„Lernen, aufeinander achtzugeben“

  • © Bild: Mareille Landau/Kindermissionswerk
  • Sierra Leone - Kindesschutz in Zeiten von Corona

In der Folge der Corona-Pandemie steigt weltweit die Gefahr des sexuellen Missbrauchs von Kindern im häuslichen Umfeld. In Sierra Leone setzt sich die Mädchenschutzorganisation „Commit and Act“ für Missbrauchs- und Krankheitsprävention ein. Das Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘ unterstützt dieses Engagement.

Eigentlich hätte der 3. Juli ein normaler Tag werden sollen. Wie schon oft wurde die zehnjährige Miriam (Name geändert) von ihren Eltern beauftragt, die Vögel zu verscheuchen, die die Ernte der Familie bedrohen. Miriam setzte sich in den Schatten unter das Strohdach eines Anbaus und beobachtete das Feld, als ein Nachbar zu ihr kam. Der Mann teilt sich das Land mit Miriams Vater. Als er sah, dass Miriam allein und niemand in Sichtweite war, begann er das Mädchen zu bedrängen. Sie wehrte sich. Doch er schlug und bedrohte sie. Erst nach der Vergewaltigung ließ der Nachbar von ihr ab. Schwer traumatisiert lief Miriam zu ihrer Stiefmutter und vertraute ihr an, was passiert war.

Hilfesuchend kontaktierte die junge Frau „Commit and Act“, eine Organisation, die sich in Sierra Leone für den Kindesschutz und gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und jungen Frauen engagiert. Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und Ehrenamtliche schützen und betreuen Missbrauchsopfer, setzen sich für ihre Rechte ein und leisten gesellschaftliche Aufklärungs- und Präventionsarbeit. Sie halfen auch Miriam. Gemeinsam mit der Familie des Mädchens erstatteten sie Anzeige. Die Polizei wurde zum Tatort geführt, sammelte Beweise und verhaftete den Mann. Die Mitarbeiter von „Commit and Act“ helfen Miriam nun, die Missbrauchserfahrung zu bewältigen.

Eine gewaltsame Geschichte

Schwere Missbrauchsfälle sind in Sierra Leone leider häufig. Wie in vielen anderen Ländern hat auch dort die sexuelle Gewalt gegen Kinder erschreckend zugenommen. Meist geschehen die Taten im engeren Umfeld der Kinder. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Belastungen gefährden junge Menschen zusätzlich. In Sierra Leone kommt hinzu, dass das Land eine lange Leidensgeschichte hat, die der Gewalt in der Gesellschaft bis heute Vorschub leistet: Von 1991 bis 2002 herrschte ein Bürgerkrieg in dem kleinen westafrikanischen Land. Er forderte mehr als 100.000 Todesopfer, rund 90 Prozent waren Zivilisten. Tausende Menschen wurden gefoltert, vergewaltigt und verstümmelt, unzählige Kinder als Soldaten zwangsrekrutiert.

Das Projekt auf einen Blick

Psychosoziale Arbeit in der Aufklärung und Bekämpfung von Covid-19

Land: Sierra Leone

Zielgruppe: Bevölkerung in ländlichen Gebieten, Mädchen und junge Frauen

PartnerInnen vor Ort: Commit and Act

Unterstützende Organisation: Kindermissionswerk ,Die Sternsinger‘

Voraussichtliche Projektkosten: 104.500 €

Art der Hilfe: Schulungen, monatliche Supervision, Verteilung von Informations- und Hygienematerialien

Erst Ebola, dann Corona

Friedensarbeit, Wiederaufbau und wirtschaftlicher Aufschwung erlitten mit dem Ausbruch des Ebolafiebers im Jahr 2014 einen harten Rückschlag. Sierra Leone gehörte mit Guinea und Liberia zu den Ländern, die am schwersten von der Epidemie betroffen waren. Das öffentliche Leben brach zusammen, mehr als 11.000 Menschen starben. Während der Epidemie nahm die häusliche und sexuelle Gewalt stark zu. Allein im Jahr 2018 wurden 8.500 Fälle gemeldet. Im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Reaktionen wurde das Strafmaß für Sexualdelikte angehoben. Sierra Leone geht nun härter gegen Täter vor. Doch noch immer fühlen sich die Mädchen und Frauen nicht sicher, wie die Mitarbeiterinnen von „Commit and Act“ auf der Basis zahlreicher Gespräche mit Betroffenen berichten.

Nach der Überwindung der Ebola-Epidemie im Jahr 2016 hat die Corona-Pandemie Sierra Leone in diesem Jahr in eine schwierige Ausnahmesituation gebracht: Die Regierung ließ am 31. März alle Schulen im Land schließen. Bislang wurden rund 1.800 Infektionen bestätigt. In einem Land ohne funktionierendes Gesundheitssystem ist es besonders wichtig, die Ausbreitung der Krankheit frühzeitig einzudämmen. Inzwischen wurden einige Lockdown-Bestimmungen gelockert, aber die Lage im Land bleibt äußerst angespannt. Der zaghaft aufblühende Tourismussektor ist eingebrochen. Die Arbeitslosigkeit hat zugenommen – und mit ihr Hunger und Not. Perspektivlosigkeit und Angst führen bei manchen Menschen zu erhöhter Gewaltbereitschaft.

Prävention gegen Gewalt und Krankheit

Händewaschen schützt: Die Mitarbeiterinnen von „Commit and Act“ erklären den Kindern, wie es richtig geht.

Projektpartner Commit and Act

Schon während der Ebola-Epidemie hatte die Sternsinger-Partnerorganisation „Commit and Act“ Gewalt- und Krankheitsprävention zugleich betrieben. Diesen doppelten Einsatz leistet sie nun auch in der Corona-Pandemie. Um Ansteckungen zu verhindern, betreiben die Mitarbeiterinnen Aufklärungsarbeit vor allem in Dörfern – dort, wo das Wissen über Covid-19 gering und der Zugang zu Informationsmedien eingeschränkt ist. Sie sensibilisieren die Menschen dafür, dass Kinder und Jugendliche vor Gewalt geschützt werden müssen, und wenden sich auch direkt an Mädchen und junge Frauen: „Commit and Act“ informiert sie über ihre Rechte und stärkt ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Darüber hinaus schult die Organisation Menschen, an die sie sich wenden können, wenn sie bedroht oder misshandelt werden.

 

 

Regelmäßige Besuche, gemeinsame Suche nach Lösungen

Bei regelmäßigen Besuchen in den Dorfgemeinschaften informieren sich die Mitarbeiterinnen von „Commit and Act“ darüber, ob es Infektionen mit dem Coronavirus gibt und wo Hilfe benötigt wird. Sie strahlen Radioprogramme zum Thema aus und verteilen Informationsmaterial, Seifen und Masken. „Der Projektpartner verfolgt einen psychosozialen Ansatz, der die Bevölkerung einbezieht, denn die Probleme sind von Dorf zu Dorf unterschiedlich“, berichtet Gesine Henrichmann, Afrika-Referentin im Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘. „Commit and Act sucht mit den Bewohnern vor Ort, in der Gemeinschaft selbst, nach Lösungen. Langfristig lernen die Menschen dadurch auch, aufeinander achtzugeben, und zwar nicht nur in Zeiten von Corona.“

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Weitere Informationen

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