Sowjetrepublik Aserbaidschan kauft ebenfalls russische Waffen, wenn auch zu teurerem Kurs. Seine militärische Überlegenheit gegenüber Armenien schätzen Experten auf etwa 2:1 – in allen Waffen- und Materialgattungen. Das heutige Armenien dagegen ist ein Land ohne Handelswege: Fast alle Transportwege aus Armenien hinaus sind gekappt – bis auf eine einzige Bahnlinie, die in Tiflis endet. Das Land kann nichts exportieren, ist ganz auf Binnenwirtschaft angewiesen. Erst 2006 erreichte das Bruttoinlandsprodukt überhaupt wieder die Höhe der späten, maroden Sowjetzeit.

Seit 301 ist das Christentum in Armenien Staatsreligion; es ist damit das älteste christliche Land überhaupt. Und auch auf der Ebene des Kulturerbes wird der Kampf der verfeindeten Nachbarnationen geführt. So wurden in der Türkei über Jahrzehnte armenische Kirchen und Friedhöfe als Schießübungsplätze missbraucht. Und noch zwischen 2000 und 2015 sollen laut armenischen Angaben in Aserbaidschan rund 2.000 armenisch-christliche Kreuzsteine („Chatsch'karen“) aus dem 10. bis 17. Jahrhundert systematisch zerstört worden sein, die die Unesco zum schützenswerten Kulturerbe erklärt hat. Baku wies dies vehement zurück.

Derzeit sprechen wieder die Waffen zwischen den verfeindeten Nachbarn. Der verfahrene Territorialkonflikt wird diplomatisch nur schwer zu lösen sein – zumal es auch zwischen den Schutzmächten Türkei und Russland seit Monaten bedenklich knirscht.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

© Text: KNA