Argentiniens Corona-Absturz sorgt für eine politische Krise

  • Südamerika - 16.10.2020

Im Heimatland von Papst Franziskus explodieren die Corona-Zahlen und die Armut – und das trotz eines wochenlangen strengen Lockdown. Präsident Alberto Fernandez gerät zusehends unter Druck.

Am Ende sind es Zehntausende, die im Zentrum von Buenos Aires ihrem Ärger Luft machen. Mit argentinischen Flaggen und Plakaten gegen die Corona-Politik von Präsident Alberto Fernandez und seiner Stellvertreterin Cristina Kirchner, die selbst das südamerikanische Land von 2007 bis 2015 im Anschluss an die Amtszeit ihres Mannes Nestor Kirchner (2003-2007) regierte. Das Duo, das seit Dezember 2019 und einem klaren Wahlsieg über die konservative Regierung von Mauricio Macri die Macht übernommen hat, gibt derzeit eine unglückliche Figur ab.

Vor allem der strenge Lockdown wird der Linksregierung nun vorgeworfen. Er habe die ohnehin kriselnde Wirtschaft komplett abgewürgt und die Pandemie nur verschleppt und verschlimmert. Tatsächlich explodieren derzeit die Armutsraten. Bis zum Jahresende wird erwartet, dass rund 45 Prozent der Argentinier unter die Armutsgrenze geraten. Millionen Kinder und Jugendliche wachsen dann in prekären Verhältnissen auf. Hinzu kommt, dass die Pandemie erst jetzt ihre volle Wucht entfaltet.

Allein in den vergangenen 14 Tagen gab es laut Tageszeitung „La Nacion“ mehr 8.000 Tote und 180.000 Neu-Infektionen. Geht es in diesem Tempo weiter, wird Argentinien bald unter den globalen Top Ten der Länder mit den meisten Toten pro 100.000 Einwohner zu finden sein. Und auch die Grenze von einer Million Infektionen wird wohl in Kürze fallen.

Das alles und der Versuch der argentinischen Regierung, eine umstrittene Justizreform durchzupeitschen, von der die unter Korruptionsvorwürfen stehende Vizepräsidentin Kirchner profitieren könnte, sorgt auf der Straße für Unmut. Hinzu kommt, dass der politisch aktive Kirchner-Sohn Maximo zudem noch sein Privatvermögen innerhalb nur eines Jahres um 50 Prozent steigern konnte – während die Mehrheit des Landes wirtschaftlich schweren Zeiten entgegengeht.

All das sorgt dafür, dass die politischen Lager weiter auseinanderdriften. Die Kirche zeigt sich deshalb besorgt über die wachsende innenpolitische Spannung im Land. Der Vorsitzende der Argentinischen Bischofskonferenz, Bischof Oscar Vicente Ojea aus San Isidro, rief jüngst die Politik dazu auf, Verhaltensweisen zu unterlassen, die die Gräben in der Gesellschaft vertiefen würden. Es gebe Wörter und Gesten, die „uns zerstören, uns spalten“, sagte Ojea.

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„Mehr Drogen, mehr Gewalt“

Doch sein Appell verhallte ungehört. Inzwischen liefern sich Präsident Fernandez und sein Vorgänger Macri heftige Verbalduelle über die Medien; in die sich auch Fußball-Legende Diego Maradona einschaltete.

Der Weltmeister von 1986 warf Ex-Präsident Macri vor, mit seinen Entscheidungen in seiner Amtszeit das Leben von Generationen von Argentiniern belastet zu haben. Macri war einst Chef des Fußballklubs Boca Juniors aus Buenos Aires. Ihn verbindet mit Maradona, der traditionell Sympathien für die argentinische Linke wie auch die Diktaturen in Venezuela und Kuba hegt, eine tiefe Abneigung.

Venezuela ist ein weiterer Belastungstest für die Regierung. Während sich Fernandez damit durchsetzte, die in einem UN-Bericht beschriebenen schweren Menschenrechtsverletzungen des Folterregimes in Caracas zu verurteilen, geht der linke Flügel der Regierung dagegen auf die Barrikaden. Ihn besorge die argentinische Außenpolitik, die sich der Linie von US-Präsident Donald Trump und der Gruppe von Lima annähere, jedes Mal mehr, twitterte Juan Grabois. Er gilt innerhalb des linken Lagers als eine wichtige Stimme und wird in den argentinischen Medien stets als enger Vertrauter des Papstes bezeichnet. Deshalb kam seiner weiteren Bemerkung, dass Rom keine Verräter bezahle, eine besondere Aufmerksamkeit zu.

Derweil richtet die Kirche den Blick auf die Corona-Lage. Argentinien sei von der Krise besonders betroffen, so Ojea. Es gebe in vielen Vierteln mehr Drogen und mehr Gewalt. Um die Folgen der Pandemie zu überwinden, sei mehr „soziale Liebe“ notwendig. Besonders die „abgehängten Kinder“ der Gesellschaft bräuchten nun mehr Aufmerksamkeit und Hilfe.

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Von Tobias Käufer (KNA)

© Text: KNA